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Peter Berling gestorben : Einen wie ihn vergisst das Kino nicht

Der Mann mit dem Hut: Peter Berling (1934 - 2017). Bild: Kerstin zu Pan/AVA international /dpa

Er war Fassbinders gewichtiger Mann, schrieb Bücher, die bleiben, und drehte mit Alexander Kluge wunderliche Fernsehclips: Zum Tod des Filmproduzenten, Schriftstellers und Bohemiens Peter Berling.

          Man tröstet sich, wenn man vom Tod eines solchen Mannes erfährt, ja gern mit dem Gedanken, dass uns die Werke, immerhin, erhalten bleiben – all die Filme, die Peter Berling produziert, all jene, in denen er mitgespielt hat; die Bücher, die er geschrieben und die vielen wundersamen Fernsehclips, die Alexander Kluge mit ihm gedreht hat und von denen einige der schönsten noch ein paar Tage, bis zum Sonntag, in der Fondazione Prada in Venedig zu sehen sind, in der allseits und völlig zu Recht heftig gelobten Ausstellung „The Boat is Leaking. The Captain Lied.“.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber wenn man Peter Berling in Rom besuchte, in seiner Wohnung in Trastevere, in der es wenig Platz und kaum Möbel gab, nur einen Arbeitsplatz, an dem er schrieb, und eine Dachterrasse, von welcher aus man die Häuserblocks, Straßen, Kirchtürme und, was immer Berlings Perspektive war, die Jahrhunderte überblickte, dann schien es fast unmöglich zu sein, zwischen der Kunst und dem Künstler zu unterscheiden. Peter Berling, der ein schwerer Mann war, saß da, schrieb und rauchte, stieg höchstens einmal täglich hinunter, um in der Osteria „Der Belli“ zu essen, wo man Touristen ausgesprochen schlecht, ihn aber, den Deutschen, wie einen wichtigen Paten behandelte – und wenn er zu erzählen anfing, von seinem Leben, seiner Arbeit, von den Menschen, mit denen er gelebt, gestritten, gearbeitet hatte, dann war das kein Gespräch, viel eher eine Performance, eine Privatvorstellung, eine Präsentation Berlingscher Verkörperungskunst. Und genau so haben Kluge und Berling ja auch gearbeitet in den Clips, die sie jahrelang gemeinsam produzierten: ein Stuhl für Berling, eine Kamera, neutraler Hintergrund. Wenn man Berling eine Mitra aufsetzte, sprach er wie ein Bischof in der Zeit der Gegenreformation; wenn er eine Pelzkappe trug, wie ein Kaufmann der Renaissance, und zwar ganz ohne dass es dafür ein Drehbuch gebraucht hätte: Seine historische Bildung war absolut unakademisch, aber umso tiefer empfunden. Die historischen Romane, mit denen er in den letzten Jahrzehnten sein Geld verdiente, erreichten Hunderttausender-Auflagen und wurden in Frankreich so aufmerksam wahrgenommen, wie sie in Deutschland ignoriert wurden vom literarischen Establishment.

          Peter Berling (links) mit Helge Schneider in „Praxis Dr. Hasenbein“ (1997).
          Peter Berling (links) mit Helge Schneider in „Praxis Dr. Hasenbein“ (1997). : Bild: Picture-Alliance

          Der Grund für den Besuch in Rom war aber ein ganz anders angelegtes Buch, ein verschlungenes und vertracktes Werk, das „Hazard & Lieblos“ heißt, eine Art Autobiographie ist und trotzdem von ganz anderen Dingen erzählt als andere Texte, die sich an ein Leben zu erinnern versuchen. Es fängt, wenn einer ein Kind ist, ja nicht einfach ein Leben ganz von vorne an; so eine Kindheit ist ja übervoll von den Bildern und Erzählungssplittern, welche die Eltern und die Großeltern, Großtanten und -onkel da hinterlassen und die man sich gewissermaßen einverleibt – und bei dieser deutsch-russisch-baltisch-jüdischen Familie, aus der Peter Berling stammte, gab es extrem viel, das gehört, bedacht und weitererzählt werden musste. Erst sein Vater, der Architekt im Büro von Hans Poelzig war (dem Architekten des Berliner Rundfunkhauses und der meisten Gebäude am Rosa-Luxemburg-Platz) änderte den Namen von Berliner in Berling.

          Dass aus ihm kein Akademiker werden würde, war Berling wohl schon als Teenager klar, im Internat Birklehof, wo er mit Karl Heinz Bohrer in einer Klasse war. Was aus ihm dann wurde, schien immer mehr dem Zufall, dem Moment geschuldet zu sein als einem klaren Plan. Für eine bürgerliche Existenz, darauf hat Berling immer bestanden, fehlte ihm die Begabung. Es war, nur zum Beispiel, der Filmhistoriker Enno Patalas, der Berling ansprach auf sein Organisationstalent und dann meinte, dieser Rechtsanwalt, dieser Alexander Kluge, wolle einen FIlm drehen: ob er, Berling, ihm nicht dabei helfen wolle. So wurde er zum Filmproduzenten.

          Bei seiner ersten Begegnung mit Rainer Werner Fassbinder, erzählte Berling, habe er mit dessen damaliger Freundin und Agentin im Bett gelegen. Bei der zweiten spielte er eine Rolle in Fassbinders „Liebe ist kälter als der Tod“, und als eine Schreckschusspistole auf ihn gerichtet wurde, fürchtete Berling, dass sie echt sei und geladen. Und als Berling, nach vielen Flops, das Kino aufgeben und vergessen wollte, vergaß das Kino ihn aber nicht. Noch 2002, in Scorseses „Gangs of New York“ gab es für Berling eine kleine Rolle.

          Ach, Peter Berling, geboren 1934 im damals zur Grenzmark Posen-Wetstpreußen gehörenden Meseritz, ist am Monstag in Rom gestorben. Man hätte ihm, angesichts dieses Lebens, noch so gerne weiter zugehört, noch so viele Fragen zu stellen gehabt. Andererseits ist seine Autobiographie 650 Seiten dick. Man sollte sie lesen.

          Quelle: F.A.Z.

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