Der Heilige Geist weht, wo er will, auch im Internet, spricht Pfarrer Dietmar Heeg in die Kamera, die Arme segnend ausgebreitet, und da ist ein Windhauch, und es ist die Gewissheit: Hier ist der rechte Ort, auch wenn man daheim an seinem Schreibtisch sitzt, denn hier ist das Internet, und dies ist der erste katholische Gottesdienst, der als Livestream auf Facebook läuft. Ohne Weihrauch und Messdiener, auch ohne „Liebe Gemeinde“ am Anfang. Stattdessen beginnt Online-Pfarrer Heeg den Gottesdienst in der fast menschenleeren analogen Kapelle in Köln mit einem kumpeligen „Ich begrüße euch alle, die User von Facebook“.
Die Musik kommt vom Band, und Online-Redakteurin Sarah sitzt mit ihrem iPad am Rand und verkündet zwischendurch die Online-Kommentare zur Predigt, wie mittwochs die blonde Assistentin von Frank Plasberg die Zuschauermeinungen bei „Hart aber fair“. Pfarrer Heeg vergleicht Aufstieg und Fall Jesu mit den Schicksalen von Manuel Neuer, Christian Wulff und Karl-Theodor zu Guttenberg. Irgendwann überfordert das zwar den Provider, die Übertragung stockt mehrmals, aber bei der Facebook-Gruppe Kirche TV gehen die Daumen hoch: Online-Gottesdienst? Super Idee.
Immer hart an der Nachrichtenlage
Ist solche digitale Ranschmeiße wie die Facebook-Premiere am vergangenen Sonntag nun ein Grund, vom Glauben abzufallen? Gott bewahre: Kein Verein, keine Firma kann heute mehr ohne Facebook-Präsenz existieren, erst recht nicht die katholische Kirche, die seit Jahrtausenden virtuos jedes Mittel zur Mission einsetzt, Ablassbriefe, Weihwasservertrieb, Jesus-und-Maria-Glitzerbildchen. Seit Erfindung des Buchdrucks hat Rom umgehend jeden neuen Kanal zur Verkündigung des Evangeliums genutzt, Radio ebenso wie Privatfernsehen.
Heute gibt es katholische Fernsehgottesdienste, den täglichen Segen als Podcast, das Wort zum Namenstag als Videobotschaft. Und seit es mehr Handys als Katholiken gibt, bietet das Internetportal www.kirche.tv religiösen Service per SMS an: Das Abendgebet für 3,50 Euro im Monat, immer hart an der Nachrichtenlage (Saddam Hussein wurde gefasst? „Gott, Du stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöhst die Niedrigen. Hilf den Menschen im Irak jetzt Frieden zu finden“). Auch als SMS-Abendgebet-Gutschein erhältlich. Oder planen Sie einen Osterurlaub? Senden Sie das Wort „Reisesegen“ an die Nummer 01 63/6 63 37 77 - ein paar Sekunden später kommt ein frommer Sechszeiler. Und ein „Amen“. Gratis.
Eine soziale Traumwelt
Nein, die katholische Kirche kennt keine Netzphobie. Der Papst höchstselbst verkündete zum alljährlichen Fest des Schutzpatrons der Journalisten (des Heiligen Franz von Sales), die neuen Technologien seien ein „wahres Geschenk für die Menschheit“, sie entsprächen „dem Grundbedürfnis der Menschen, miteinander in Verbindung zu treten“. Man möge sie nutzen, um das Wort Gottes zu verbreiten.
Gehorsam machen sich die katholischen Medienbeauftragten wieder auf den Weg, unbeeindruckt von der Tatsache, dass er sie diesmal in eine schon bestehende Gemeinde führt, in die größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die blaue Online-Kathedrale Facebook hat das soziale Miteinander perfektioniert, ganz ohne theologischen Überbau. Hier wird Nähe gespendet, Trost und Zuversicht. Hier wird das Sakrament der ewigen Gesellschaft gespendet, hier wartet immer ein Mensch, oder wenigstens Zerstreuung. Es ist eine soziale Traumwelt: Zuneigung und Beschäftigung, dauerhaft, in Mausklicknähe.
Überall, wo Menschen sind
Natürlich drängen die Kirchen hier hinein, in die Welt der Postings, der Chats und Digitalgottesdienste. Gemeinschaft und Nächstenliebe ist doch immer auch ihr Thema gewesen. Sie beugen sich den Bedingungen des sozialen Netzwerks, wie es alle tun: Fans werben, user-gefällig aktiv sein, „Likes“ sammeln, Kommentare jeglichen Niveaus dulden. Wer kann es sich heute leisten, die 850 Millionen starke Übergemeinde des bekennenden Atheisten Mark Zuckerberg zu ignorieren? Der Bundestag nicht, die UN nicht, und auch keine Glaubensgemeinschaft. In einer Welt, in der sich Millionen Menschen ihre Religion individuell zusammenbasteln - ein Buddha im Badezimmer, bisschen Yoga am Abend, eine Messe zu Ostern und etwas Sinnsuche bei den Christusträger-Schwestern -, fühlt sich jede Kirche herausgefordert im Wettbewerb um die meisten Fans und Klicks.
Kirchliche Gemeinschaft und Netz-Community sei ein und dasselbe, beschließt Online-Pfarrer Heeg, der von der Bischofskonferenz für die Kirchenwerbung im Privatfernsehen abgestellt ist. Gemeinde bilde sich überall dort, wo Menschen seien.
Facebook ist der neue Kirchentag
Und tatsächlich ist Facebook zum Marktplatz der Religionen geworden. Ungezählte Papstseiten gibt es - offizielle und inoffizielle - und noch viel mehr Jesus- und Bibelseiten. Religion läuft bestens in den sozialen Netzwerken, besser noch als Promitratsch und Katastrophennachrichten. Die meisten Interaktionen (Kommentare, Gefällt-mir-Bekundungen) bei Facebook gibt es nicht etwa auf den Fanpages von Justin Bieber oder Real Madrid. Das Statistikportal allfacebook.com hat ausgerechnet, dass im Jahr 2011 eine Seite mit dem Namen Jesus Daily die aktivsten Nutzer hatte. Dort versorgt der Gründer, ein amerikanischer Arzt namens Aaron Tabor, seine inzwischen rund 12,5 Millionen Jünger täglich mit aufmunternden Sprüchen, schmusigen Jesus-Bildern und Bibelversen. Es sind Zehn-, manchmal Hunderttausende, die innerhalb von Minuten den Like-Button unter kleinen Gebeten und „Jesus loves you“-Grafiken anklicken.
Und Jesus Daily ist kein Ausreißer. Unter den Top zwanzig der aktivsten Seiten finden sich etliche spirituelle Gruppen wie The Bible, Dios ES Bueno, I’m a Muslim & I’m Proud, Jesus Christ, IloveAllaah.com - viele noch vor den Fanseiten von Lady Gaga, Manchester United und Barack Obama. Facebook ist der neue Kirchentag, ein Massenspektakel der Sinnsuche.
Technisch stehen wir ja noch am Anfang
Dass christlicher Glaube seit seinen Ursprüngen substantiell etwas mit physisch erfahrener Gemeinschaft zu tun hat, mit tatsächlichem Zusammenkommen - sei’s drum. Dass sich Religion ohne Transzendenz, ohne Besinnung und Besinnlichkeit eigentlich gar nicht denken lässt - reaktionärer Kulturpessimismus. Es gibt sie doch zur Genüge, die bunten, übervollen Kirchentage, die Massenaufläufe an Papst-Erscheinungstagen. Kuscheln und Cybersegen - das ist es, was die Menschen wollen, das ist die Zukunft. Es ist die Religion der Menschen, die im Netz eine neue Heimat des Geistes gefunden haben und die Welterklärung im Suchschlitz von Google suchen.
Dass die Riten, gerade das Abendmahl, zentrale Bestandteile zur Vergegenwärtigung Jesu Christi sind, dass sie online gar nicht umsetzbar sind, dass Gebet, Bekenntnis, Zuspruch eine reale Glaubensgemeinschaft voraussetzen - alles lösbar mit interaktiven Gottesdiensten, technisch stehen wir ja noch am Anfang.
An den Zäunen
Wir müssen an die Hecken und Zäune gehen, hat Jesus gesagt. Die modernen Kirchenleute interpretieren: „Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie stehen.“ Man weiß zwar nicht so genau, was sie an diesen Zäunen wollen. Was sie sich erhoffen auf den Wiesen der Zerstreuung und der Unverbindlichkeit, in den Gärten der Banalität und schamlosen Offenheit. Wo hier eine Freundschaft per Mausklick aufgekündigt und dort das „Like“ für den Papst wieder rückgängig gemacht werden kann. Sicher ist nur eins: Die Virtualisten, die Digitalprediger - sie werden niemanden bewegen können, hinüberzuklettern. „Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr im Gottesdienst“, posten die Streamer bei Facebook, „aber Online-Gottesdienst ist eine tolle Idee, junge Leute an die Kirche heranzuführen.“
Und der Herr schenke Dir die Fülle seines lebendigmachenden Geistes, auf dass Du durch diesen Geist der Dir nun anvertrauten Herde den Weg weisen kannst und ihr ein guter Hirte bist. Amen.
Kirche in Facebook
Herbert Sax (H.Sax)
- 09.04.2012, 14:30 Uhr
Ja und Nein
Johannes Wahl (Mobbischer)
- 09.04.2012, 11:38 Uhr
Kath. Kirche bei "Facebook":-))
fred meier (Sikasuu)
- 09.04.2012, 11:27 Uhr