18.05.2008 · Woody Allen war lange nicht in so guter Form: Er begeistert das Filmfestival von Cannes mit einer romantischen Komödie, in der Penelope Cruz reine Freude versprüht. Allen verwebt das nicht ganz unvorhersehbare Durcheinander in den Herzen und Betten leicht und sicher.
Von Verena Lueken, CannesWoody Allen sorgte mit seinem Film „Vicky, Cristina, Barcelona“ zum Beginn des Wochenendes für ziemlich gute Laune. Nur dreimal in seiner langen Laufbahn ist er auf einem Festival in den Wettbewerb gegangen, zum ersten Mal in Berlin 1975 mit „Love and Death“, 1983 in Venedig mit „Zelig“ und 1985 in Cannes mit „Purple Rose of Cairo“. Er blieb sich treu und zeigte auch diesen neuen Film außer Konkurrenz.
Der ist eine romantische Komödie über zwei junge Amerikanerinnen, die den Sommer in Barcelona verbringen. Die eine verlobt und mit ziemlich üblichen Vorstellungen davon, wie das Leben zu verlaufen hat, die andere ungebunden, abenteuerlustig, auf der Suche nach etwas, von dem sie nicht weiß, was es ist. Die eine ist Rebecca Hall, die andere Scarlett Johansson. Sie treffen auf den verführerischen Spanier Juan Antonio (Javier Bardem), einen Künstler, der den Schmerz der Trennung von seiner großen Liebe, die ihn beinahe erstochen hätte (Penelope Cruz), vergessen will.
Komödien auf Festivals sind selten
Es gibt ein nicht ganz unvorhersehbares Durcheinander in den Herzen und Betten, aber Allen verwebt alle sämtliche Klischees, die die Konstellation hergibt, so leicht und sicher miteinander, dass man jeden Augenblick spürt, wie viel Spaß er dabei hatte. Seine Darsteller, neben Bardem vor allem Penelope Cruz, die, wenn sie Spanisch sprechen kann, immer schon ein unschlagbares komödiantisches Gespür hatte, versprühen reine Freude an der Sache, und Barcelona sieht aus, wie kein Touristenprospekt es schöner und katalanischer zeigen könnte.
Woody Allen war lange nicht in so guter Form, was will man mehr zum Sommeranfang, selbst wenn es in Cannes regnet. Außerdem sind Komödien auf Festivals immer selten, da kam diese nach den großen politischen Stoffen, den Gefängnis- und Familiendramen gerade recht. Andreas Dresen, der mit „Wolke 9“ im Certain Regard zu sehen war und eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang unter Alten erzählte, wirkte danach ganz besonders trist.
Bevor das Wochenende dann gänzlich Steven Spielberg und seinem neuen Indiana-Jones-Film gehörte, zogen noch der Franzose Arnaud Desplechin, der Türke Nuri Bilge Ceylan, der Brasilianer Walter Salles und der Filipino Brillante Mendoza in den Wettbewerb, und vor allem die ersten beiden, die regelmäßig ihre Filme in Cannes zeigen, begeisterten die Franzosen sehr. Desplechin mit einer Familiengeschichte, die so viele Figuren und Zeiten umfasste, dass der Regisseur Texteinblendungen brauchte, um einigermaßen Ordnung zu halten, Ceylan mit einem höchst metaphorischen Noir-Melodram. Beide profitierten enorm von ihren Darstellern. Desplechin hat für „Un conte de Noël“ mit Catherine Deneuve und ihrer Tochter Chiara Mastroianni, mit Mathieu Amalric, Jean-Paul Roussillon, Anne Cosigny und Melvil Poupaud einige der bekanntesten französischen Gesichter zu bieten, Ceylan vor allem die wunderschöne Hatice Aslan.
Ceylan hat eine treue Anhängerschaft
Was die Franzosen an dem französischen Beitrag außerdem verzückt, liegt auf der Hand. Es ist eine durch und durch bourgeoise Gesellschaft, mit viel Komik inszeniert – immerhin ist die Inspiration des Drehbuchs ein medizinischer Bericht über die Probleme der Knochenmarkspende –, mit einem Dialog, der so scharfzüngig ist, wie es nur die Besterzogenen hinkriegen. (Welche Mutter außer Catherine Deneuve könnte zu einem ihrer Söhne freundlich sagen „ich mochte dich eigentlich nie besonders“, und welcher Sohn, außer Amalric, fände darauf eine leichtfertige Antwort?) Ginge das Ganze nicht über zweieinhalb Stunden und gäbe es nicht eine selbstmitleidige Schwester, es wäre eine Freude zuzuschauen. Und Ceylan hat hier seine treue Anhängerschaft. Aber wer bei dem Titel „Drei Affen“ etwas anderes erwartet als Figuren, die nicht hören, nicht sehen, nicht sprechen, wurde enttäuscht.
Für Jia Zhang Ke, der vor ein paar Jahren in Venedig für „Still Life“ ausgezeichnet wurde und mit „24 City“ zum ersten Mal in Cannes ist, war seine Premiere wahrscheinlich weniger balsamierend als für Ceylan und Desplechin. Seine Gala wurde für die Presse geöffnet, was bedeutet, dass der Saal sonst nicht voll geworden wäre. Schon bald gingen einige Ungeduldige, und dann immer mehr. Dabei gehörte sein Film, sperrig wie er ist, zu den spannendsten im Wettbewerb bisher, und die Konkurrenz ist ja beachtlich. „24 City“ spielt in Chengdu, wo eine Waffen-und Munitionsfabrik nach fünfzig Jahren geschlossen wird. Die Geschichte dieser Fabrik und damit einen guten Teil der Geschichte wirtschaftlicher und politischer Entwicklung Chinas erfahren wir von fünf Arbeitern, die ihre Erfahrungen und Erinnerungen direkt in die Kamera sprechen, und von drei erfundenen Figuren, drei Frauen, die dasselbe tun, nur, dass ihre Geschichten eben fiktiv sind.
Blick auf ein Häusermeer im Smog
Wie einst für August Sander, nur nicht im Sonntagsstaat, stellen sich die Personen der Kamera, frontal, offen, manchmal giggelnd, manchmal ernst, und sprechen lange Passagen, in denen nichts weiter geschieht. Vielleicht rührte die Ungeduld vieler Zuschauer daher, dass wir, die wir nicht Chinesisch sprechen, alles in Untertiteln lesen müssen, und was da erzählt wird, aus den Familien, dem Betrieb, dem Arbeitsethos, über die Erbfolge, die Einflüsse politischer Veränderungen, das ist schon sehr komplex. Die Zeit aber, die es dauert, das mitzuteilen, ist nötig, um den tiefgreifenden Wandel, der sich bis zur Fabrikschließung und mit ihr vollzieht, einigermaßen verstehen zu können, umso mehr, als der Film eben dabei nicht stehenbleibt, sondern jedem Einzelnen und seinem Leben Raum einräumt.
Zwischen den Erzählungen sehen wir Arbeitsvorgänge und die Demolierung der Anlage, bis schließlich ein ganzer Fabrikteil in einer Staubwolke zusammensackt. Der Titel „24 City“ bezieht sich übrigens auf das Bauprojekt, für das die Fabrik weichen muss – ein Komplex von Luxusappartements. Am Ende blickt die Kamera auf ein Häusermeer im Smog, das Chengdu heute ist, und allein für diesen Blick hätte man sich gewünscht, alle im Saal wären geblieben.