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Zum Tod von Peter Kern : Lässigkeit und Anarchie

Peter Kern, 1949 bis 2015 Bild: Picture-Alliance

Er war ein Liebling deutscher Autorenfilmer, Schöngeist und Untergrundkämpfer für die gerechte Sache. Jetzt ist der große Schauspieler, Regisseur und Talkshowperformer Peter Kern in Wien gestorben.

          Einer seiner prägnantesten Gesichtsausdrücke im Film und auf der Bühne war die plötzlich aufflackernde Hingabe hinter vorgetäuschtem Phlegma. In fast dreißig Produktionen machten sich Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Hans-Jürgen Syberberg („Hitler“), Wim Wenders („Falsche Bewegung“), Peter Zadek oder Christoph Schlingensief die träumerische Lässigkeit und Artikulationskunst von Peter Kern zunutze.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          In Talkshows, deren Teilnahme Kern mit nur wenigen anderen Fernsehgesichtern deutscher Zunge zu einer eigenen Kunstform erhob – bei ihm war es eine Mischung aus Kaffeehaus und Underground-Bühne –, war er meist anders: klar, mutig und in seiner Streitlust manchmal auch ein bisschen anstrengend. Sah man den charakteristischen krausen Haarschopf und den großzügig über die Schulter geworfenen weißen Seidenschal in einer Studiokulisse, wusste man, es würde nicht langweilig werden. Unvergessen ein Interview mit dem seelenverwandten Entertainer Hermes Phettberg in der „Nette Leit Show“, das, nach einer Küss-die-Hand-Orgie der beiden Sprachwitzeiferer und Passagen der Selbstentblößung in einen federnden Wiener Walzer überging.

          Seine letzte Berlinale absolvierte er 2015, schon von der Krankheit gezeichnet: Peter Kern inmitten des Ensembles von „Der Letzte Sommer der Reichen“

          Daraus, dass er zur Selbstqual neigte, vielleicht auch zu ihr verdammt war, konnte Kern zeitlebens kein Hehl machen. In Hassliebe war er seiner Heimatstadt Wien verbunden, in der er auch die Ausbildung zum Sängerknaben durchlaufen hatte. Unermüdlich nahm er in späten Jahren die Tortur auf sich, Geld für seine zahlreichen Low-Budget-Filme mit erstklassigen Überraschungsensembles zusammenzubringen. Er verstand Produktionen wie „Haider lebt – 1.April 2021“ als Abgrenzung zu haltungslosen „Fuchtel-Filmen“. Mehrfach war der vielfach Ausgezeichnete, der auch für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb, auf der Berlinale vertreten, zuletzt mit dem Film „Der letzte Sommer der Reichen“. Sein wahres Wohnzimmer aber waren die Hofer Filmtage, ein anderes sieht man in dem 2012 veröffentlichten Filmporträt von Severin Fiala und Veronika Franz: messiehaft zugestellt und mit einem Radiator beheizt.

          „Fett ist Anarchie“, sagt er hier. Sein ganzes Schaffen verstand er als Graben nach dem „Humus der Anarchie“. In dem Porträt sagt er dann noch in größter Kampfesbereitschaft: „Die einzige Chance, die dieser Film hat, ist, dass ich ihn übernehme.“ Man sieht das jetzt mit großer Trauer. Am Mittwoch ist Peter Kern mit 66 Jahren in einem Wiener Krankenhaus gestorben.

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