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Kinokritik Die Himmelfahrt der Michaela

03.03.2006 ·  Es ist der vielleicht beste deutsche Film des Jahres. Hans-Christian Schmids „Requiem“ zeigt die Innenansicht der siebziger Jahre: Disco, Tübingen, Heilserwartung und das aufregendste Debüt seit Julia Jentschs Sophie Scholl.

Von Andreas Kilb
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Als alles schon fast vorbei ist, als Michaela mit ihrem Studium und ihrem Leben längst abgeschlossen hat, fährt sie mit ihrer Freundin Hanna noch einmal aus dem Dorf hinaus, auf einen Hügel. Sie sitzen auf einer Bank, und Hanna fragt: „Dein Wahnsinn hier, wie weit soll das gehen?“ Und Michaela antwortet: „Vielleicht hat das alles einen Sinn. Man kann sich nicht aussuchen, was Gott mit einem vorhat.“ Sie blicken in ein Tal hinab, es ist November, Wolken ziehen im Gegenlicht. Drüben, auf der nächsten Hügelkuppe, ist Wald, und irgendwo hinter den Hügeln, den Wäldern liegt die Welt, unerreichbar. Es ist kein Bild aus der Provinz, was man da sieht. Es ist die Provinz selbst, als Gefühl und Idee, als innere Wirklichkeit, wie gemalt von Caspar David Friedrich. Und es ist ein Bild aus einer Geschichte, erdacht von Bernd Lange, verfilmt von Hans-Christian Schmid: „Requiem“.

Michaela ist neunzehn, sie lebt mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in einem schwäbischen Dorf. In der ersten Einstellung des Films sieht man sie mit ihrem Rad hügelaufwärts zu einer Kapelle fahren, und ihr verzerrtes Gesicht verrät, daß dies keine Komödie sein wird, es zeigt einen Schmerz, der nicht nur körperlich ist. Dann, wie ein Kontrapunkt, kommt ein Brief aus Tübingen, von der Universität: Michaela darf studieren. Ihre Mutter fragt besorgt: „Wie stellst du dir das vor, mit deiner Sache?“ Der Vater, stellt sich heraus, hat schon ein Zimmer im Studentenwohnheim gemietet. „Sei anständig“, sagt die Mutter zum Abschied. Und Michaela geht nach Tübingen, mit ihrer „Sache“, von der man nichts sieht, nichts erfährt.

Aufregendes Debüt

Bis es geschieht. Es passiert auf einer Wallfahrt nach Norditalien, einer Busreise mit Vater, Mutter, Schwester, Pfarrer zu einem Altar der heiligen Katharina von Siena. Es passiert im Frühstücksraum einer Pension, nach einem Streit mit der Mutter, im frühen Morgenlicht. Sei froh, daß Mama nicht aufgestanden ist, sagt Michaelas Vater, als er seine Tochter vom Boden aufhebt. „Das wär's jetzt gewesen.“ Und Michaela sagt, sie habe Stimmen gehört. Dann geht der Film weiter, als wäre nichts gewesen, nur der Boden unter Michaelas Füßen hat jetzt einen Riß. Erst später, in Tübingen und aus dem Mund von Michaelas Kommilitonin Hanna, erfahren wir, was die „Sache“ eigentlich ist: Epilepsie. Und, als Folgeerscheinung, Psychose. Stimmen, Dämonen, so nennt Michaela, was ihr zustößt, nachts im Wohnheim, wenn der Boden unter ihr aufreißt. Der Pfarrer, dem sie sich offenbart, verweist sie an einen Kollegen. Und etwas kommt in Gang, langsam, still, unaufhaltsam.

Sandra Hüller hat für ihre Rolle als Michaela in „Requiem“ den Darstellerpreis der Berlinale gewonnen. Das geht in Ordnung: Hüllers Auftritt ist das aufregendste Debüt einer deutschen Filmschauspielerin seit Julia Jentsch und „Sophie Scholl“ (siehe auch: Berlinale-Entdeckung Sandra Hüller: Die Spielwütige). Noch besser aber wäre es gewesen, wenn auch Hans-Christian Schmid einen Regiepreis bekommen hätte. Denn Schmids Regieleistung in „Requiem“ ist nicht nur gut, sie ist beispielhaft. Das versteht man am besten, wenn man nicht nur den Film sieht und das vorzügliche, beim Verlag der Autoren erschienene Drehbuch Bernd Langes liest, sondern auch gelegentlich den Fernseher einschaltet - immer dann, wenn gerade ein „großes TV-Movie“ oder ein „Fernsehfilm der Woche“ angekündigt ist. Denn in diesen Filmen, sofern sie nicht zum Ulk entarten, wird wöchentlich das gleiche verhandelt, wovon auch „Requiem“ erzählt: Ein Mädchen. Eine Krankheit. Die Familie. Die Freundin. Der Freund. Man hört schon die Räder der Skriptfabriken surren, während die Stichworte fallen, so tief ist die Wirklichkeit mittlerweile in ihr Klischee eingesunken, so fest ist das, was wir für das Leben halten, mit seinem Abbild auf der Mattscheibe verknüpft.

Abgrund des Normalen

Worauf es ankommt, ist, diese Verbindungen zu trennen, die Realität zu entbinden. Das hat Schmid getan, indem er alles wegließ, was die klassische Fernsehrezeptur in solchen Fällen vorschreibt, die dramatische Musiksoße, die bekannten Bildschirmgesichter, die interpunktierenden, gestellt wirkenden Großaufnahmen, die Schmierseife des erklärenden Dialogs. In „Requiem“ klebt die Kamera nicht wie ein Manndecker an den Darstellern, sondern öffnet ihnen den Raum, den sie für ihr Spiel brauchen; gesagt wird nur das, was sich anders nicht ausdrücken läßt. Es gibt auch keinen Soundtrack, dafür zwei Songs von Deep Purple („Anthem“) und Amon Düül („Paramechanical World“), die zugleich die Zeit der Handlung angeben.

„Requiem“ basiert auf einem authentischen Fall von 1978, einer kirchlich genehmigten Teufelsaustreibung im mainfränkischen Miltenberg (siehe auch: „Requiem“: Die wahre Geschichte des Berlinale-Erfolgsfilms). Aber Schmid hat der Geschichte alles Hinterwäldlerische ausgetrieben, seine Darsteller sprechen keinen Dialekt, sein Tübingen sieht aus wie irgendeine westdeutsche Kleinstadt der siebziger Jahre. Es geht nicht um den Fall, sondern um das, was er über die Menschen verrät, ihren Aberglauben, ihre Sehnsucht, ihre Furcht. Schmid selbst hat das Kino der belgischen Dardenne-Brüder als Vorbild für seine Arbeit genannt, aber wenn man „Requiem“ sieht, kann man auch an Fassbinder denken, an Filme wie „Angst essen Seele auf“, die mit ähnlicher Geduld in den Abgrund des Normalen blicken. Nur daß Schmid kein Interesse an Melodramen hat. Seine Filme handeln immer von einzelnen: einem Internatsschüler („Crazy“), einem Hacker („23“), einer jugendlichen Ausreißerin („Nach fünf im Urwald“). Wenn sie lieben, ist es eine Episode. Wenn sie sterben, gibt es keinen Trost.

Zweimal sieht man Michaela in „Requiem“ tanzen. Beim ersten Mal ist sie frisch verliebt; sie gibt sich der Musik hin, und ihr Gesicht wirkt wie erwachsen vor Glück, es hat den Schmerz und Kummer der Kindheit hinter sich. Beim zweiten Mal, Monate später, sind ihre Bewegungen krampfhaft, unrhythmisch, sie wirft ihren Körper durch den Raum wie ein kaputtes Gerät, ein verstimmtes Instrument. Sie wird wieder Kind werden, zu Hause, in ihrem Dorf, und vielleicht hat das alles einen Sinn. „Dann kommt sie in den Himmel“, sagt ihr Vater, bevor er zum letzten Mal die Haustür schließt. Es ist das Ende eines großen Films.

Quelle: F.A.Z., 03.03.2006, Nr. 53 / Seite 35
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