Ernest Borgnine hatte ein unvergessliches Gesicht. Weggucken oder trösten, das war die erste Reaktion auf diesen Mann. Er war, das darf man sagen, ein hässlicher Mensch, der zunächst wie ein etwas einfältiger, warmherziger Bär wirkte, wie ein knuffig freundliches, naives, manchmal auch bemitleidenswertes Geschöpf, das mit einem sehr schweren Körper und darüber einem kartoffelknolligen Schädel, einem Mund mit einer riesigen Zahnlücke und den buschigsten Augenbrauen Hollywoods geschlagen war. Aber für einen Charakterwechsel genügte diesem Mann ein Zucken im Mundwinkel, ein Zusammenkneifen der Augen. Es brauchte nur diese minimale Verschiebung in den Zügen, um aus dieser Gestalt, diesem Kopf, diesem Grinsen, diesen Augen das Antlitz eines sadistischen, erbarmungslosen Wesens zu machen. Und für diese Minimalmodulation in Verbindung mit seiner unter Kinoelfen außergewöhnlichen Figur wurde Ernest Borgnine berühmt. Dabei spielte er meistens nicht die Hauptrolle.
Geboren als Ermes Effron Borgnine in Hamden in Connecticut am 24. Januar 1917, ging Borgnine nach der Schule nicht gleich zum Film, sondern erst einmal zur Navy. Es heißt, er fing mit einem Gewicht von 135 Pfund dort an und kehrte zehn Jahre später mit hundert Pfund mehr ins Zivilleben zurück. Erste Rollen am Theater und im Fernsehen übernahm er nach seiner Schauspielausbildung Ende der vierziger Jahre, Anfang der fünfziger ging er nach Hollywood. Dort dauerte es nicht einmal zwei Jahre, bis er vom Anfänger zum wiedererkennbaren Typen wurde. Das lag nicht nur an seinem Aussehen, sondern vor allem an Fred Zinnemann.
„Hamlet, der Metzger“
Denn dieser besetzte ihn in der Rolle des brutalen Fatso Judson in seinem Film „Verdammt in alle Ewigkeit“ - nachdem die übrigen Rollen Deborah Kerr, Montgomery Clift, Burt Lancaster und Frank Sinatra übernommen hatten. Der Erfolg dieses Films, der acht Oscar gewann, und seine außerordentlich überzeugende Darbietung eines gnadenlosen Gefängnissergeanten, der Frank Sinatra totschlägt, machten aus Borgnine einen Schauspieler, mit dem zu rechnen war - immer wieder in derselben Rolle.
So ging das eine Weile weiter, etwa in Filmen von Nicholas Ray („Johnny Guitar“ und „Run for Cover“), Robert Aldrich („Vera Cruz“) und John Sturges („Bad Day at Black Rock“), bis Delmer Mann im Jahr 1955 meinte, Borgnine habe jetzt genügend Schurken gespielt. Und ihn in der Schmonzette „Marty“ einen erwachsenen Mann und Metzger spielen ließ, der noch bei seiner Mutter wohnt, bei Frauen nicht gerade als toller Hecht bekannt ist und außerdem eine Handvoll falscher Freunde hat. Borgnine gewann für seine Darstellung den Oscar. Das Magazin „Time“ nannte ihn damals „Hamlet, den Metzger“, was ein Lob gewesen sein muss.
Wie ein edles Gewürz
Der Oscar brachte erstens sein Privatleben völlig durcheinander - an vier Ehen erinnerte Borgnine sich nicht so gern, erst in der fünften, die er 1972 schloss und die bis zu seinem Tod anhielt, wurde er ein glücklicher Mann, soll er immer wieder betont haben -, und blieb zweitens im Anschluss ein paar Jahre lang ganz oben auf der Bedeutungsleiter der Filmindustrie. Er bekam Hauptrollen unter Regieroutiniers vom Rang eines Delmer Daves, Michael Curtiz, Richard Fleischer und Richard Brooks, oder auch, wie früher schon, Robert Aldrich, zum Beispiel in „The Dirty Dozen“.
Doch dann sank sein Stern, und Ernest Borgnine war wieder da, wo er angefangen hatte, besser bezahlt allerdings, so ist zu hoffen: in Filmen, die einen Bösen brauchten, der so aussah wie er. Doch so böse wie in „Verdammt in alle Ewigkeit“ durfte er nie wieder sein. Nicht einmal Sam Peckinpah, der für männliche Sadismen ja einiges übrighatte und gern auf Zeitlupe schaltete, wenn ein Opfer gestellt wurde, hat ihn in „The Wild Bunch“ im Jahr 1969 derartig brutal zulangen lassen wie Zinnemann sechzehn Jahre früher.
Im Fernsehen hatte Borgnine in komischen, meist netten Rollen ein zweites Leben, das bis zu seinem Tod andauerte. Aber auch im Kino tauchte er bis zuletzt immer wieder einmal auf, in ganz kleinen Rollen, wie ein Gewürz, das in kleinster Dosis ein Gericht adelt.
Am 8. Juli ist Ernest Borgnine in Los Angeles gestorben.
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