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Zum Tode Werner Schroeters Der Meister des Liebesschmerzes

13.04.2010 ·  Mit Werner Schroeter tritt der letzte große Unangepasste von der Bühne des deutschen Films ab, ein Kunstgläubiger und ästhetischer Extremist, wie ihn die heutigen Regiehochschulen gar nicht mehr hervorbringen könnten.

Von Andreas Kilb
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Sein letzter Film war eine Abschiedsgala, ein Schlussfeuerwerk. Für „Diese Nacht“, seine Adaption eines Romans von Juan Carlos Onetti, bot Werner Schroeter noch einmal alles auf, was sein Kino in Deutschland eigenartig und einzigartig gemacht hat – die opernhaften Szenerien, durch die sich seine Figuren bewegen, die ausgefeilte, absichtsvoll künstliche Lichtregie, die mit Arien und Madrigalen gesättigte Tonspur, die Mischung aus Gewalt- und Liebesphantasie, Groteske und Melodram. Der Held, ehemals Funktionär eines Operettenstaats, kehrt in dessen Hauptstadt zurück, um seine Geliebte zu retten, trifft aber überall nur Tote und Verzweifelte, Opfer eines Terrors, der sich selbst verschlingt. Zuletzt wird er zusammen mit einem Jungen, dem er zur Flucht übers Meer verhelfen wollte, am Hafenkai von Soldaten erschossen. Ein Liebestod ist das nicht, aber ein Ende nach dem Geschmack von Werner Schroeter, für den das Tragische kein Ausnahmefall war, sondern die Grundbedingung seiner Kunst.

Jener Junge, der aus der engen Wirklichkeit in Traumwelten flieht, war auch Schroeter selbst, der 1945 im thüringischen Georgenthal geboren wurde, aber in Heidelberg und Neapel zur Schule ging. Dass seine Großmutter eine polnische Baronesse war, wie er in einem Interview erklärte, könnte ebenso zu den zahlreichen Selbstmystifizierungen Schroeters gehören wie die Auskunft, er habe schon mit fünf Jahren verkündet, Filmregisseur werden zu wollen. Sicher ist, dass der junge Schroeter wie seine Vorfahren in der deutschen Romantik fest entschlossen war, den Hausstaub des Alltags mit dem „Liebesstaub“ (so der Titel eines seiner späten Filme) der Kunst zu vertauschen. Seine erste Leidenschaft war die Oper, besonders die Stimme von Maria Callas, der er einige seiner frühen, heute zum großen Teil verschollenen Kurzfilme widmete. Und über die Gesten und das Pathos des Musiktheaters entdeckte er das Kino.

Eine Straßenszene wird zum Singspiel

Mit „Eika Katappa“, einer zweistündigen Collage aus Spielszenen und klassischer Musik, gewann Schroeter 1969 den Preis des Mannheimer Filmfestivals. Von da an war er eine Art Underground-Star des Neuen Deutschen Films. In Rainer Werner Fassbinders „Warnung vor einer heiligen Nutte“ spielte er, langhaarig und ephebenhaft, einen Fotografen, der zweideutige Geschichten erzählt, und Fassbinder war es auch, der seinen Freund Schroeter mit Novalis, Lautréamont und Céline verglich, den Dichtern der Nachtseite des Lebens. Umgekehrt hat das Bewusstsein, Fassbinders jäh abgebrochenes Werk mit eigenen Mitteln fortsetzen zu müssen, die späten filmischen Arbeiten Schroeters beseelt, nicht zuletzt seinen „Rosenkönig“ von 1986, der eine von Symbolik strotzende Geschichte über die Zerstörungs- und Schöpferkraft der homosexuellen Liebe erzählte.

Der Film spaltete sein Publikum, er trieb den einen Tränen der Rührung, den anderen Tränen des Zorns in die Augen, aber er ebnete auch den Weg für Schroeters bedeutendstes Werk, die Ingeborg-Bachmann-Adaption „Malina“, in der er sein Liebeswahnmotiv in einer heterosexuellen Dreierkonstellation durchspielte. In einer Szene fällt Isabelle Huppert, die zwischen zwei Männern todessüchtig schwankende Heldin, einer Opernsängerin in die Arme, die eine Barock-Arie singt, bis die beiden Frauen miteinander zu verschmelzen scheinen. Bei Schroeter ist die Wand, die Kunst und Leben trennt, grundsätzlich durchlässig, eine Straßenszene kann zum Singspiel werden und umgekehrt. Den Satz von Nietzsche, dass die Welt nur als ästhetisches Phänomen „ewig gerechtfertigt“ sei, hat Schroeter mit fast jedem Film unterschrieben.

Der letzte große Unangepasste

Zuvor aber, in den siebziger Jahren, vollzog er das, was man damals eine „Wendung zum Realismus“ nannte. In „Neapolitanische Geschwister“ und „Palermo oder Wolfsburg“ zeichnete er Lebensschicksale italienischer Arbeiterkinder, die sich in ihrer Heimat durchschlagen oder im fernen Deutschland – vergeblich – ihr Glück suchen. Aber selbst in diesen Filmen steckte so viel religiöse Symbolik, farcehafte Verzerrung, melodramatische Übertreibung, dass Schroeter im neuen deutschen Kino-Mainstream damit niemals heimisch werden konnte. Er wollte es wohl auch nicht. Mit der Oskar-Panizza-Verfilmung „Das Liebeskonzil“ und der Anstalts-Phantasie „Tag der Idioten“ (mit einer irrlichternden Carole Bouquet) kehrte er in seine surrealen Traumwelten zurück. Die Kinozuschauer dankten es ihm mit Nichtbeachtung: Jeder seiner Filme war ein Ereignis, keiner wurde ein Erfolg.

Nach „Malina“ (1991) zog sich Schroeter aus Deutschland zurück. Stattdessen drehte er in Frankreich die Dokumentation „Poussières d’Amour“ und das raffiniert-verspielte Mutter-Tochter-Drama „Deux“ (mit Isabelle Huppert und Bulle Ogier) und inszenierte Opern und Theaterstücke in Europa und Südamerika. Sein in Portugal gedrehtes filmisches Vermächtnis „Diese Nacht“ musste er dann schon der Krebserkrankung abtrotzen, an der er am Montag, fünfundsechzig Jahre alt, in Kassel gestorben ist.

Mit Werner Schroeter tritt der letzte große Unangepasste von der Bühne des deutschen Films ab, ein Kunstgläubiger und ästhetischer Extremist, wie ihn die heutigen Regiehochschulen gar nicht mehr hervorbringen könnten. Die Hoffnung seines Mentors Fassbinder, Schroeters Filme könnten einmal nicht mehr als Exotika, sondern als selbstverständlicher Teil des deutschen Kino-Erbes betrachtet werden, hat sich nicht erfüllt. Schroeter gehört uns nicht, er bleibt uns fremd. Das bedeutet aber auch, dass wir ihn immer wieder neu entdecken können. Sein Kino hat es verdient.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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