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Kirchenmusik als Abschreckung : Venedigerlebnis

Michael Triegel ist der Kirche hauptsächlich professionell verbunden. An Ostern wollte der Maler das Verhältnis spiritualisieren, doch die Klangkulisse im Markusdom hinderte ihn.

          In der Osternacht vor zwei Jahren begab sich Michael Triegel in die Markuskirche von Venedig. Er hoffte, so erzählt der Leipziger Maler, auf ein Damaskuserlebnis. Aufgewachsen in der DDR, ist der 1968 in Erfurt geborene Triegel nicht getauft, aber in der Jugend waren die großen ökumenischen Gottesdienste zur Feier des heiligen Martin, des Erfurter Stadtpatrons, Zeichen für eine Welt, die neben der Tristesse des Sozialismus existierte - oder besser gesprochen: jenseits. Das prächtige Ritual der traditionellen Messfeiern sprach den erwachenden Künstler im Kind an, und als Triegel 1999 auf Empfehlung von Werner Tübke den ersten Auftrag für ein Altarbild erhielt, begann die religiöse Kunstkarriere eines Areligiösen, deren Krönung der Auftrag war, Benedikt XVI. zu malen.

          Seit der Ausführung dieses Porträts 2010 gilt Triegel als „der Papstmaler“, aber katholisch ist er nicht geworden. Und wird es auch nicht sein, wenn er sich demnächst auf den Weg nach Rom macht, um dort ein zweites Benedikt-Porträt zu übergeben, das er der Deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl als Leihgabe überlässt. Die Fahrt nach Rom ist zwar als Pilgerreise angelegt, aber Triegel wird dabei allein der Kunst in seinem Lieblingsland huldigen, erst in Brixen, dann in der Toscana, schließlich in Rom, das eigene Papstporträt immer im Kofferraum, bis es am 16. April vorgestellt wird.

          Als er noch daran malte, erreichte ihn die Nachricht vom Rücktritt Benedikts, doch in die Replik des ersten Bildes hatte sich schon ein anderer Blick in die Augen des gemalten Pontifex eingeschlichen. Dennoch konnte er die Nachricht vom Rücktritt erst nicht glauben. Und glauben kann er immer noch nicht an eine Kirche, die ihm zur Osternacht im Markusdom statt der erhofften Chöre von Gabrieli oder Monteverdi eine Messfeier bot, zu der im Glanz des nur durch Kerzen erhellten Gotteshauses ein Gitarrist seine Klampfe auspackte und Kirchenlieder spielte, die den Gast aus Deutschland das Fürchten lehrten. Er floh. Suchte man nach einem Wort für das Gegenteil eines Damaskuserlebnisses, könnte man es nach Venedig benennen. Alle Wege führen für Triegel nach Rom - bis auf den über Venedig.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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