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Zum Tod Claude Millers : So nah dran wie möglich

Claude Miller, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2007 Bild: AFP

Godard und Truffaut prägten ihn, vier „Césars“ erhielt er für seine Filme: Der französische Regisseur Claude Miller ist im Alter von siebzig Jahren verstorben.

          Wie wird man ein Regisseur, den die Schauspieler lieben? Claude Miller hat es so ausgedrückt: „Die große symphonische Form ist nicht meine Sache. Meine Leidenschaft im Kino besteht darin, mich so nah wie möglich an das Spiel der Erscheinungen, Gesten, Blicke, Verhaltensweisen heranzubegeben und zu versuchen, das Innere der Personen, ihre geheimsten Wünsche, ahnen zu lassen, während man nichts als ihr Äußeres sieht.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Millers Filmen erkennt man, was das bedeutet. Seine beiden größten Erfolge, „Das Verhör“ von 1981 und „Das Auge“ von 1983, sind hinreißend kalkulierte Liebeserklärungen an Romy Schneider, Lino Ventura und Isabelle Adjani, vor allem aber an Michel Serrault, den Miller den hintergründigsten Schauspieler genannt hat, welchen er je getroffen habe. In der einen Geschichte spielt er einen Mordverdächtigen, der sich im Verhörzimmer windet und spreizt, in der anderen einen Detektiv, der auf der Jagd nach einer schönen Betrügerin seine Berufsehre vergisst, aber in beiden Filmen hat man das Gefühl, direkt in seine Seele schauen zu können, ohne dass das, was darin ist, sich je restlos offenbarte. So ließ Miller seine Figuren im Geheimnis und gab sie doch ganz unseren Blicken preis.

          Krankheit und Kreativität

          Noch einmal hat er zweimal hintereinander mit derselben Schauspielerin gearbeitet, 1985 und 1988 mit Charlotte Gainsbourg in „Das freche Mädchen“ und „Die kleine Diebin“. Der zweite Film entstand nach einem Drehbuch, das sein Mentor François Truffaut hinterlassen hatte, und wenn man ihn sieht, versteht man, warum Truffaut Miller, den er Ende der sechziger Jahre kennenlernte, sofort unter seine Fittiche nahm und ihm auch zum Regiedebüt verhalf, denn der Blick des einen ist bei dem anderen aufgehoben, in liebevoller, konzentrierter, vielleicht ein wenig exaltierter Form. Wenn man sich diese Arbeitsbeziehung, die auch eine Freundschaft war, genau anschaut, versteht man auch, was das französische Kino groß gemacht hat und immer noch groß macht: ein künstlerisches Einverständnis, nach dem man in Deutschland lange suchen kann.

          Claude Miller, 1942 in eine jüdische Kleinbürgerfamilie hineingeboren, studierte an der Pariser Filmhochschule Idhec, als die Nouvelle Vague auf ihrem Höhepunkt war, und arbeitete als Regieassistent für Godard, Bresson und Marcel Carné, als die Welle schon wieder abebbte. Dann traf er Truffaut, und mit der Patricia-Highsmith-Verfilmung „Süßer Wahn“ begann 1977 seine große Zeit. Als er zwanzig Jahre später für „Die Klassenfahrt“ in Cannes den Jurypreis gewann, war sie schon fast wieder vorbei, und in dem lose an Tschechows „Möwe“ angelehnten Gruppenporträt „Die kleine Lili“ (2003) wirkte sein Regisseurblick erschöpft und desinteressiert. Die Krankheit, die 2007 bei ihm diagnostiziert wurde, hat noch einmal alle kreativen Kräfte Millers mobilisiert, so dass er seither fast jedes Jahr einen Film drehte. Der jüngste, das Ehedrama „Thérèse D“ nach François Mauriac mit Audrey Tautou, wird im Mai in Cannes laufen. Es ist sein Vermächtnis. Am vergangenen Mittwoch ist Claude Miller wenige Wochen nach seinem siebzigsten Geburtstag in Paris gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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