Kinofilm „The Great Wall“: Jetzt wissen wir, wofür die große Mauer gut ist - Feuilleton - FAZ
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Kinofilm „The Great Wall“ : Jetzt wissen wir, wofür die große Mauer gut ist

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Die chinesische Mauer, die Mutter aller Mauern: Hält sie dem Ansturm der Taotie stand? Bild: dpa

Was entsteht, wenn China und Hollywood Hand in Hand drehen? Ein im Bungee-Modus zum Showdown sich schwingendes Weltbegegnungsspektakel wie „The Great Wall“.

          Was man bei einer Mauer nie so genau weiß: Ist sie nun ein Zeichen für Stärke oder für Schwäche? Der designierte amerikanische Präsident will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten lassen, aber ganz eindeutig könnte niemand sagen, ob seine Idee dazu angetan ist, „America great again“ zu machen. Die DDR war sich seinerzeit so unsicher, dass sie nicht einmal von einer Mauer reden wollte. Und China, das Reich der Mitte?

          Es kann zweifellos stolz darauf verweisen, über die Mutter aller Mauern zu verfügen. Aber auch die ergibt als Touristenattraktion mehr Sinn. Oder als Fantasystoff. In Zhang Yimous Spektakelfilm „The Great Wall“ erscheint die chinesische Mauer so überdimensional, dass sich jeder Mongolensturm davor wie ein lächerlicher Froschmäusekrieg verlaufen würde. Da braucht es schon eine andere Bedrohung, eine, mit der man Legenden schreiben kann. Taotie heißen die Bestien, vor denen hier die größte gated community der Menschheitsgeschichte zittert. Wenn es jemals eine Kreuzung aus der siebenten Hölle von ganz unten gab, dann sind es die Taotie. Oder aber, in den Worten eines Besuchers aus dem westlichen Ausland: Den Gott, der sich diese Viecher ausgedacht hat, kennt keine Religion.

          Taotie sind die hässlichen Schwippschwager der Orcs, mit tyrannosaurischen Beißern, vier höchst elastischen Beinen und einer gefährlichen Aerodynamik. Eine Schwäche haben sie allerdings auch: Sie besitzen nur ein zentrales Hirn, in einem Muttertier, das von einer Leibgarde beschützt wird und mit Hilfe einer Art Datensegel kommuniziert. Das erinnert jetzt ein bisschen an die Aliens aus „Independence Day“, bei denen man auch lange nach dem Hirn suchen musste.

          Es braucht einen Bogenschützen aus der Fremde

          Ein globaler Unterhaltungsfilm wie „The Great Wall“ darf sich zweifellos überall bedienen. Die Logik der Märkte bringt aber gelegentlich auch eine gewisse Komik in die Geschichte. So stammt die ursprüngliche Idee von Max Brooks, der in „World War Z“ eine Zombieapokalypse heraufbeschworen hat. Brooks hat die Zombies im Grunde einfach durch die Taotie ersetzt, die nun ähnlich bestialisch eine Mauer berennen wie dort eine Festung in Palästina. „The Great Wall“ spielt in einer Zeit, in der China noch das Monopol auf Schießpulver hatte. Es braucht aber doch einen Bogenschützen aus der Fremde, um all der (für die Verhältnisse eines Pech-und-Schwefel-Mittelalters) hochentwickelten Technologie auf der großen Mauer die Kompetenz zum entscheidenden Treffer hinzuzufügen. Dieser William (Matt Damon) war einmal ein Marodeur; in China lernt er, zu vertrauen („shinren“ heißt die Vokabel, die ihm die schöne Mauerkommandantin Lin Mei beibringt).

          Mit finsterem und entschlossenem Blick in den Krieg: Die Mauerkommandatin Linn Mei (Tian Jing).

          Auf dem Grund dieser erzählerischen Konstellation liegt das Motiv, bei dem sich „The Great Wall“ nicht so recht entscheiden mag: Wie macht man aus einer Legende, die vor allem eine wehrhafte Innen- und Verteidigungspolitik feiern soll, eine Sternstunde des interkulturellen Verstehens? Ganz einfach: Man erfindet ein Traumpaar. William und Lin Mei fliegen nicht nur im Bungee-Modus zum Showdown, sie sind überhaupt auf eine symbolische Weise aneinandergefesselt, dass man fast schon an Yin und Yang denken möchte, wäre das dann nicht doch zu schwarzweiß gemalt.

          Vermittlungsangebot an eine geopolitisch interessierte Öffentlichkeit

          Die Karriere von Zhang Yimou von symbolschwangeren Historienfilmen über eine kurze neorealistische Phase bis zum inoffiziellen Staatsfilmer ist inzwischen selbst fast so spektakulär wie die Inszenierungen, mit denen er – etwa bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2008 – dem Geltungsbedürfnis der neuen Supermacht China Ausdruck verschafft. Interessant wird sein neuer Film aber, über die zweifellos vorhandenen Schauwerte hinaus, erst durch das Vermittlungsangebot, das er einer geopolitisch interessierten Öffentlichkeit macht.

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          Nicht, dass die Taotie sich auch nur im Geringsten als Allegorie eigneten. Sie erscheinen nicht als verklausulierter IS-Terror oder eine andere Bedrohung für die Weltgesellschaft. Es geht eher um eine allgemeine Gesamtaussage über das Zusammenspiel der Zivilisationen: Niemand ist eine Insel, so lautet die eigentliche Botschaft von „The Great Wall“, die damit ziemlich genau derjenigen von „Arrival“ entspricht, dem anderen weltgesellschaftlichen Begegnungsfilm dieser Tage. Auch die Taotie müssen letztlich eher entziffert werden, als dass man sie einfach in die Luft jagen könnte. So viel Schwarzpulver gibt es gar nicht, während Grips immer noch die beste Waffengattung ist. „The Great Wall“ unterminiert bei allem Aktionismus doch ein wenig seinen Titel: So hoch kann keine Mauer sein, dass die Menschheit nicht doch darüber hinauswachsen müsste.

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