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Michael Ballhaus wird 80 : Wie filmt man das?

Michael Ballhaus im März 2014 in Köln Bild: dpa

Fassbinder, Schlöndorff, immer wieder Scorsese, Redford, Coppola, Newman, Petersen. Das sind einige der Regisseure, die mit ihm gearbeitet haben, immer zu ihrem Vorteil: Zum Achtzigsten des Kameramanns Michael Ballhaus.

          Goldenes Zeitalter, etwa 1870, in New York. Geldadel unter sich. Eine Abtrünnige, die für einen Mann nach Europa ging und ohne ihn zurückkam. Ein Skandal! Eine Abendgesellschaft mit ihr als Gast. So ist die Lage, als Michelle Pfeiffer in der Rolle dieser unmoralischen Heimkehrerin in Martin Scorseses Film „The Age of Innocence“ vom Sofa aufsteht und zu dem Mann geht, den sie begehrt. „Es gehörte sich nicht, dass eine Frau sich in Gesellschaft eines Mannes erhob, um die eines anderen zu suchen“, klärt uns die Stimme aus dem Off auf. Ein Akt weiblicher Landnahme und Unabhängigkeit. Wie filmt man das?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Kameramann Michael Ballhaus filmt das in Zeitlupe. Nicht effekthascherisch superlangsam, sondern gerade nur so weit verzögert, dass die Enge der Manieren, die hier gesprengt wird, genauso spürbar wird wie die innere Freiheit dieser Fürstin Olenska, die strahlt, als sei es ganz selbstverständlich, was sie da tut. Im Kameraauge von Michael Ballhaus strahlen die Frauen oft. Deshalb lieben ihn die Schauspielerinnen, deren Gesichter er in Licht taucht, damit sie scheinen können. Michelle Pfeiffer hatte ihm außerdem eine Kreisfahrt zu verdanken, mit der er den Flügel umrundete, auf dem sie in einem roten hochgeschlitzten Kleid lag und sang, eine Fahrt, die ihrer Karriere nicht geschadet hat. Das war 1989 in „The Fabulous Baker Boys“, lange her, und ebenso unvergesslich wie der Augenblick, in dem dieselbe Michelle Pfeiffer vier Jahre später verlangsamt auf Daniel Day-Lewis zugeht, der sich erhebt, während sie sich setzt.

          Es gibt in jedem Film, den Ballhaus fotografiert hat, mindestens einen solchen Augenblick, der im Gedächtnis haftenbleibt, weil die Bilder etwas erzählen, das von der Geschichte erst noch eingeholt werden muss. Etwa jenes ebenfalls berühmte erste Treffen von Karlheinz Böhm und Margit Carstensen in Fassbinders „Martha“, für das Ballhaus Margit Carstensen in einen Schienenkreis stellte, auf dem die Kamera sie umrundete, während Böhm mit einem Storchenschritt dieses Rund betritt, in dem sie einerseits ganz zueinanderkommen, andererseits aber bereits auch gemeinsam gefangen sind.

          Ein paar Grad wärmer

          Ballhaus hat sich mit seiner Kamera immer in den Dienst der Geschichten der Filme gestellt und trotzdem einen ganz unverkennbaren Stil entwickelt. Denn er erzählt mit seiner Kamera selbst, was nicht so gut funktionierte, wenn er mit effekthascherischen Mätzchen die Aufmerksamkeit des Publikum auf sich zu ziehen versuchte. Das hat er nie getan. Aber er hat immer dafür gesorgt, dass auch Geschichten, die es vielleicht nicht wirklich wert werden wie „Die Legende von Bagger Vance“, immer noch phantastisch aussahen. Fassbinder, Schlöndorff, immer wieder Scorsese, Redford, Coppola, Newman, Petersen. Das sind einige der Regisseure, die mit ihm gearbeitet haben, immer zu ihrem Vorteil. Dass Ballhaus nicht nur ein Künstler ist, sondern auch ein Mann, in dessen Gegenwart die Welt ein bisschen weniger scharfkantig erscheint und nicht nur das Licht ein paar Grad wärmer, hat die Arbeit mit ihm unvergleichlich angenehm gemacht.

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          Aus den Vereinigten Staaten kam er 2007 zurück, nachdem er „The Departed“mit Scorsese abgedreht hatte, das sollte sein letzter Film sein. Doch für den Kampusch-Film „3096 Tage“ seiner Frau Sherry Hormann hat er dann doch noch mal die Bildregie übernommen. Und er hat eine Autobiographie geschrieben, in der er genau die Balance hält, die auch seine Kunst auszeichnet - zwischen Diskretion und Offenheit, Dezenz und Unverblümtheit. An diesem Mittwoch wird er achtzig.

          Quelle: F.A.Z.

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