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Zwei Ausstellungen : Erinnerung an O. E. Hasse zum hundertsten Geburtstag

Der deutsche Film- und Theaterschauspieler O.E. Hasse war in den fünfziger und sechziger Jahren eine stille Autorität, oft in Uniform, ein wenig knarrig. Daß er homosexuell war und 1939 und 1944 im Gefängnis saß, ist weniger bekannt. Zwei Ausstellungen in Berlin erinnern an den großen Darsteller fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod.

          Wer in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mitunter sonntags die Nachmittage vor dem Fernsehgerät verbrachte, wird sich vielleicht an Filme mit Titeln wie "Alles für Gloria", "Diener lassen bitten" oder "Der ewige Klang" erinnern. In diesen Unterhaltungsfilmen aus nationalsozialistischer Produktion war, meist in Nebenrollen, ein Mann zu sehen, der schmallippig beherrscht, mit wenig Aktion seines untersetzten Körpers und einem sonoren Bariton große Autorität ausstrahlte. Sie war ein wenig zu kühl, um väterlich zu sein, zu distanziert, um sich mit Sex-Appeal zu paaren; vielleicht war sie auch ein bißchen langweilig und wirkte älter als der, der sie besaß.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jedenfalls hatte sie mit der jeweiligen Rolle häufig nicht viel zu tun, so daß man sie - und die weit zum Hinterkopf hin liegenden Ohren - in Filmen wie "Der letzte Walzer" oder "Der Arzt von Stalingrad" sofort wiedererkannte, die nach dem Krieg entstanden waren, später "Opas Kino" hießen und damals ebenfalls im sonntäglichen Fernsehprogramm zu sehen waren. Auch "Canaris" gehörte dazu, "Alibi", die "08/15"-Serie und "Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse". In all diesen Filmen und vielen mehr spielte O.E. Hasse mit herber Eleganz kernige Männerrollen, ein Fach, in dem er vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren brillierte, als im Kino die Männer oft noch Soldaten, aber doch auch schon Herren waren. Als er im Jahr 1978 starb, schrieb die Berliner Zeitung "Der Abend" in einem bewegenden Nachruf: "Man sieht die lange Reihe seiner Schelme, Charmeure und Bettler neben der Galerie seiner Fürsten und Generäle." Einer der letzten "Herrenspieler" des deutschen Theaters und Films sei O. E. Hasse gewesen, rief der Autor aus, um damit zu schließen, daß der Verstorbene wie "eine Inkarnation der Männlichkeit" gewirkt habe.

          Heute, im Jahr des hundertsten Geburtstags von Hasse und fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod, sind seine Filme längst aus dem Fernsehprogramm verschwunden. Seine Stimme kann man noch manchmal hören, in Synchronisationen alter Hollywoodfilme mit Humphrey Bogart oder Spencer Tracy. Die Wiederbegegnung mit dem Schauspieler aber findet im Museum statt - entweder in der Akademie der Künste, die Hasses Nachlaß besitzt und in ihrem Foyer eine Archivausstellung zeigt, oder aber in einem Hinterhaus in Kreuzberg, dem Schwulen Museum in Berlin.

          Hier ist in einer klug arrangierten Auswahl von zweihundertfünfzig Exponaten unter dem Titel "Ein kapitaler Spätentwickler" neben Standfotos aus Filmen und Theaterinszenierungen zum Beispiel ein Brief vom 30. Oktober 1944 eingerahmt, adressiert an den "Flieger O.E. Hasse" in Paris. Darin wird der Ausschluß des Schauspielers aus der Reichsfilmkammer wegen "widernatürlicher Unzucht" mitgeteilt sowie die Tatsache, daß er drei Monate im Gefängnis zu verbringen hat, weil er sich "im Stadtbahnzug Berlin-Spandau an einen Unteroffizier heranmachte".

          Einem weiteren Schreiben ist zu entnehmen, daß Hasse aufgrund einer Denunziation bereits im Jahr 1939 wegen Verstoßes gegen den Paragraph 175 inhaftiert wurde, sein Engagement an den Münchner Kammerspielen verlor und an ein Theater in Prag ging, das ihn bald wegen "unverantwortlichen politischen Verhaltens" entließ. Von harten Propagandafilmen sei er daher auszuschließen, heißt es weiter - was allerdings nicht verhinderte, daß er in "Stukas" eine Rolle bekam. Das also war O. E. Hasse, die stille Autorität schwarz-weißer Jugenderinnerungen, auch: aufmüpfig, schwul, verfolgt. Wußte das wirklich keiner von denen, die zu einer Zeit, da der Homosexuelle nicht notwendig zum Ideal der Männlichkeit taugte, in ihren Kritiken seine Virilität betonten?

          Der Ausstellung im Schwulen Museum kommt es nicht darauf an, Spuren der sexuellen Orientierung Hasses in der Interpretation seiner Rollen aufzudecken. Es geht nicht um Entblößungen, es geht um ein Schauspielerleben in einer Zeit ungebremster Homophobie, um einen Mann, der sein Privatleben einerseits soweit zu schützen wußte, daß niemand sich das Maul zerriß, andererseits aber zweimal ins Gefängnis ging, weil seine Lebensform als kriminell galt. Er hatte den Ruf eines "Partylöwen", ließ sich mit Nadja Tiller, Liselotte Pulver, Romy Schneider und Sonja Ziemann fotografieren, und er hatte einen Lebensgefährten, der an seinem Sterbebett saß. Damit hatte es sein Bewenden, offenbar fragte niemand, mutmaßte niemand, schnüffelte niemand. Andere, wie den jungen Schauspieler Jan Hendriks oder den Regisseur Alfred Weidenmann, mit denen Hasse 1955 den Film "Alibi" drehte, liebte die Öffentlichkeit weniger. Mit ihrer Verurteilung nach Paragraph 175 waren ihre Laufbahnen zu Ende.

          Daß O.E. Hasse nicht nur auf der Bühne, wo er in den Komödien Ocars Wildes ebenso überzeugte wie später in Hochhuths "Soldaten", sondern auch auf der Leinwand ein subtiler Charakterdarsteller war, daran erinnert ein Film, in dem man die Mitwirkung von Hasse trotz ihrer großen Eindringlichkeit völlig vergessen hatte, Alfred Hitchcocks "Ich beichte". Hasse spielt hier den Mörder, der seine Tat beichtet und auf dem Beichtgeheimnis besteht. Montgomery Clift gibt den Priester, der für sein Schweigen bitter bezahlen muß. In einer der zentralen Szenen gehen der Mörder und der Priester gemeinsam die Gänge der Kirche entlang, Hasse mit einem Arm voller Blumen, die er vor dem Altar arrangieren will. Mit jedem Schritt verliert er einige Stengel, bis er am Ende mit leeren Händen dasteht. Da wissen wir, daß er, der Mörder, nicht davonkommen wird. Und wir sehen, was uns an jenen Sonntagen vor dem Fernsehgerät nicht auffallen konnte: daß der amerikanische Film für O.E. Hasse als Nachfolger von Erich von Stroheim eine würdige Rolle bereithielt, tragisch, soldatisch ohne Armee und undurchdringlich geheimnisvoll.

          Schwules Museum Berlin bis 12. September; Akademie der Künste bis 30. September.

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