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„Wonder Wheel“ von Woody Allen : Ein Schiffbruch im Wunderland

Ein Herz zerbricht, eine Frau wird zur Mörderin: Kate Winslet als gescheiterte Schauspielerin Ginny. Bild: Fotos Warner Bros.

Ohne Frauen wäre alles nichts: Kate Winslet haucht Woody Allens Drama über ein verpfuschtes Leben im Coney Island der fünfziger Jahre Leben ein. Warum traut er dieser Hauptfigur nicht zu, den Film zu tragen?

          Es gibt Schauspielerinnen, die ihre Karriere mit einem Minimum an gestischem und mimischem Aufwand betreiben – Marlene Dietrich, Audrey Hepburn, Isabelle Huppert, und andere, die sich immer wieder neu erfinden. Zu ihnen gehört Kate Winslet. Selbst wenn man sie in hundert Filmen sähe, hätte man nie alles von ihr gesehen. Es gibt immer eine Winzigkeit, eine Nuance des Ausdrucks, einen Farbtupfer auf ihrer Palette, die man noch nicht kennt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Woody Allens neuem Film „Wonder Wheel“ beispielsweise sitzt Kate Winslet mit Justin Timberlake im Sand unter dem hölzernen Pier von Coney Island und erzählt von einem verpfuschten Leben. Es sind die fünfziger Jahre, Ginny ist Kellnerin in einem Austernrestaurant, und Mickey, der in New York Drama studiert und den Sommer über am Strand als Bademeister jobbt, ist ihr Liebhaber. Mit ihm, so hofft Ginny, wird sie ihrer unglücklichen Ehe mit dem Karussellbesitzer Humpty (James Belushi) entkommen und ihrem zehnjährigen Sohn ein neues Zuhause geben.

          Sie kann ihr Unglück nicht verbergen

          Aber zuerst muss sie Mickey ihr Herz ausschütten. Sie berichtet von den Jahren, die sie in den Korridoren der Filmstudios und als Zweitbesetzung am Theater verbracht hat, davon, wie sie ihren ersten Ehemann kennenlernte, von ihm schwanger wurde und ihn betrog, bis die Ehe zerbrach, wie sie zu trinken begann und sich durchschlug, ehe sie bei Humpty landete, dem Totengräber ihrer Träume. Und je länger sie erzählt, desto klarer sieht man, dass Ginny keine Chance hat. Sie ist tatsächlich eine schlechte Schauspielerin, denn sie kann ihr Unglück, ihr Versagen nicht verbergen. Und Kate Winslet ist eine große Schauspielerin, denn sie macht aus diesem Auftritt keine Arie, sondern ein ebenso genaues wie grausames Kurzporträt ihrer Figur, eine Skizze der Sehnsucht und des Scheiterns. Das kann sie also auch.

          Kinotrailer : „Wonder Wheel“

          „Wonder Wheel“ ist der einundfünfzigste oder zweiundfünfzigste Film von Woody Allen, je nach Zählung. Jedenfalls hat er den dreiundfünfzigsten, „A Rainy Day in New York“, inzwischen ebenfalls schon abgedreht, und wie dieser und die Miniserie „Crisis in Six Scenes“ wurde auch „Wonder Wheel“ von dem Versandhändler Amazon produziert, ohne dass sich das im Geringsten in Allens Erzählstil niedergeschlagen hätte. Mittlerweile weiß man nicht mehr, wofür man Woody Allen mehr bewundern soll: für die Hartnäckigkeit, die Coolness, den ruhigen Autismus, mit dem er auf seiner selbstgewählten Bahn im Kino weiterzieht. Oder für seinen fast untrüglichen Instinkt bei der Besetzung der weiblichen Hauptrollen in seinen Filmen. In „Blue Jasmine“ war es Cate Blanchett, die der Geschichte Leben einhauchte, in „Match Point“ Scarlett Johansson, in „Vicky Cristina Barcelona“ das Duell zwischen Johansson und Penélope Cruz. Dass „Wonder Wheel“ an keinen dieser drei Filme heranreicht, hat nichts mit Kate Winslet zu tun. Es liegt daran, dass der Regisseur Woody Allen ein zentrales Element seiner Erzählkunst vernachlässigt hat: die Perspektive.

          Der Erzähler steckt mit beiden Beinen im Drama

          Man sieht es schon in den ersten Einstellungen. Hier ist Coney Island in den Fünfzigern, der Strand, die Buden, das Riesenrad, aber der Mann, der uns das alles zeigt, Justin Timberlake als Mickey Rubin, ist nicht die Hauptfigur der Geschichte. Doch er ist auch kein Außenstehender, kein verlässlicher Zeuge. Mickey ist der Zauberer, der Ginnys Herz aus seinem Schlaf reißt, und zugleich der Pfuscher, der es vergiftet, indem er mit ihrer Stieftochter Carolina (Juno Temple) anbändelt, die sich auf der Flucht vor ihrem Mafia-Ehemann unter Humptys Fittiche verkrochen hat. Das heißt, er steckt mit beiden Beinen in dem Drama, das er zu kommentieren versucht. Diese Doppelrolle disqualifiziert ihn als Erzähler.

          Befangener Erzähler: Justin Timberlake als Mickey, der Bademeister
          Befangener Erzähler: Justin Timberlake als Mickey, der Bademeister : Bild: Warner Bros

          Das Problem dabei ist nicht, dass Justin Timberlake in seinen Retroshorts immer noch aussieht wie ein Bademeister von heute. Das Problem ist, dass wir ihm nicht glauben, was er sagt. In einem anderen Film wäre der Kontrast zwischen Mickeys Gerede und dem, was wir sehen, ein interessanter Erzählkniff, aber „Wonder Wheel“ ist eine einfache Geschichte. Ein Herz zerbricht, und eine Frau wird zur Mörderin. Es ist Ginnys Geschichte, aber weil Woody Allen zwischen sie und uns den geschwätzigen Conferencier Mickey gestellt hat, kann sie nicht ihre ganze Kraft entfalten. Außer in den Szenen, in denen Kate Winslet mit der Kamera und ihrem Kummer allein ist.

          Die Kamera: Sie ist neben Kate Winslets Ginny das zweite Wunder von „Wonder Wheel“. Seit seinem vorletzten Film „Café Society“ arbeitet Woody Allen mit Vittorio Storaro zusammen, der mit Bertolucci, Coppola und Lynch gedreht und für „Apocalypse Now“ einen Oscar gewonnen hat. Hier, in der Kulissenwelt von Coney Island, findet Storaros Lichtmagie ihr ideales Spielfeld. Kein amerikanischer Film seit Coppolas Neon-Romanze „One from the Heart“ hat so verführerisch in Primärfarben geleuchtet. Rote, blaue und gelbe Farbfluten ergießen sich über das schäbige Schlafzimmer, in dem die Eifersucht auf die junge Carolina das Herz der alternden Ginny zerfrisst. Als alles vorbei und jede Hoffnung verloren ist, taucht Storaro das Gesicht von Kate Winslet in ein glühendes, von hundert Abendröten gesättigtes Orange. Da ist es, als sähen wir Ginny dabei zu, wie sie erlischt. Woody Allen wird noch viele mittlere und vielleicht sogar ein paar gute Filme drehen. Aber dieser Augenblick ist groß.

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