14.02.2007 · Ein Kuss ist selten nur ein Kuss. Schließlich werden nicht nur Lippen, sondern alle möglichen Dinge geküsst. Zum Valentinstag die Kulturgeschichte einer so angenehmen wie auch riskanten Angelegenheit.
Von Jürgen KaubeDer Kuss ist eine kulturgeschichtlich äußerst variantenreiche Geste. Es werden nicht nur Lippen, sondern alle möglichen Dinge geküsst: heilige Bücher, gepflegte Hände, Schuhe, Rollfelder, Britney Spears, Frösche, Kreuze oder Würfel, die Glück bringen sollen. Aber nicht in allen Gesellschaften werden Zuneigung, Verehrung oder Wunsch gleichermaßen so ausgedrückt.
Zwar leiten Biologen das Küssen gerne vom Füttern ab und müssten es insofern plausibel finden, dass der Valentinstag als Tag schnäbelnder Verliebter 1338 durch Geoffrey Chaucers Gesang vom „Parlament der Vögel“ populär wurde. Auch für Psychoanalytiker ist das Küssen ein Menschheitsmerkmal, das sie vom Saugen an der Mutterbrust herleiten. Doch von manchen Völkern, afrikanischen etwa, ist ihre Abscheu gegenüber dem Küssen dokumentiert, und manche ziehen es offenbar vor, die Nasen oder Wangen aneinander zu reiben, anstatt die Lippen aufeinanderzupressen.
„Schnüffeln mit dem Mund“ um 1500 vor Christus
Den Nasenkuss wollen Herrnhuter Missionare im 18. Jahrhundert bei den Eskimos beobachtet haben. Scharfsinnige Ethnologen haben sogar vermutet, der Zungenkuss habe ursprünglich dem Austausch von salzigem Speichel bei Vegetariern gedient, weshalb die von Fisch lebenden Eskimos seiner nicht bedurft hätten. Tatsächlich dürfte es sich bei den nördlichen Nasenreibern jedoch nicht um Paare im Zustand der Leidenschaft gehandelt haben - was den Takt der missionarischen Beobachter ehrt -, sondern um solche bei erster Kontaktaufnahme. Als „Riechgruß“ ist dieses Vorgehen auch in Tibet, Thailand und der Mongolei bekannt, inzwischen aber rückläufig. Heute küssen, hört man, auch die Eskimos.
Kulturgeschichte zum Valentinstag: Du weißt doch, was ein Kuss bekennt?
Der erste verbürgte Kuss, so Vaughn Bryant, Anthropologe an der Texas A&M University, findet sich in frühen vedischen Schriften um 1500 vor Christus, die vom „Schnüffeln mit dem Mund“ sprechen und Verliebte beschreiben, die „Mund auf Mund setzen“. Wieder einmal soll es Alexander der Große gewesen sein, der die indische Innovation von seinem Feldzug 326 vor Christus mitgebracht hat.
„Der verzweifelte Mut der frechen Engländer“
Die Römer jedenfalls unterschieden bereits zwischen dem freundlichen Kuss auf die Wange, „oscula“, dem liebenden auf den Mund, „basia“, und dem leidenschaftlichen mit der Zunge, „suavia“. Zur alltäglichen Grußform wiederum wurde das Küssen unter den Christen, die es, nach Geschlechtern getrennt, sogar in den Gottesdienst einführten; nur am Gründonnerstag nicht, der Erinnerung an den Judaskuss halber. Erst Luther polemisierte gegen den Kuss in der Messe. Nicht Gesten, Worte sollten den öffentlichen Ausdruck der Seele leisten.
Die Engländer, so viel steht fest, haben das Küssen nicht erfunden. Doch schon der erste Ratgeber für Touristen, Hieronymus Turlers „De Peregrinatione“ von 1574, weist die Besucher der Insel auf den merkwürdigen englischen Brauch hin, den Gast die Damen des Hauses, Gattin wie Töchter, auf den Mund küssen zu lassen. Zuvor schon hatte Erasmus von Rotterdam berichtet, wohin immer man sich in England wende, sehe man „nichts als Küsse“. Und noch in Ben Jonsons Komödie „Volpone“ von 1607 wundert sich der Titelschurke über „den verzweifelten Mut der frechen Engländer, ihre Frauen auf alle Fremden loszulassen“.
Beim Küssen mit dem Dienstmädchen erwischt
Darum kann es nicht verwundern, wenn auch die Erfindung der Sitte, sich zum Valentinstag Briefe und Blumen zu schicken, einem englischen Paar zugeschrieben wird, dem Dichter Samuel Pepys und seiner Gattin Elisabeth, die 1667 diese Mode begründet haben sollen. Im Jahr darauf allerdings berichtet Pepys in seinem berühmten Tagebuch von heftigen Vorhaltungen seiner Frau, die ihn beim Küssen des Dienstmädchens erwischt hatte. Das Küssen, so zeitgenössische Heiratstraktate, symbolisiere die Gleichheit von Mann und Frau. Demgegenüber betonte die romantische Theorie des Küssens die Asymmetrien.
In den „Beiträgen zu einer Theorie des Kusses, allen zart Liebenden gewidmet“, für die in Sören Kierkegaards „Tagebuch eines Verführers“ Stoff gesammelt wird, heißt es, dass der Kuss seiner Idee näher komme, wenn ein Mann ein Mädchen küsst als umgekehrt. Pepys jedenfalls hatte nicht nur gegen die Liebes-, sondern auch gegen die Haushaltsordnung verstoßen. Zur Buße musste er auf Geheiß seiner Frau das Dienstmädchen als „Hure“ ansprechen und seiner Gattin einen Friedenskuss geben.
Schon im Kino zeigen, wie es weitergehen soll
Küsse sind Übergangserscheinungen. Sie symbolisieren, dass es jetzt gleich anders weitergeht, dass jetzt etwas Neues beginnt. Ankommende werden geküsst und Abreisende, doch die Dame des Hauses auch zwischendurch zu küssen wäre auffällig. „Sie dürfen die Braut jetzt küssen“ - so funktionieren Rituale. Denn selbstverständlich ist die Braut vom Betreffenden auch schon zuvor geküsst worden. Und mitunter auch von anderen schon. Aber das Ritual der Heirat, sei es vor dem Standesbeamten oder vor dem Pastor, sieht davon ab und tut so, als geschehe alles zum ersten Mal. Sie dürfen die Braut jetzt küssen, das könnte auch heißen: Bislang haben Sie nur einfach so dahingeküsst, jetzt hingegen dürfen Sie es sogar.
Manchmal muss auch geküsst werden. Als kürzlich Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ verfilmt wurde, endete der Streifen in den europäischen Kinos damit, dass Elizabeth Bennett und Fitzwilliam Darcy, nachdem sie einander endlich gefunden haben, die Hände in- und die Stirnen aneinanderlegen. In amerikanischen Kinos hingegen küssten sie sich. Warum? Hollywood nennt solche Filme „dating movies“, rechnet also mit Paaren als Zuschauern, die sich freuen, wenn man ihnen schon im Kino zeigt, wie es nachher weitergehen soll.
„Nur die gallische Rasse und Araber küssen einander“
Diese Nähe des Kusses zu seiner Fortsetzung mag es auch sein, was seine Wahrnehmung so ambivalent macht. Im Film werden Küsse geschätzt, im Übergang vom Flirt zur Liebe sind sie unentbehrlich, aber sich heftig küssende Paare auf der Straße rufen nicht selten das Gefühl auf, das müsse doch jetzt und hier und so nicht sein. Das gilt umso mehr von Küssen, deren Fortsetzung sich niemand wünscht.
„Sir“, schrieb Lieutenant-Colonel D. M. C. Rose 2003 in einem Leserbrief an das englische Magazin „The Spectator“, „ich bin entsetzt, sehen zu müssen, dass unser Premierminister den Präsidenten von Russland geküsst hat. Kann man sich vorstellen, dass Neville Chamberlain Hitler geküsst hätte oder Churchill Stalin? Angelsachsen haben sich an solchen Kuss-Aufführungen niemals beteiligt. Nur die gallische Rasse und Araber umarmen und küssen einander.“
Durchschnittlich 336 Stunden Küssen im Leben
Historisch im Unrecht, berührt der Offizier einen Punkt, den der Historiker Keith Thomas hervorgehoben hat: das dem Kuss mehr als anderen Gesten innewohnende Potential, als rituell oder erotisch, normal oder außeralltäglich missverstanden zu werden. Ganz sicher sein, was ein Kuss bedeutet, kann man nie. Inzwischen ist beispielsweise das „soziale Küssen“ diesseits der Familien- und Liebesgrenze wieder normal, so wie das Duzen.
Dazu passt ein Dialog, den wir im Internet gefunden haben. A: „Man küsst im Durchschnitt 336 Stunden in seinem Leben.“ B: „Wenn man Glück hat.“ A: „Nein, wenn man ein durchschnittlicher Typ ist.“ B: „Durchschnittlich zu sein heißt, Glück gehabt zu haben.“