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Zum Tod von Gottfried John : Wie der einsame Wolf ein Weltstar wurde

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So kannte ihn sein Publikum: Gottfried John als Soldat Clemens Koch in der ARD-Serie „Theodor Chindler“ Ende der siebziger Jahre Bild: dpa

Sein Markenzeichen war die markante Nase. Sie ließ ihn herb und streng wirken. Dabei hatte Gottfried John enormen Charme und komödiantische Qualitäten. Dank „Goldeneye“ wurde er zum internationalen Star. Im Alter von 72 Jahren ist er nun in München gestorben.

          Gottfried John ist tot. Am 1. September starb er im Alter von zweiundsiebzig Jahren in der Nähe von München. Er zählte zu den bekanntesten deutschen Schauspielern. Mit der Vielzahl und Vielfalt an Rollen im Theater, im Kino und im Fernsehen konnte Gottfried John im Lauf seiner langen Karriere eine enorme Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen.Seine größten künstlerischen Erfolge errang in den Filmen, die Rainer Werner Fassbinder mit ihm drehte, kommerziell und international reüssierte er zumal als Bösewicht im James-Bond-Film „Goldeneye“ und als Caesar im ersten „Asterix“-Realfilm.

          Seinen Vater hat John, am 29. August 1942 in Berlin geboren, nie kennengelernt. Zusammen mit seiner Mutter wurde er während des Zweiten Weltkriegs nach Ostpreußen evakuiert. Nach dem Krieg durchlebten die beiden eine Odyssee durch verschiedene Städte, schließlich wurde der Mutter das Sorgerecht entzogen, die Fürsorge steckte John in ein Heim, aus dem ihn die Mutter befreite, als er fünfzehn Jahre alt war. Die beiden zogen für zwei Jahre nach Paris, wo der junge Mann den Lebensunterhalt als Straßenmaler und Bauarbeiter verdiente und von einer Karriere als Schauspieler träumte.

          Die Rolle des Reinhold in Rainer Werner Fassbinders Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ war ein Durchbruch in seiner Karriere. Hier sieht man ihn in einer Szene mit Günther Lamprecht (links)
          Die Rolle des Reinhold in Rainer Werner Fassbinders Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ war ein Durchbruch in seiner Karriere. Hier sieht man ihn in einer Szene mit Günther Lamprecht (links) : Bild: picture-alliance /

          1960 kehrten Mutter und Sohn nach Berlin zurück. An der Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar scheiterte John, nahm jedoch privaten Schauspielunterricht bei Marlise Ludwig. Noch während der Ausbildung hatte er sein Bühnendebüt am Berliner Schiller-Theater. Die Anfängerjahre als Schauspieler verbrachte er in den sechziger Jahren an der Landesbühne Hannover und an den Vereinigten Bühnen Krefeld-Mönchengladbach, später gastierte er unter anderem an der Freien Volksbühne in Berlin, den Bühnen der Stadt Bonn, in Hamburg unter Claus Peymann und in München bei Hansgünther Heyme.

          Bekannt wurde Gottfried John, dessen Gesicht ihm wegen seiner markanten Nase - entstanden durch einen in der Heimzeit erlittenen Nasenbeinbruch - Klischees wie „eine Mischung aus Jean-Paul Belmondo, Sammy Davis jr. und Anthony Quinn“ eintrug, durch die Arbeit mit dem Theaterregissuer Hans Neuenfels und dem Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. Mit Neuenfels arbeitete er Mitte der sechziger Jahre bei den Stücken „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke und „Gerettet“ von Edward Bond zusammen. Nachdem sich die beiden Unangepassten getrennt hatten, spielte John die Hauptrolle in Volker Voglers „Jaider - der einsame Jäger“ (1970), eine Rolle, die ihn auf den Typ des „einsamen Wolfes“ festlegte.

          Charakterrolle: Gottfried John als Peachum in der Berliner „Dreigroschenoper“ von 2006
          Charakterrolle: Gottfried John als Peachum in der Berliner „Dreigroschenoper“ von 2006 : Bild: dpa

          Um dieser frühen Fixierung zu entgehen, suchte er nach neuen Möglichkeiten, traf auf Rainer Werner Fassbinder und wurde unter dessen Regie ein gefragter Darsteller des neuen deutschen Films. Bereits mit der ersten Zusammenarbeit, dem Fünfteiler „Acht Stunden sind kein Tag“ (1972; ARD), in der er die Hauptrolle des Werkzeugmachers Jochen Epp spielte, schaffte er den Durchbruch. Weitere Rollenangebote folgten, aber John engagierte sich in erster Linie in Fassbinders Frankfurter „TAT“-Truppe. Am „Theater am Turm“, wo man scheinbar festzementierte Spielregeln des Theaterbetriebes aufzubrechen versuchte, übernahm er 1974/1975 drei Hauptrollen, führte Regie und betrieb Öffentlichkeitsarbeit.

          Neben den Rollen in Fassbinder-Filmen wie „Die Ehe der Maria Braun“ (1978; mit Hanna Schygulla), „Lili Marleen“ (1981) oder „Berlin Alexanderplatz“ (1980; Rolle des Reinhold) spielte er in vielen Fernsehproduktionen. Er war in Krimiserien wie „Tatort“, „Derrick“ und „Ein Fall für zwei“ zu sehen, in Marianne Lüdckes „Die große Flatter“ und Geißendörfers „Theodor Chindler“.

          Gottfried John (29. August 1942 bis 1. September 2014)
          Gottfried John (29. August 1942 bis 1. September 2014) : Bild: dpa

          In den achtziger Jahren, der „Nach-Fassbinder-Zeit“, wurden die ihn ansprechenden Filmangebote für in Deutschland weniger, er spielte danach vermehrt auch in England, etwa in „Mata Hari“ unter der Regie von Curtis Harrington (1984) und in der TV-Serie „Game, Set and Match“ (1987). Zu den herausragenden deutschen Produktionen in der Folge zählte dann 1996 Volker Schlöndorffs Kinofilm „Der Unhold“, in dem er an der Seite von John Malkovich spielte. Wesentlich mehr Popularität, auch international, brachte Gottfried John allerdings die Rolle des Bösewichts General Ourumov in dem James-Bond-Streifen „Goldeneye“ (1995; mit Pierce Brosnan als Bond) ein.

          Im deutschen Fernsehen sah man ihn danach in der Reihe „Beckmann und Markowski“ als Kommissar Beckmann. Die erste Folge mit dem schrägen, alkolhol- und spielsüchtigen Ermittler fiel 1994 beim Publikum durch, zwei Jahre später wurde die Reihe jedoch erfolgreich wieder aufgenommen. Nach einer ersten Berührung mit eher tragikomischem Stoff durch eine Rolle in Doris Dörries Episodenfilm „Bin ich schön?“ (1998) wagte John den Sprung ins komische Fach 1998/1999 mit seiner Rolle als Caesar in „Asterix und Obelix gegen Caesar“, der ersten Kino-Realfilmversion der Abenteuer der unbeugsamen Gallier, und bekam prompt einen Bayerischen Fernsehpreis für seine Darstellung. Gewohntes Terrain betrat er 2002 mit seiner Rolle als Verbrecherkönig Martin Krohm in dem ZDF-Zweiteiler „Der Solist: In eigener Sache“. Als Schulrat Aschenbrenner wirkte er im Jahr darauf in dem erfolgreichen Kinderfilm „Das Sams in Gefahr“ mit.

          Eine der späten Rollen: John im Jahr 2009 bei Dreharbeiten zur ARD-Märchenreihe „Acht auf einen Streich“
          Eine der späten Rollen: John im Jahr 2009 bei Dreharbeiten zur ARD-Märchenreihe „Acht auf einen Streich“ : Bild: dpa

          Auch der Bühne wurde John nicht ganz untreu. 2006 trat er als Jonathan Jeremiah in Klaus Maria Brandauers prominent besetzter Inszenierung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ im Berliner Admiralspalast auf. Mit ihm standen unter anderem der Sänger der Band „Die Toten Hosen“, Campino, die Mimin Katrin Sass und der Theaterstar Birgit Minichmayr auf der Bühne.

          Nach einigen Auftritten in Fernsehfilmen (etwa 2007 in Florian Gärtners „Das zweite Leben“ und 2008 in „Das Papst-Attentat“) und in Florian Gallenbergers Kinodrama „John Rabe“ (2009) war John 2010 in Dani Levys hochkarätigem Ensemble der Kinokomödie „Das Leben ist zu lang“ zu finden, wo er den alternden Filmstar Georg Maria Stahl verkörperte und einmal mehr sein komödiantisches Talent zeigen konnte. Im Fernsehen sah man ihn zuletzt vor zwei Jahren in dem Afrika-Drama „Die Löwin“ als geläuterten ehemaligen Großwildjäger.

          Quelle: FAZ.NET/Munzinger Archive

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