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Artur Brauner wird 100 : Der Entronnene

  • -Aktualisiert am

Artur Brauner 2008 in seinem Wohnhaus in Berlin. Bild: dpa

Seine engagierten Projekte waren altmodisch: Der Filmemacher Artur Brauner, Organisator des deutschen Nachkriegskinos, wird hundert Jahre alt.

          „Ich bin restlos glücklich“, hat Artur Brauner einmal in einen Fragebogen eingetragen. Es war eine überraschende Aussage von einem Mann, der seine ganze Existenz darauf gründet, dass er einem Rest entstammt: den überlebenden europäischen Juden, die der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten entgangen waren. Als er 1946 nach Berlin kam, aus Polen, wo er 1918 in Lodz geboren worden war und wo er sich vor den Verfolgern versteckt gehalten hatte, begann eine unvergleichliche Geschichte: Brauner wurde Filmproduzent, Immobilieninvestor, Gesellschaftsmensch. Er wollte diese beiden Tatsachen – sein persönliches Glück und seine Zeugenschaft für das Verbrechen – immer im Zusammenhang sehen. Aber sie fielen immer wieder auseinander.

          Also fügte er sie wieder zusammen, indem er Filme produzierte wie „Morituri“ von Eugen York: Die zum Tode Verurteilten, von denen der Titel sprach, schlugen sich auf der Flucht vor der Gestapo in die Wälder, um auf die Rote Armee zu warten. Brauner setzte dabei auf eine Filmsprache, die sich durch Deutlichkeit auszeichnete. „Morituri“ wurde vielfach gelobt, aber das Publikum wollte den Film nicht sehen, und Brauner zog vorerst die Konsequenz: Seine CCC-Studios in Spandau wurden zu einem Zentrum der kommerziellen Filmproduktion in der Bundesrepublik. In den fünfziger Jahren holte er Fritz Lang und Robert Siodmak nach Deutschland zurück. Siodmak drehte 1955 „Die Ratten“ und gewann auf der Berlinale den Goldenen Bären damit. Aber die weitere Zusammenarbeit zwischen Brauner und Siodmak erwies sich als schwierig, weil der eine nur wirtschaftliche Risiken sah, wo der andere nach künstlerischer Integrität suchte.

          Von nun an war er ein Anachronist

          Mit Lang war es nicht weniger kompliziert, zumal Brauner ein Projekt vorschlug, das auf eine Ex-Frau von Lang zurückging: „Das indische Grabmal“, nach einem Drehbuch von Thea von Harbou, war einer der Kassenschlager in der Weimarer Republik. Das Remake nach dem Krieg stand aber schon im Zeichen eines neuen, touristischen Exotismus. Dass Brauner um dieselbe Zeit auch die Figur jenes Dr. Mabuse wiederbelebte, den Lang in drei Filmen zu einem Archetyp der Weimarer Republik gemacht hatte, trug nicht zum besseren Verständnis mit dem stolzen Regisseur bei. Regie bei „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (1961) führte Harald Reinl, der später auch „Die Nibelungen“ und „Winnetou“ auf den neuesten Stand der Trivialphantasie brachte.

          Petra Schürmann und Artur Brauner 1974 auf dem Mathäser-Filmball in München.

          Mit Karl May und Edgar Wallace hielt Brauner in den sechziger Jahren seinen Betrieb noch am Laufen, als die Generation des Neuen Deutschen Films bereits ganz andere Vorstellungen von Kino vertrat. Von nun an war Brauner ein Anachronist, und er stilisierte sich zunehmend als Einzelgänger. In Berlin liebt man ihn als Gastgeber (in einer Villa in Grunewald, die der des Hollywood-Stars Kirk Douglas nachempfunden ist) und als Partygast auf jeder Bambi-Gala. Hinter seinem Rücken neidet man ihm seinen Erfolg, den er zunehmend mit Immobilien erzielte. Seine engagierten Projekte, wie „Sie sind frei, Dr. Korczak“ (1973), waren altmodisch. Mit den Gremien, die im deutschen Kino die Geldströme lenkten, hatte Brauner kein Glück: Als er in den achtziger Jahren einen Film über Oskar Schindler drehen wollte, lehnte die Filmförderung sein Projekt ab. Sie verwies auf eine Stelle im Drehbuch, die sie als spekulativ erachtete: Der Lagerkommandant Göth fällt über sein jüdisches Dienstmädchen her. In Brauners Verständnis wurde damit das Unrecht erst so richtig deutlich. Als Steven Spielberg später „Schindlers Liste“ so inszenierte, dass der Film beinahe aussah wie aus dem Hause Brauner, bekam er dafür auch in Deutschland enormes Lob.

          Die zweierlei Maß, mit denen er häufig gemessen wird, ließen Brauner bitter werden. Mit „Hitlerjunge Salomon“ von Agnieszka Holland, dem erfolgreichsten seiner Filme über die nationalsozialistische Zeit, erfuhr er 1992 eine weitere Demütigung, als die deutsche Auswahlkommission ihn nicht für den Auslands-Oscar nominierte. Wieder gab es dafür gute Gründe, die jedoch wieder einmal nur auf Brauner angewandt wurden. Seine späten Jahre wandte er für Projekte auf, die kaum mehr eine Öffentlichkeit fanden: „Babij Jar“ (2003) erzählt von einem Massaker in der Nähe von Kiew im Jahr 1941. Es sollte ein „filmisches Mahnmal“ sein, mit den Mitteln eines B-Kinos, das er in Deutschland zur Hochblüte gebracht hatte, das hier aber fehl am Platz war.

          Brauner bezeichnete es als „göttliche Fügung“, dass er die Judenmordpolitik überlebt hat. Heute, an seinem hundertsten Geburtstag, wird er vielleicht darüber rätseln, was Gott mit dieser ungewöhnlichen Zuteilung von Jahren gemeint hat. Denkbare Antworten liegen in Registern, von denen Fritz Lang deutlich mehr wusste als Edgar Wallace.

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