12.01.2010 · Er war ein Nachzügler der Nouvelle Vague - und zugleich ihr Vollender. Sein Kino ist eine Form des philosophischen Nachdenkens über Gefühle, Phantasien, Lebensentwürfe und enttäuschte Hoffnungen. Zum Tod des französischen Regisseurs Eric Rohmer.
Von Andreas KilbAls sich vor mehr als fünfzig Jahren die jungen Rebellen der Nouvelle Vague in den Pariser Redaktionsräumen der „Cahiers du Cinéma“ versammelten, waren fast alle Anfang oder Mitte Zwanzig. Nur einer nicht: Eric Rohmer. Rohmer, geboren 1920, hatte seine Jugend schon hinter sich, als er zum Kino kam. 1946 hatte er seinen ersten (und einzigen) Roman veröffentlicht, bis 1955 war er Lehrer in Paris und in der französischen Provinz gewesen. 1959 drehte er sein Spielfilmdebüt „Im Zeichen des Löwen“, das mit dreijähriger Verspätung ins Kino kam, aber erst ab Anfang der sechziger Jahre, nachdem er seinen Posten als Chefredakteur der „Cahiers“ geräumt hatte, arbeitete er ausschließlich als Filmregisseur.
Eric Rohmer war ein Nachzügler der Nouvelle Vague - und zugleich ihr Vollender. Als er 1969 mit „Meine Nacht bei Maud“ aus dem Schatten seiner jüngeren und berühmteren Kollegen Godard, Truffaut und Chabrol heraustrat, waren die glanzvollen Zeiten des Aufbruchs längst vorbei, und es begann die Zeit des künstlerischen Durchbeißens. Rohmer war dafür besser gerüstet als alle anderen. Von Anfang an hatte er mit kleinen Budgets gearbeitet, an realen Schauplätzen, ohne teure Stars. „Meine Nacht mit Maud“ spielt im Winter in Clermont-Ferrand: Jean-Louis, ein junger Ingenieur, lässt sich auf ein nächtliches Gespräch über Liebe, Treue und Verrat mit der älteren Freundin eines Kollegen ein. Die Verzauberung, die der Film ausstrahlt, entsteht aus dem Wechselspiel zwischen dem Blick der Kamera und den Blicken, die die beiden Hauptfiguren einander zuwerfen. Verführung, Entzweiung und Verzicht liegen in der Luft, und der Zuschauer wird in den Reigen der Möglichkeiten hineingezogen, bis er selbst in Mauds Wohnung zu sitzen glaubt.
Liebesabenteuer auf der Bühne des modernen Alltags
Rohmers Kino ist an Kulissen arm und an Wirklichkeiten reich. Nur ausnahmsweise, wie in seiner Kleist-Verfilmung „Die Marquise von O.“ und seinem Alterswerk „Die Lady und der Herzog“, hat er sich auf die Beschränktheiten des Kostümfilms eingelassen. Ansonsten ist er mehr als vierzig Jahre lang dem Neorealismus treu geblieben, den er als junger Kritiker bewundert hatte. Nur dass er ihn auf eine Art weiterentwickelte, von der sich seine Vorbilder nichts hätten träumen lassen.
Bei Rohmer verschmilzt der neorealistische Blick mit der Figurenzeichnung des klassischen französischen Theaters. Die Helden seiner drei Kinozyklen, der „Moralischen Geschichten“, der „Komödien und Sprichwörter“ und der „Vier Jahreszeiten“, suchen das Liebesabenteuer auf der Bühne des modernen Alltags. Der Kontrast zwischen der Größe ihrer Erwartungen und der Gewöhnlichkeit ihrer Lebensumstände färbt ihre Geschichten mit Ironie. In „Vollmondnächte“, einem der schönsten Rohmer-Filme, erkennt die Hauptfigur Louise am Ende, dass sie ihr Glück in Paris nicht finden wird. Reumütig kehrt sie in die Vorstadt zurück, nur um zu erkennen, dass ihr Freund inzwischen mit einer anderen Frau zusammenlebt. Bei Rohmer geht die Komik der Geschichten nicht auf Kosten der Figuren. Sie ist ein Ausdruck der Einsicht, dass die Zeit der romantischen Liebestragödien im Kino vorbei ist.
Der Schimmer, der auf den Zuschauer überging
Vor zwanzig, dreißig Jahren war es beinahe ein Bekenntnis, in einen Film von Rohmer zu gehen. Das Kino, gab man so zu verstehen, kann mehr als ein Rahmen für Kitsch und Knallereien, es kann eine Form des philosophischen Nachdenkens über Gefühle, Phantasien, Lebensentwürfe und enttäuschte Hoffnungen sein. Das „Grüne Leuchten“, dem die Sekretärin Delphine in dem gleichnamigen Film von 1986 folgt, war auch ein Gleichnis für den Schimmer, der von Rohmers Geschichten auf den Zuschauer überging. Wenn sich die Leinwand wieder schloss, glaubte man seine Figuren neben sich im Kino sitzen zu sehen, mit ihren Fehlern und Freuden, ihren Sehnsüchten und Seltsamkeiten.
Seit der Jahrtausendwende ist es immer stiller geworden um Rohmer, nicht nur, weil er weniger Filme drehte. Auch unser Blick auf die Leinwand hat sich verändert. Die Leichtigkeit, mit der das Kino in Rohmers großer Zeit von der „Liebe am Nachmittag“ oder den Abenteuern von „Pauline am Strand“ erzählen konnte, ist dahin. Der französische Regisseur selbst scheint das gespürt zu haben. Seine letzten Spielfilme entstanden im Studio, fern von den verdüsterten Realitäten der Gegenwart. Mit seinem Tod wird wieder ein Kapitel der Nouvelle Vague abgeschlossen, das zugleich eins der schönsten und hellsten in der Geschichte des Kinos war. Am Montag ist Eric Rohmer in Paris gestorben. Er wurde neunundachtzig Jahre alt.