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Zeitgeschichte Wie Vittorio de Sica im Krieg dreihundert Leben rettete

20.08.2003 ·  Ein Regisseur, der inmitten von Wehrmachtsrazzien dreihundert Verfolgte als falsche Komparsen für einen Film anstellt und die Dreharbeiten so lange hinauszögert, bis die Alliierten Land und Set befreien, ein solches Szenerio klingt zu sehr nach Kino. Und doch hat es sich Mitte der vierziger Jahre in Rom so ähnlich zugetragen.

Von Dirk Schümer
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Ein Regisseur, der inmitten von Wehrmachtsrazzien dreihundert Verfolgte als falsche Komparsen für einen Film anstellt und die Dreharbeiten so lange hinauszögert, bis die Alliierten Land und Set befreien - ein solches Szenario klingt allzusehr nach einer Cineastenversion von "Schindlers Liste", um wahr zu sein. Und doch hat es sich im Rom der Jahre 1943/44 wohl so ähnlich zugetragen, als Vittorio de Sica "La porta del cielo" ("Das Himmelstor") drehte. Rund dreihundert Mitarbeiter im aufgeblähten Apparat dieses Films waren Juden und verfolgte Antifaschisten; ein Geheimkontrakt zwischen De Sica und dem im Vatikan zuständigen Monsignore Montini, dem späteren Paul VI., soll festgelegt haben, die Dreharbeiten auf römischem Klostergelände bis zur Ankunft der Befreier - sie geschah am 5. Juni 1944 - hinauszuzögern.

Es ist fast ein Wunder zu nennen, daß die Entdeckung dieses unglaublichen Stoffes als Filmszenario bis jetzt gedauert hat. Eine Produktion mit dem Sohn des 1974 gestorbenen De Sica, Christian, in der Rolle des Vaters soll 2004 die Geschichte von "La porta del cielo" erzählen. Dieweil ist in Italien ein Streit entbrannt, ob es sich bei einem ebenfalls 1943 spielenden Film des Regisseurs Maurizio Ponzi um ein Plagiat des ursprünglichen Stoffes handelt. Ponzi, der voriges Jahr in der römischen Basilika Santa Sabina die Story einer adligen Rotkreuzschwester unter der deutschen Besatzung in Szene gesetzt hat, bestreitet heftig alle Vorwürfe; es handle sich nur um dasselbe Zeitkolorit. Christian de Sica läßt die Angelegenheit indes von seinen Rechtsanwälten prüfen.

Abseits solcher Scharmützel kommt in der in Italien entbrannten Debatte um "La porta del cielo" die faszinierende Gestalt Vittorio de Sicas erneut ins Rampenlicht. Erst durch die Zusammenarbeit mit der katholischen Filmwelt konnte sich der alternde Schauspieler und frische Regisseur damals von seinem Ruf als seichter Beau in faschistischen Revuefilmen befreien. Gerade 1943 hatten die Nazis und das verbliebene Mussolini-Regime der "Republik von Salo" nämlich vorgesehen, die Filmindustrie aus dem bedrohten Rom nach Venedig zu verlegen. Tatsächlich entstand in der Lagunenstadt für ein paar Monate eine hybride Cinecitta; fanatische Faschistenstars siedelten sich in den Luxushotels unter Aufsicht deutscher Generäle an und besorgten der kollabierenden Ideologie einen kranken Abendglanz.

De Sica wollte und konnte sich dem mit Hilfe des katholischen Filmnetzwerks CCC (Centro Cattolico Cinematografico) entziehen. Das Angebot, einen frommen Film über einen erblindeten Arbeiter und eine Gruppe zu drehen, die mit ihm nach Loreto pilgert, war die ideale Gelegenheit. Über Monate siedelte sich das Filmvölkchen in Notunterkünften des Klosters San Paolo fuori le mura an, wo man drehte, lebte und liebte - mit der Zeit zum großen Mißfallen der frommen Bewohner. Nach 1945 war die Verärgerung immer noch so groß, daß die Kirche vorerst Dreharbeiten an heiligen Stätten untersagte. Die verzweifelten Illegalen und Juden freilich, die sich 1943 in diese chaotische Traumfabrik mit Wissen einiger Kirchenoberer wie des Regisseurs geflüchtet hatten, wurden argwöhnisch von deutschen Truppen außerhalb des extraterritorialen Kirchengeländes beobachtet. In der Nacht zum 4. Februar 1944 stürmte die SS unter dem Kommando des berüchtigten Folterers Koch das Gelände und nahm sechzig Verdächtige fest. Danach war der Set, wie De Sica berichtete, zu einer "belagerten Festung" geworden - die immerhin bis zur Befreiung standhielt.

Zusammen mit seinem Drehbuchschreiber Zavattini, der auch später für die neorealistischen Meisterwerke "Sciuscia" und "Fahrraddiebe" verantwortlich zeichnen sollte, arbeitete der Regisseur mit großer Sorgfalt an seinem ersten ernsthaften Film. Eine Hauptrolle im Loreto-Epos spielte seine spätere Ehefrau und Mutter von Christian, die Spanierin Maria Mercader. Einem Gerücht zufolge lehnte die katholische Kirche später Werbung und Verbreitung des fertigen Filmes ab, weil De Sica mit seiner Schauspielerin in zweiter Ehe lebte. In Wahrheit jedoch empfahlen die zuständigen Stellen - wie der "Corriere della Sera" berichtet - den Film, der über weite Strecken im Zug spielt und in dem am Ende dem Blinden keine Heilung zuteil wird, durchaus für Italiens Pfarrsäle. Von den Wirren der Befreiung sowie der frischen amerikanischen Konkurrenz überrollt, wurde "La porta del cielo" dann zu einem Geisterfilm, den damals kaum jemand sah und der heute nur mehr in einer beschädigten Kopie erhalten ist.

Italiens ohnehin im Aufwind befindliches Kino hat mit dieser abenteuerlichen Geschichte jedoch weit mehr geschenkt bekommen als ein unbezahlbares Drehbuch. Im Unterschied zum nationalsozialistischen Kino der Leni Riefenstahl, die für ihre Verfilmung von "Tiefland" bekanntlich Sinti und Roma aus Lagern als Komparsen abkommandiert bekam, haben die italienischen Filmleute den positiven Gegenentwurf gelebt: Während Riefenstahls bedauernswerte Akteure wieder hinter Stacheldraht und in Vernichtungslagern verschwanden, konnte eine römische Truppe Belagerter mehr als zweihundert Untergetauchte retten.

Dies also - und nicht die im Film selbst thematisierte Heilung durch himmlische Mächte - wurde zum wahren Wunder der Dreharbeiten, wie der italienische Filmhistoriker Marco Roncalli kommentiert. Während Rom unter den Alliierten zur "offenen Stadt" wurde, während Rossellini dieses neue Kapitel mit der Kamera für die Geschichtsschreibung festhielt, hatte De Sica seine Lektion Leben fürs künftige Kinoschaffen gelernt. Sein Neorealismo bedurfte nach den Dreharbeiten inmitten von Todgeweihten keiner weiteren Anregungen mehr.

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