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Zum Tod von Chris Marker Ein Meister des Fragments

 ·  Das Werk des Filmemachers Chris Marker ist riesig und hat andere Künstler inspiriert, die wir er wissen wollen, was es mit Blicken auf sich hat. 91 Jahre alt, ist Marker nun in Paris gestorben.

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Wollte man Chris Marker in einem Wort beschreiben, müsste man sagen: Reisender. Die Ausstellung „Abschied vom Kino“, die sich (aus dem Wexner Center of the Arts in Ohio kommend) in Zürich vor einigen Jahren seinem Werk widmete, nannte ihn: Autor, Aktivist, Filmemacher, Fotograf, Internaut, Kritiker, Medienkünstler, Poet, Publizist. Sein Werk ist riesig, einflussreich unter Künstlern, die wie er zu erfassen suchen, was es mit Blicken auf sich hat, vor allem solchen, die sich direkt in die Kamera richten. „Staring Back“ heißt eine seiner letzten Arbeiten, die in Zürich zu sehen waren. Er hat bei Sartre studiert (Philosophie), mit Godard und Resnais gearbeitet (an den „Cinétracts“ 1968), er hat unter anderem eine lange Betrachtung zu Hitchcocks „Vertigo“ geschrieben und wahrscheinlich erfunden, was allgemein „Essayfilm“ genannt wird - dokumentarische Bilderfolgen, Fragmente oft, found footage, verbunden mit aus dem Off gesprochenen Text.

Von seinen Reisen in Sibirien, in Kuba, in Chile, in Israel, in China, in Japan hat er seit den fünfziger Jahren Filme mitgebracht, in denen Geschichte und Erinnerungen und Möglichkeiten aufscheinen, allen voran „Cuba Sì!“ von 1961, enthusiastisch weniger für die Revolution als für die Menschen, denen sie dienen soll, und „Sans Soleil“ etwa zwanzig Jahre später. Er hat, auf Video und fürs Fernsehen, einige wunderbare Porträts anderer Filmemacher geschaffen, am schönsten in „Une journée d’Andrei Arzenevitch“ von 2002 über Andrei Tarkowski, dessen Werk er in collagierten Bilderreihen mit den vier Elementen verbindet.

Und er hat 1963 seinen einzigen Spielfilm, den seltsamen Science-Fiction-Film „La Jetée“ gedreht, die Grundlage für Terry Gilliams „12 Monkeys“ Jahrzehnte später. Seltsam, weil „La Jetée“ eigentlich ein schwarzweißer Fotoroman ist, in dem nur eine einzige Bewegung stattfindet: das Flattern des Augenlids einer Frau, um deren Blick sich alles dreht.

Viel weiß man über den Mann jenseits seiner Arbeit nicht

Wer sieht wen? Kann der Blick eine Zeitreise auslösen? In „La Jetée“ liegen darin Schrecken wie Versprechen. Die Erde ist dem Untergang geweiht. Vielleicht aber, so die Hoffnung, ist die Erinnerung eines Mannes an diesen Blick der Frau stark genug, die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden. Sehnsucht als Brücke zwischen den Zeiten - poetischer ist Chris Marker wohl nie wieder gewesen.

Viel weiß man in der Öffentlichkeit über den Mann jenseits seiner Arbeit nicht. Er hieß eigentlich Christian-François Bouche-Villeneuve. In einigen Filmen von Kollegen ist er aufgetreten, bei Wim Wenders in „Tokyo-Ga“ oder in Agnès Vardas „Die Strände von Agnès“, aber er verbarg sein Gesicht hinter Katzenmasken. Er verweigerte Interviews. Die meisten Lexika schreiben entweder, er sei in Belleville geboren worden oder stamme aus Neuilley-sur-Seine. Der englische Kritiker und Autor des New Biographical Dictionary of Film, David Thomson, hingegen behauptet, Marker selbst habe ihm gesagt, er stamme aus Ulan Bator in der Mongolei. Geboren wurde er am 21.Juli 1921. Heute, am 30. Juli, ist Chris Marker in Paris gestorben.

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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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