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Filmfestival Berlinale : Bär mit Herzschwäche

Nachfolger – oder Nachfolgerin – gesucht: Festivaldirektor Dieter Kosslick mit der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi. Bild: dpa

Die Berlinale braucht ein komplettes Make-Over. Ein von achtzig Regisseuren unterzeichneter offener Brief, in dem ein Neuanfang für das Festival gefordert wird, bietet den Anlass hierzu.

          Es ist wieder einmal Zeit, über die Berlinale zu reden. Wie die Wintergrippewelle kocht das Thema jedes Jahr verlässlich hoch, allerdings meistens am Jahresanfang, wenn die Filmfestspiele vor der Tür stehen. Dass es jetzt schon auftaucht, spricht dafür, dass die Malaise die Schwelle zur Krise überschritten hat. Den Anlass bietet ein von achtzig Regisseuren unterzeichneter offener Brief, in dem ein Neuanfang für das Festival gefordert wird. Dafür müsse „eine herausragende kuratorische Persönlichkeit“ gefunden werden, die in der Lage sei, die Filmfestspiele „auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig“ in die Zukunft zu führen. Außer Wim Wenders und Tom Tykwer, der die nächste Berlinale-Jury leiten wird, haben fast alle wichtigen deutschen Filmautoren unterschrieben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Adressatin des Schreibens, das auch die Einsetzung einer internationalen Findungskommission anstelle der üblichen Berufungspraxis verlangt, ist die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der ebendiese Praxis obliegt. Der Vertrag des amtierenden Festivaldirektors Dieter Kosslick läuft 2019 aus, und Grütters hat das Recht, einen Nachfolger zu berufen. Oder besser: eine Nachfolgerin. Denn die Kulturstaatsministerin will eine Frau für den Posten, möglichst eine aus den Chefetagen der deutschen Filmförderung oder der kleineren Festivals. Kosslick selbst, hört man, liebäugelt mit der eigens zu schaffenden Stelle eines Berlinale-Präsidenten, unter dem die neue Direktorin als Programmleiterin fungieren würde.

          Es geht darum, das System abzuschaffen

          Für den Neuanfang, den die Regisseure wünschen, sind das denkbar schlechte Vorzeichen. Eine Kandidatin aus der deutschen Förderbürokratie würde so viele kunstfremde Routinen und Branchenfreundschaften mitbringen, dass man ein unabhängiges Urteil über die Qualität von Filmen kaum von ihr erwarten könnte. Eine Festivalfachkraft aus München oder Saarbrücken wiederum käme zwar leicht auf Augenhöhe mit ihresgleichen, aber nicht mit Cannes und Venedig. Ein Präsident Kosslick schließlich würde den Bewegungsspielraum der neuen Leitung auf null senken: Keine wichtige Entscheidung käme an seinem Veto vorbei. Dabei geht es gerade darum, das System, das Dieter Kosslick geschaffen hat, abzuschaffen.

          Das Problem der Berlinale ist seit langem offensichtlich. Dieses Festival ist nicht zu groß, es ist zu breit. Unter Kosslick hat sich die Anzahl der einzelnen Sektionen mehr als verdoppelt. Vorher gab es den Wettbewerb, das Forum, das Panorama und die Retrospektive; jetzt gibt es das „Berlinale Special“, in dem zweitklassige Großproduktionen laufen, die „Berlinale Shorts“ für Kurzfilme, die Veranstaltungsreihe „Talent Campus“, die „Perspektive Deutsches Kino“, das Guck-und-Schluck-Format „Kulinarisches Kino“ und eine Sektion speziell für Filme über indigene Völker. In den traditionellen Nebenreihen sind weitere Untersektionen mit Titeln wie „Art und Essai“, „Forum Expanded“ oder „Panorama Dokumente“ entstanden. Und natürlich hat diese wundersame Sektionenvermehrung zu einem entsprechenden Anwachsen der Bürokratie geführt. Inzwischen dauert die Pressekonferenz zum Berlinale-Programm zwei Stunden, weil jede der vielen Filmsachwalterinnen und -walter ihre Verdienste herausstellen will.

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          Nur der Kern des Festivals, der Wettbewerb, ist nicht mitgewachsen. Im Gegenteil: Seine Bedeutung nimmt seit Jahren ab. Mit Ausnahme von Richard Linklaters „Boyhood“ war schon lange kein großer amerikanischer Film mehr in Konkurrenz zu sehen. Die Kontakte zur spanischen, italienischen, englischen oder russischen Kinoszene scheinen erloschen zu sein. Aus China und Skandinavien kommt nur noch Mittelmaß nach Berlin. Dass man trotz eines ungünstigen Termins ein glanzvolles Programm zusammenstellen kann, hat das Festival von Venedig in jüngster Zeit bewiesen. Berlin dagegen hat Speck angesetzt, während sein Herzstück, der Wettbewerb um den Goldenen Bären, geschrumpft ist.

          Geschmackssicherheit statt Stallgeruch

          Eine neue Festivalchefin müsste das Gewicht des Wettbewerbs stärken und das der Sektionen reduzieren. Schon deshalb kommt eine Besetzung aus der Förderbranche, die mit den existierenden Berlinale-Strukturen vielfach verbandelt ist, im Grunde nicht in Frage. Ein Neuanfang bedeutet auch, dass Köpfe ausgetauscht, Kompetenzen beschnitten und langjährige Seilschaften gekappt werden. Dafür braucht man keinen Stallgeruch, sondern Nervenstärke und Geschmackssicherheit. Und, nicht zuletzt, die Unterstützung durch eine Bundeskulturpolitik, die auf diese Weise zeigen kann, dass sie imstande ist, über den Tellerrand ihrer nationalen Klientel hinauszuschauen.

          Anders als Cannes und Venedig ist die Berlinale ein Großstadtfestival. Ihre Besucher zählen nicht nach Zehn-, sondern nach Hunderttausenden. Das macht es schwer, der Versuchung zu immer weiterer programmatischer Ausdehnung zu widerstehen. Inzwischen aber haben die Filmfestspiele den Punkt erreicht, an dem sie sich entscheiden müssen, ob sie sich reformieren oder den Anschluss an die Weltspitze verlieren wollen. Für diese Entscheidung braucht man keine Findungskommission, sondern Mut.

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