07.10.2004 · Der Filmregisseur Wim Wenders über den Film „Land of Plenty“, seine Schallplatten und den iPod, über Sprachbarrieren und die Ferne, die man braucht, um Geschichten aus der Heimat zu verfilmen.
Der Filmregisseur Wim Wenders über den Film „Land of Plenty“, seine Schallplatten und den iPod, über Sprachbarrieren und die Ferne, die man braucht, um Geschichten aus der Heimat zu verfilmen.
Sie haben früher nicht nur über Filme geschrieben, sondern auch über Schallplatten. Wie gehen Sie denn damit um, daß das klassische Album mittlerweile abgeschafft ist? Denn der Schritt von der CD zur MP3-Datei ist ja noch einschneidender als der von der LP zur CD.
Ich habe von den Walkmännern über Minidiscs bis zum iPod alles mitgemacht. Auf meinem iPod sind aber nur CDs, die ich auch gekauft habe, und wenn ich hin und wieder etwas überspielt oder eine gebrannte CD von meiner Nichte bekomme, muß ich das, was mir gefällt, auch kaufen, denn ohne Cover, ohne Notizen oder Informationen, wer mitgespielt hat, ist es für mich so, als ob es das gar nicht gäbe. Früher bin ich mit einem Schrankkoffer voller LPs und einer transportablen Anlage gereist. Mit den CDs mußte ich mir wenigstens keinen Bruch mehr heben. Aber wenn ich die nicht habe, habe ich das Gefühl, ich kenne die Musik gar nicht. Im Prinzip bin ich gegen dieses ewige Kopieren.
Auch aus Selbstschutz?
Ja, weil die Musiker nicht mehr wissen, wie sie die nächste Platte finanzieren sollen, und dann machen sie weniger Musik. Oder es gibt weniger Bands. Auf der anderen Seite wäre das auch nicht so schlecht, denn es gibt ja mittlerweile echt zu viele. Und wenn man sich am Jahresende fragt, was geblieben ist, bleibt auch nicht mehr übrig als früher. Man kann an zwei Händen abzählen, was wirklich etwas wert war - nur daß man heute 2000 CDs hören muß, um die zehn zu finden.
Und was haben Sie mit Ihren Schallplatten gemacht?
Die habe ich nach meinem letzten Umzug wieder säuberlich geordnet, ich habe auch wieder einen Plattenspieler. Das ist zwar benutzerunfreundlich und bedienungsintensiv, aber das Knistern tut einem schon ganz gut, und die "Präsenz" der Musik im Vergleich zur CD ist unerreicht. Da ist manchmal eine Wucht dahinter, daß man sich fragt: Warum haben wir das je aufgegeben?
Gibt es bei Filmen nicht eine ähnliche Entwicklung? Es sind immer mehr Filme verfügbar, auch durch DVDs, aber man muß auch viel mehr sehen, um die wenigen guten zu finden.
Aber bei einer CD muß man nur ein Stück anspielen, dann kann man zum nächsten Titel wechseln, wenn's nichts war. Das kann man mit Filmen so nicht machen. Im Kino bin ich immer noch einer, der ausharrt, der denkt, es wird noch.
Haben Sie nicht das Gefühl, daß man sich nach zehn, fünfzehn Minuten im Grunde entschieden hat, ob man einen Film mag?
Beunruhigende Filme sind ja oft die interessantesten, Filme, aus denen man eigentlich rausgehen möchte und dann doch bleibt und am Ende in ihre Welt eingetaucht ist. Man kann halt nicht vorwärtsspringen wie auf einer CD ...
Wobei man bei Filmen wie "Kill Bill" schon den Eindruck hat, daß sie dafür gemacht sind, in ihnen hin und her zu springen wie auf einer CD.
Es ist ein interessantes Phänomen, daß man hier beim Vorwärtsspringen letztlich nicht viel verpaßt. Die beiden "Kill Bills" haben die DVD-Kultur ziemlich verinnerlicht, die haben eine Erzählstruktur, die zum Herumspringen geradezu einlädt. Der erste, glaube ich, der das vorexerziert hat, war Tom Tykwer mit "Lola rennt", der hat ja fast schon ein Benutzermenü in sein Drehbuch eingebaut. Aber es ist interessant, das zu sehen, es ist Teil unserer Gegenwart. Und wenn wir schon über die digitalen Audiogeräte reden, kann man auch über die visuellen Aufzeichnungsgeräte sprechen. Es ist einfach aufregend, damit zu arbeiten.
In "Land of Plenty" gibt es eine ganz andere Art, mit Schauspielern umzugehen, als je zuvor. Das war das erste Mal, daß ich eine Geschichte digital erzählt habe, vorher habe ich die Technik nur im Dokumentarfilm benutzt. Diese neue Art, sich auf die Schauspieler einzulassen, kommt ausschließlich aus dieser Technik. Intimität, Direktheit und Schnelligkeit übersetzen sich in inhaltliche Kategorien. Bei der Musik ist das etwas anders, sie bleibt im wesentlichen dieselbe. Bei Kompilationen allerdings, die ich bekomme oder auch selber brenne, hat die Musik einen viel höheren Verschleißwert. Die einzelnen Stücke, die man von verschiedenen CDs nimmt und in eine andere Reihenfolge bringt, hat man schneller satt. Warum, weiß ich auch nicht.
In den Kompilationen liegt aber auch ein autobiographisches Moment. Sie bringen eine Stimmung, eine Zeit zurück.
Natürlich, man hat ja eine erzählende Dramaturgie hereingebracht, teils bewußt, teils unbewußt. Ich habe neulich mal in alte "unschuldige" Kassettenkompilationen, die ich vor langer Zeit gemacht habe, reingehört, das ist fast wie eine Psychoanalyse.
Ist "Kill Bill" nicht auch eine Art Mixkassette, die aus lauter Kinomomenten und -szenen besteht, die Tarantino etwas bedeutet haben?
Der erste, der Filme gemacht hat, bei denen man sich den Film, den man sehen wollte, im Kopf zusammenstellen konnte, war David Lynch. "Mulholland Drive" habe ich deswegen überhaupt nicht gemocht. Das schien mir so beliebig, sich herauszuhalten und jeden einen anderen Film sehen zu lassen. Aber dieses Talent, den Leuten in ein und demselben Film verschiedene Filme anzubieten, hat mir im nachhinein doch imponiert.
Hat die digitale Technik bei "Land of Plenty" auch schon den Prozeß des Schreibens beeinflußt?
Wenn man einen Film schreibt, weiß man aus Erfahrung, wieviel Zeit etwas braucht und was es kostet. Auf Film hätten wir gerade mal die ersten zehn Minuten von "Land of Plenty" drehen können. Bei "Alice in den Städten" oder beim "Stand der Dinge" habe ich auch geschrieben und gewußt: Machbar ist das nur auf abenteuerlichsten Wegen. In diesem Fall aber hatten wir nur drei Wochen Zeit zum Schreiben und drei Wochen zum Drehen, das waren die Parameter. Außerdem wäre es völlig unmöglich gewesen, sich mit der Filmkamera in diesen Teil von Downtown Los Angeles zu begeben und quasi dokumentarisch zu drehen. Ich erinnere mich, daß einmal jemand aus seiner Pappbehausung herauskroch, als wir vorbeifuhren, und anfing zu lachen und uns hinterherrief: "Man, you're really on low budget!" Bei einer 16-mm- oder 35-mm-Kamera hätte der nicht mehr gelacht, sondern uns einen Fluch hinterhergerufen oder versucht, Geld von uns zu bekommen.
Gibt es ein Zurück von dieser Freiheit, wenn man sie einmal erlebt hat?
Die Freiheit bezahlt man auch, es ist ja nicht nur alles eitel Sonnenschein. Man verzichtet zum Beispiel auf bestimmte ästhetische Parameter, wie auf Auflösung und Tiefe. Das ist oft so, als wenn man Musik nicht mehr in Stereo hören könnte, sondern in Mono. Oder als wenn man statt eines Originals nur eine Fotokopie an der Wand hätte. In vieler Hinsicht ist die digitale Technik noch weit weg vom Film. Aber sie schafft ihre eigene Ästhetik.
Ihr nächster Film "Don't Come Knocking" mit Sam Shepard ist wieder auf Filmmaterial gedreht?
Ja, deswegen war mir auch das Wort Freiheit nicht so recht. Denn wenn man die Mittel hat - wenngleich zehn Millionen Dollar ja auch kein gewaltiges Budget sind - und auf Film drehen kann, ist das auch eine schöne Freiheit, weil man sich die Zeit nehmen kann und weil jede Einstellung eine in die Tiefe gehende Arbeit ist. Wir haben durchschnittlich vierzehn Einstellungen pro Tag gedreht, das ist auch schon viel, aber im Gegensatz zu den über fünfzig Einstellungen pro Tag in "Land of Plenty" ist es natürlich nix.
"Don't Come Knocking" spielt wieder in Amerika. Amerika scheint Sie nicht loszulassen, obwohl Sie doch immer wieder mit dem Land hadern. Warum erzählen Sie keine Geschichten aus Deutschland?
Ich habe immer das Gefühl, daß ich nur etwas über Orte sagen kann, wenn ich nicht zu nah dran bin. So etwas wie "Himmel über Berlin" wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht die sieben Jahre vorher in Amerika gelebt hätte. In letzter Zeit habe ich eigentlich mehr Filme in Amerika gemacht, als ich je vorhatte. Mit Ausnahme des BAP-Films habe ich seit 1996 dort gedreht. Es ist mir klar, daß ich meinen nächsten Film in deutscher Sprache drehen werde, was immer das sein wird ... Es hat halt oft sehr lange gedauert, die Filme zu finanzieren, und um die Lebenszeit zu nutzen, habe ich andere Projekte dazwischengeschoben. Ich habe meine beste Arbeit oft gemacht, wenn ich nebenbei, quasi aus dem Handgelenk heraus, gearbeitet habe.
Welche Landschaften wird man denn in "Don't Come Knocking" sehen?
Eine Landschaft, in der ich noch nicht gedreht habe, in Montana, jenen Ort, den ich 1978 entdeckt habe, als ich "Hammett" vorbereitet habe. Damals hatte ich die Idee, einen Roman von ihm mit in den Film einzuarbeiten. Mein Lieblingsbuch war und ist "Red Harvest", das wie kein anderes Buch das ganze Genre des Detektivromans geprägt hat. Bei meinen Recherchen über Hammett habe ich in einem Interview gelesen, daß die fiktive Stadt Poisonville auf den Erfahrungen basiert, die er als Pinkerton-Detektiv und als Streikbrecher in Butte, Montana, gemacht hat. Die Stadt war mal die größte jenseits des Mississippi - inzwischen ist es nur noch eine Geisterstadt. Die Idee, "Rote Ernte" zu verwenden, ist damals daran gescheitert, daß die Rechte bei einem italienischen Produzenten liegen, der nicht mit sich hat reden lassen. Jahre später habe ich mal Bertolucci getroffen, der auch daran gearbeitet und dann auch das Handtuch geworfen hat.
In der deutschen Kinofassung von "Land of Plenty" ist in der Schlußeinstellung die Schrift am Himmel verschwunden. Warum?
Ich habe sie für den amerikanische Markt dringelassen, hier in Deutschland ist es nicht richtig verstanden worden, daß es sich nur um eine Verdeutlichung der letzten Worte von Leonard Cohens Song handelt. Das ist vielen entgangen, es klang auf einmal wie eine Heilsbotschaft, das wollte ich nicht. Es war eine Last-minute-Idee, ich fand es schön, daß das Lied Bild wird. Aber da war die Sprachbarriere dazwischen.
Das kann man dann wohl auf der DVD sehen, als alternatives Ende. Wird man denn auf der DVD-Edition Ihre erste Fassung von "Hammett" sehen können, den Sie damals auf Anweisung des Produzenten Coppola zu großen Teilen neu drehen mußten?
Das ist ein trauriges Kapitel. Ich habe Ende der neunziger Jahre bei Zoetrope angerufen und habe gefragt: Was hieltet ihr davon, wenn ich die erste Fassung wiederherstellte? Ich habe ja noch das Betamax-Videoband, auf dem ich die Arbeitskopie vom Schneidetisch abgefilmt habe und mit dem ich den Film wieder rekonstruieren könnte. Das wäre doch ein tolles Extra für eine DVD. Dann haben die mich nach vierzehn Tagen zurückgerufen und gesagt: Es tut uns leid, Herr Wenders, vor drei Jahren ist das gesamte Negativ in den Schredder gekommen. Es bleibt von diesem ersten Film also nichts als das schrottige Betamax-Band. Das ist wirklich sehr enttäuschend. Wenn die großen Studios in den Fünfzigern und Sechzigern so etwas gemacht haben, hätte man sich nicht gewundert, aber bei Coppolas Zoetrope in den Neunzigern - da habe ich schwer daran geschluckt.