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Zum Achtzigsten : Mein Freund Godard

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Prekär in seinem Verhältnis zur Außenwelt: Jean Luc Godard Bild: dpa

Wie wir uns 1968 kennenlernten, einen Film zusammen drehten, uns über „Außer Atem“ zerstritten und im vergangenen Mai wieder versöhnten: Jean-Luc Godard, der radikalste, der einsamste, der genialste unter den Filmemachern, ist zärtlich und hart und nicht ganz koscher. Eine Erinnerung.

          Wenn man mich fragt, seit wann ich Godard kenne, sage ich: „Seit ,Außer Atem'.“ Der Film ist von 1959 und für mich bis heute der Film der Filme. Der zeitgenössische Film an sich. Einer, der in jeder Zeit funktioniert. Das ist vorweggenommener Punk: Du hast keine Chance, aber ergreife sie.

          Anfang der Sechziger habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Und seitdem sicher noch zwanzigmal. Persönlich haben Godard und ich uns aber erst ein paar Jahre später getroffen. Für mich war er bereits ein Mythos, aber er kannte mich noch nicht. Das änderte sich 1968. Er sagt, er habe mich zum ersten Mal bei einer Demonstration für die Cinémathèque française und ihren Leiter, Henri Langlois, gesehen, der vom damaligen Kulturminister André Malraux geschasst werden sollte, wogegen die Filmemacher auf die Straße zogen. Da war ich mit ein paar Freunden auch und habe von einer Tribüne herunter irgendetwas gesagt.

          Godard war von Anfang 1967 an oft in Nanterre gewesen, weil er mit Anne Wiazemsky „La chinoise“ vorbereitete. Und im März 1968, als zum ersten Mal eine Universität besetzt wurde, nämlich die von Nanterre, war er auch da. Ich glaube, an dem Tag haben wir zum ersten Mal miteinander gesprochen. Das war meine politische Geburtsstunde sozusagen. In jenem Jahr sind wir uns dann immer wieder begegnet, denn Godard hat ja während der Revolte viel gedreht.

          Nach dem Godard-Lob war Sendepause: Daniel Cohn-Bendit
          Nach dem Godard-Lob war Sendepause: Daniel Cohn-Bendit : Bild: dpa

          Eine ziemlich ideologische Sache

          Nun war er bekanntlich mit den Maoisten affiliiert, das war überhaupt nicht meine Baustelle. Deswegen haben wir uns politisch nicht getroffen. Aber im Sommer 1968 lernte ich in Italien einen Produzenten kennen, der mich fragte, ob ich nicht einen Film drehen wollte. Damals glaubte man ja, jeder könne Filme machen. Ich sagte: „Ja klar. Ich möchte mit Jean-Luc Godard einen Western drehen.“ Das war natürlich ein Witz. Aber irgendjemand hat das Godard erzählt, und der meinte: „Selbstverständlich will ich keinen Western machen! - Aber warum nicht.“

          So haben wir uns im September 1968 in Rom für die Dreharbeiten unseres Westerns „Vent d'est“ (Ostwind) wiedergetroffen. Eine völlig verrückte Sache. Ich war vierundzwanzig, Jean-Luc an die vierzig. Alles wurde in Vollversammlungen diskutiert, morgens trafen wir uns und haben über das Kino, seine Bedeutung und den Sinn des Ganzen geredet, und irgendwann wurde auch gedreht. Manchmal sind wir Jüngeren an den Strand gefahren und haben dort geschlafen. Godard hat das fasziniert, aber er ist ins Hotel gegangen. Unsere politischen Ideen interessierten ihn nicht, er war ja Maoist. Aber unsere Lebensweise, die interessierte ihn sehr.

          Die Maoisten waren rigide, wir waren unzurechnungsfähig. Uns war das Leben wichtiger als die Politik, obwohl das natürlich auch eine politische Form war. So gab es die gegenseitige Faszination - mich hat seine intellektuelle Stringenz fasziniert, obwohl ich ihm nicht zustimmte, und ihn unsere Freiheit. Es gab damals ein Foto von mir, auf dem ich Shorts anhabe und mit einem Colt spiele. Der „Stern“ hat das dann abgedruckt und behauptet, es zeige eine Szene aus dem Film. Aber das war Unfug, wir haben einfach mit den Requisiten gespielt. Der Film war eine versponnene Idee, aus der nicht recht etwas wurde. Irgendwann hat Godard ihn dann mit Jean-Pierre Gorin und ihrem Filmkollektiv Dziga Vertov fertiggemacht, es wurde eine ziemlich ideologische Sache. Aber wir waren eben längere Zeit zusammen. Es war übrigens auch tragisch für Godard. Er hat damals seine Frau verloren, Anne Wiazemsky. Die ist mit einem Freund von mir abgezogen. Das Ganze war Leben, und nebenbei entstand ein Film.

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