28.10.2007 · Anfang der Neunziger war ihr alles zuzutrauen. Aber die wirklich große Rolle ließ lange auf sich warten. Den Karriereknick, der ihr zum vierzigsten Geburtstag unfehlbar vorausgesagt worden wäre, hat sie selbst inszeniert. Und überwunden. Andreas Kilb über Julia Roberts.
Von Andreas KilbIm Frühjahr 1991 traf Julia Roberts eine folgenschwere Entscheidung. Sie beschloss, nicht die Rolle der Schriftstellerin Catherine Tramell in „Basic Instinct“ zu übernehmen, die der Regisseur Paul Verhoeven ihr angeboten hatte, sondern stattdessen die Studentin Darby Shaw zu spielen, die Heldin von Alan J. Pakulas Filmprojekt „Die Akte“ nach dem Roman von John Grisham. Wir wissen, was dann geschah: Sharon Stone bekam die Rolle, wurde schlagartig berühmt - und kam von „Basic Instinct“ nie wieder los. Und Julia Roberts blieb Julia Roberts.
Wenn wir Filmstars auf der Straße treffen (was selten geschieht) oder sie im Fernsehen betrachten (was regelmäßig vorkommt), mischt sich in das Wiedererkennen immer ein Moment des Staunens: Sie sehen ja wirklich so aus wie im Kino! Sie sind ihren Leinwandbildern ähnlich wie ein Ei dem anderen! Bei uns dauert diese Erkenntnis, wie gesagt, nur einen Moment. Für die Stars aber ist der Schock der Ähnlichkeit ein Dauerzustand. Überall und jederzeit sind sie von Bildern ihrer selbst umgeben, Bildern in Filmen, im Fernsehen, in Illustrierten, und wenn sie auf Partys oder in Bars und Restaurants gehen, treffen sie keinen Menschen, sondern nur lauter Leute, die unbedingt Julia Roberts oder Tom Cruise die Hand schütteln wollen. Jeder, den sie anschauen, wirft ihnen ihr eigenes Bild zurück. Deshalb umgeben sich Stars so gern mit Stars: Weil sie unter ihresgleichen von sich selbst erlöst sind. Und deshalb sind die Rollen, die sie spielen, mehr als nur ein Job oder ein Karriereschritt. Sie sind ein Schicksal, ein Teil ihrer Biographie.
Anfang der Neunziger war ihr alles zuzutrauen
Heute weiß jeder, warum Julia Roberts die Rolle der Catherine Tramell abgelehnt hat: Sie hätte sich ausziehen und eine Mörderin spielen müssen, eine Lesbe, eine Ästhetin, ein Teufelsweib. Aber vor sechzehn Jahren sah die Sache noch ganz anders und viel weniger eindeutig aus. Nach ihrem Triumph in „Pretty Woman“ hatte Roberts in „Flatliners“ eine Beinahe-Selbstmörderin und in „Dying Young“ eine Todkranke verkörpert und sich mit ihrem Auftritt in Robert Altmans Hollywood-Satire „The Player“ selbst den Rückweg in die alte Aschenputtelrolle verbaut. Anfang der neunziger Jahre war ihr alles zuzutrauen, selbst ein Auftritt als männermordende Blondine (wie Nicole Kidman in „To Die For“), tragische Gräfin (wie Michelle Pfeiffer in Scorseses „Zeit der Unschuld“) oder Alkoholikerin (wie Meg Ryan in „When a Man loves a Woman“ - um nur ihre wichtigsten Konkurrentinnen zu nennen).
Das schönste Lächeln unserer Tage - Julia Roberts zum Vierzigsten
Aber Julia Roberts wurde Darby Shaw. Danach war sie Anne Eisenhower, eine Amerikanerin in Paris, in Altmans „Prêt-à-porter“, und Mary Reilly, eine Unschuld im Haus des Monsters, in Frears' „Mary Reilly“; ein irisches Mädchen in „Michael Collins“ und eine Restaurantkritikerin in „Die Hochzeit meines besten Freundes“; und als sie 1999 den Hollywoodstar Anna Scott in „Notting Hill“ spielte, war sie zur teuersten Schauspielerin aller Zeiten geworden. Fünfzehn Millionen Dollar bekam sie für die Rolle; vier Jahre später, bei „Mona Lisa Smile“, waren es fünfundzwanzig Millionen. „Wir haben gehört, du kriegst zwanzig pro Film“, schrieben ihr George Clooney und Brad Pitt, ihre Co-Stars in „Ocean's Eleven“, auf eine Grußkarte und steckten einen Zwanzig-Dollar-Schein mit in den Umschlag. Sie nahm, unter Freunden, nur zehn.
Alle Rollen, die sie verkörpert, verschwinden in ihr
Wenn man die Figuren Revue passieren lässt, die Julia Roberts bis zu ihrer Mutterschaftspause vor drei Jahren gespielt hat, ist keine einzige wirklich große Rolle darunter - nichts, was an Kidmans Virginia Woolf oder Pfeiffers Ellen Olenska heranreicht. Es ist, als hätte sie bewusst alles vermieden, was sie definieren, was ihr Image tiefer hätte prägen können: den unsterblichen Auftritt, das unvergessliche Bild. Jene Erin Brockovich, für die sie dann doch endlich den Oscar bekommen hat, ist im Grunde nur eine älter gewordene pretty woman: härter, abgebrühter, vom Leben gezeichnet, aber noch genauso begabt zum Flirt mit der Kamera, zu jener märchenhaften Direktheit, die den Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit verwischt. Bei ihrer Dankesrede vergaß sie, die echte Erin Brockovich zu erwähnen. Kein Wunder: Sie hatte sie ja ersetzt. Undenkbar, dass Julia Roberts hinter einer ihrer Figuren verschwinden könnte. Im Gegenteil - alle Rollen, die sie verkörpert, verschwinden in ihr, lösen sich auf, werden zu Momenten in der Biographie des Stars, der einzigen Story, in der sie restlos überzeugt, im Leben wie im Film.
Deshalb ist ihr Auftritt als Anna Scott in „Notting Hill“ so perfekt. Sie spielt sich selbst, aber so, dass sie sich fremd gegenübertreten kann, als Abziehbild, als Stereotyp, durch das dennoch, wie durch den Sehschlitz einer Maske, die Wahrheit hindurchscheint, das Abgeschlossensein, die weich gepolsterte Isolation - und die Sehnsucht nach Erfahrung, Unmittelbarkeit, nach einem Leben ohne Zuschauer. Sie weiß, dass auch das wieder ein Teil des Spiels ist, das wir Kino nennen, eine Partie mit gezinkten Charakterkarten und erlogenen Realitäten; aber es ist ihr Spiel, das Spiel des Stars, in dem sie keiner schlagen kann, auch wenn es Hunderte besserer Schauspielerinnen gibt. Wenn man sie sieht, wie sie im Vorspann in Zeitlupe den Kordon der Fotografen abschreitet, mit dem breit lächelnden Mund der Diva und dem Tränenblick des Opferlamms, muss man unwillkürlich an eine andere Unsterbliche mit einem ebenso großen Talent denken, das Licht der Welt in ihren Augen funkeln zu lassen, an Lady Di. Beide wurden sie von der Meute gejagt, nur hat die echte Prinzessin sie nicht abschütteln können, während die Kinoprinzessin ihr fürs Erste entkommen ist - in ein Leben, das alle Züge eines Filmschlusses hat.
Ihr Lächeln ist noch dasselbe. Das lässt hoffen
Vor fünf Jahren hat Julia Roberts den Kameramann Daniel Moder geheiratet, von dem man nicht viel mehr weiß, als dass er bei „Spiderman 3“ und „Deja Vu“ an der Apparatur stand. Inzwischen hat sie drei Kinder mit ihm, ein Zwillingspaar, das im November 2004, und einen Sohn, der vor vier Monaten auf die Welt kam. Es ist das erfüllte Versprechen aus „Notting Hill“, die Romanze zwischen Anna Scott und Mister Nobody, aber es ist auch die abgewendete Katastrophe einer Karriere, die sich mit zunehmendem Alter immer blinder im Kreis gedreht hätte, zwischen der „Braut, die sich nicht traut“ und „America's Sweethearts“, zwischen dem naiven und dem aufgemotzten Klischee. „Get a life“, sagt man in Amerika, wenn jemand hoffnungslos im eigenen Saft schmort: „Besorg dir ein Leben.“
Miss Roberts hat sich als Mrs Moder neu erfunden und den Karriereknick, der ihr zum heutigen vierzigsten Geburtstag unfehlbar vorausgesagt worden wäre, selbst inszeniert und überwunden. Drei Jahre war sie nicht auf der Leinwand zu sehen, jetzt aber hat sie gleich zwei Filme abgedreht, die im kommenden Winter ins Kino kommen, das Familiendrama „Fireflies in the Garden“ und Mike Nichols' Politikersatire „Charlie Wilson's War“, in der sie die Geliebte von Tom Hanks spielt. Zu dem Film von Nichols gibt es ein Foto (siehe rechts), auf dem sie im schwarzen Cocktailkleid mit aschblondem Haar erscheint, wie eine Lady aus der Washingtoner Noblesse. Aber ihr Lächeln ist noch dasselbe. Das lässt hoffen.