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Wenders verfilmt Handke : Eine doppelte Abrechnung

Gefangen im Garten des Ichs: Wim Wenders (Zweiter von rechts) mit Sophie Semin (ganz rechts) und Reda Kateb (Dritter von rechts) am Set. Bild: Donata Wenders/Warner Brothers

Kino der Freundschaft, Theater der Liebe: Wim Wenders hat ein Zweipersonenstück von Peter Handke verfilmt. Doch „Die schönen Tage von Aranjuez“ setzt auf eine Idee von Nähe, die nur bedingt funktioniert.

          Aus den siebziger Jahren gibt es ein Foto von Peter Handke und Wim Wenders, das anscheinend bei einer Filmpremiere aufgenommen wurde. Wenders, mit dem Erfolg seines „Amerikanischen Freundes“ im Rücken, steht kurz davor, nach Hollywood zu gehen. Handke lebt in Paris, „Das Gewicht der Welt“ ist gerade erschienen, die Reise nach Alaska und die folgende Krise, von der er in „Langsame Heimkehr“ erzählen wird, liegen noch in weiter Ferne. Die beiden lachen. Sie scheinen glücklich. Sie wirken wie Brüder.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Die schönen Tage von Aranjuez“ sind auch eine Aktualisierung, ein Update dieses Doppelporträts. In keiner der Szenen des Films treten Wenders und Handke zusammen auf. Und doch sind sie beide ständig im Bild. Der eine hat den Text geschrieben, ein Zweipersonenstück, in dem „Der Mann“ und „Die Frau“ auf der Terrasse eines Landhauses einander ihr Leben erzählen. Der andere hat ihn inszeniert und zugleich biographisch präzisiert, indem er die Rolle der Frau mit Handkes Ehefrau Sophie Semin besetzt und Reda Kateb, dem Darsteller des Mannes, das Bärtchen und die Frisur des jungen Peter Handke gegeben hat, dem Kateb verblüffend ähnlich sieht.

          Privattheater in Filmbildern

          Und Wenders hat noch mehr getan: Er hat den Schauplatz der Geschichte in die Umgebung von Paris verlegt, wo Handke seit gut fünfundzwanzig Jahren lebt. Er hat einen Erzähler dazuerfunden, einen Schriftsteller (Jens Harzer), der das Zwiegespräch, das wir mit ansehen, gerade in seine alte Olympia tippt (das nagelnde Geräusch gehört zur Tonspur des Films wie die Vogelstimmen und das Rauschen der Blätter im Sommerwind). Und er hat in die Villa, die angeblich einmal Sarah Bernhardt gehörte, eine grün leuchtende Wurlitzer-Jukebox gestellt, ein Fetischobjekt von Handkes Schreiben und Wenders’ Kino gleichermaßen. Gleich am Anfang, nach einer kurzen Bildfolge, die von den Champs-Elysées in die Hügel über der Stadt und ins Arbeitszimmer des Dichters führt, spielt sie einen Song von Lou Reed, „Perfect Day“: „It’s such a perfect day / I’m glad I spent it with you“. Ein Liebesgeständnis. Und zugleich ein Abgesang.

          In dem Einverständnis, das den Film mit seinen Figuren und ihrem Autor verbindet, liegt seine Qualität und sein Handicap. Es ist eben mehr als ein Theatereinfall, wenn das Handke-Double die Handke-Gattin nach ihrem ersten Liebeserlebnis fragt und sie mit einer surrealen Skizze antwortet, in der eine Saline und eine mit getrocknetem Kot gefüllte Hütte als Kulisse dienen. Und doch ist es auch nur Theater: Privattheater in Filmbildern. Zwischendurch hat der Dichter selbst einen Gastauftritt als Gärtner mit Schere und Leiter. Man fühlt sich wie bei einem Familientreffen, bei dem der eine Bruder Geschichten erzählt, während der andere auf der Jukebox die Songs dazu drückt. Seit langem leiden die Filme von Wenders an einem Mangel an Distanz, Fremdheit, ungezähmter Fiktion. Man ist drinnen, oder man ist draußen, ein Drittes gibt es nicht.

          „Explosion der Säure und Süße“

          Am besten funktioniert dieses Spiel mit der Intimität, wenn es gebrochen wird. An einer Stelle redet der Schriftsteller an seinem Arbeitstisch leise vor sich hin, und sein Monolog vermischt sich mit den Stimmen der Frau und des Mannes, die draußen im Garten vortragen, was er sich gerade ausdenkt. Da wirkt das 3D-Format, das sich sonst wie eine Rundumverglasung um das ohnehin leicht steifbeinige Terrassengespräch legt, auf einmal stimmig, weil es sich in der Tonspur spiegelt, und man begreift, dass das, was hier passiert, eine doppelte Abrechnung ist: die des Dichters mit der Frau, die er geliebt hat und von der er seit sechzehn Jahren getrennt lebt; und die Handkes mit sich selbst, mit seinem Versagen vor den Ansprüchen der Welt, die ihn umgibt. Für einen Moment reißt der Film den Abgrund auf, in den Handkes beste Texte hineinschauen, und auch dieser Augenblick verdankt sich der Freundschaft zwischen dem Regisseur Wenders und seinem Autor. So sind die Stärken des Films von seinen Schwächen nicht zu trennen.

          Kinotrailer : „Die schönen Tage von Aranjuez“

          Die Geschichte, die hinter dem Schiller-Zitat des Titels steckt, erzählt Reda Kateb am Ende: In Aranjuez, wo die Sommerresidenz der spanischen Könige lag, habe er die Spuren der Obst- und Gemüsepflanzen verfolgt, die aus den verwilderten Gärten in die offene Meseta vorgedrungen seien. In „Hexenkreisen“, Inseln der Fruchtbarkeit, hätten sie sich ausgebreitet, und mit dem Schrumpfen ihrer Früchte hätte sich deren Essenz nicht verloren, sondern nur noch mehr konzentriert; eine „Explosion der Säure und Süße“ sei der Geschmack der wilden Johannisbeeren gewesen. Darin steckt eine Wunschphantasie: Auch Peter Handke will sein Schreiben aus dem Garten des Ichs befreien, auf dass es in der Wildnis neue Blüten treibe. Aber Wim Wenders ist nicht der Zauberer, der ihm dabei den Weg bahnt. Dafür kennen sich die beiden zu lange, ein halbes Jahrhundert schon. Lieber holt Wenders den großen Nick Cave vor seine Kamera und lässt ihn, während die Jukebox schweigt, für seinen Dichterfreund ein Lied singen: „Into My Arms“. Schwer zu sagen, wer sich hier wem in die Arme wirft. Der Zuschauer des Films ist jedenfalls nicht dabei.

          Quelle: F.A.Z.

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