04.07.2010 · Mit Temperament, Talent und Witz kämpfte er gegen den Zeitgeist: Frankreich trauert um seinen großen Schauspieler Laurent Terzieff, der im Alter von 75 Jahren gestorben ist
Von Joseph HanimannEr stand in Frankreichs Theaterlandschaft wie eine Weide in der Flusslandschaft: Ob im subventionierten oder im Privattheater, dieser existentiellen Wasserscheide französischer Theaterkultur, war er einfach Laurent Terzieff mit seinem ausgemergelten Gesichtsausdruck, seiner metallenen Stimme, seiner unzähmbaren Haarmähne, seiner unzeitgemäß üppigen Gestik. Dem intellektuellen Bühnenexperiment blieb er so fern wie der kommerziellen Routine.
Dieser Mann, der im vergangenen April noch zwei Molière-Auszeichnungen bekam, war eine Legende französischer Schauspielkunst über alle Investitionsgrenzen hinweg. Dabei war der im Jahr 1935 von einem russischen Vater in Toulouse Geborene eher übers Kino berühmt geworden. Unter dem Eindruck einiger prägender Aufführungen in jungen Jahren wie Strindbergs „Gespenstersonate“ unter Roger Blin, seinem künftigen Mentor, beschloss Terzieff, Schauspieler zu werden und wurde 1958 von Marcel Carné für den Film „Les Tricheurs“ (Die sich selbst betrügen) engagiert. Ein Jahr später dann war er Partner von Brigitte Bardot in Mauro Bologninis „La Notte brava“. Claude Autant-Lara, Rossellini, Clouzot, Buñuel, Pasolini, Godard ließen ihn ebenfalls in ihren Filmen auftreten.
Über die Zeittendenzen hinweg
Immer aber kehrte Terzieff, der das Handwerk von klein auf als Bühnenarbeiter, Souffleur, Statist gelernt hatte, zur Bühne zurück. Im Jahr 1961 gründete er zusammen mit Pascale de Boysson, seiner künftigen Lebenspartnerin, seine eigene Theatertruppe, die er bis fast zuletzt führte. Sein Zugang zur Bühne war der über die großen Texte, die für den Kenner und Liebhaber der Poesie auch Texte von Rilke, Brecht oder Milosz sein konnten. Besonderes Engagement legte er in zeitgenössische Stücke von Mrozek, Murray Schisgal, James Saunders, die er gern selbst inszenierte.
Denkwürdig bleiben seine Auftritte in Claudels „Goldhaupt“ unter Jean-Louis Barrault im Jahr 1959, „Die Emigranten“ von Mrozek unter Roger Blin im Jahr 1974 oder in einem Stück von Arthur Adamov unter Roger Planchon ein Jahr später in Erinnerung. Als Künstler wie als Mensch blieben seine politischen Stellungnahmen – 1960 gegen den Algerienkrieg, vor acht Jahren gegen den Irakkrieg – stets frei von allen Lagern.
Sein letzter Auftritt war die Titelrolle in „Philoktet“ von Jean-Pierre Siméon nach Sophokles unter der Regie von Christian Schiaretti in dieser Saison im Pariser Odéon-Theater: ein Verstoßener, der selbst im schmerzverkrampften Aufheulen noch mit den Kriegsherren und Göttern herumfeilschen wollte. Die Molière-Auszeichnung, die er dafür bekam, war nur die letzte aus einer Reihe zahlreicher Ehrungen seit dem Prix Gérard Philipe im Jahr 1964. Gegen die Zeittendenz weg von den Stücktexten hielt Laurent Terzieff mit Temperament, Talent, Witz und ohne sichtbare Zeichen von Ermüdung bis zuletzt die Texttradition auf der Bühne hoch. Laurent Terzieff ist am Sonntag, den 4. Juli, in Paris gestorben. Persönlichkeiten bis hin zum Staatspräsidenten Sarkozy bezeugen ihre Hochachtung für einen Darsteller, in dem das französische Theater alle inneren Bruchlinien vergaß und eine einzige Sprache sprach.