31.03.2005 · Der Mann ist wie seine Filme, und seine Filme sind wie er: Bei Arthaus erscheint das Gesamtwerk von Wim Wenders auf DVD. Es bietet die Chance, wiederzuentdecken, was das deutsche Kino ihm verdankt.
Von Michael AlthenIm Oktober vergangenen Jahres startete „Land of Plenty“ von Wim Wenders und brachte es gerade mal auf sechzigtausend Zuschauer. Im November ereilte Volker Schlöndorff ein ähnliches Schicksal mit „Der neunte Tag“, der es auf fünfzigtausend Besucher brachte.
Die zwei international renommiertesten deutschen Regisseure auf dem deutschen Markt nur noch unter „ferner liefen“ - irgendwas ist da schiefgelaufen. An den Themen der Filme kann es nicht liegen, weil antiamerikanischer Blick und antifaschistischer Widerstand anderswo durchaus große Resonanz fanden. Der lang ersehnte Start der DVD-Edition von Wim Wenders bei Arthaus ist also ein guter Moment, um wiederzuentdecken, was das deutsche Kino diesem Mann verdankt: „Der amerikanische Freund“, „Paris, Texas“ und „Der Himmel über Berlin“.
Das falsche Bild
Womöglich liegt der kommerzielle Mißerfolg seiner jüngsten Filme an dem falschen Bild, das sich die Leute inzwischen von Wim Wenders machen: Es heißt, sein Kino sei kopflastig. Vielleicht hat es auch mit dem vermeintlich hohen Ton der Handke-Passagen im „Himmel über Berlin“ zut tun - oder der mitunter etwas weihevollen Art, mit der Wenders seine Arbeit repräsentiert.
Wer die Audiokommentare der drei ersten erschienenen DVDs anhört, wird allerdings schnell eines Besseren belehrt. Wenders erweist sich als vergnügter Führer durch sein eigenes Werk, der ein Gespür für Anekdoten hat und auf eine Weise den richtigen Ton trifft, daß man fast den Eindruck haben könnte, seine Kommentarstimme sei Teil der Filme, so nahtlos fügt sie sich in seine Bilder. Wer wissen will, was Audiokommentare leisten können, kommt um diese DVDs nicht herum: Wo die Regisseure sonst oft nur Fußnoten beisteuern können, scheinen hier die Filme tatsächlich aus sich heraus zu uns zu sprechen, so daß man begreift, was der Ausdruck „Autorenfilm“ buchstäblich bedeutet: Der Mann ist wie seine Filme, und seine Filme sind wie er.
Der Bruder der Künstler
Wenn man sich erst einmal von der Vorstellung des Kopfmenschen Wenders verabschiedet hat, erkennt man, wieviel bei ihm eine Sache des Instinkts ist, wieviel sich seinem Auge für Schauplätze verdankt und wieviel seinem Ohr für Musik. Schon in den Sechzigern schrieb er über Filme wie kein anderer, weil seine Kritiken wie gute Songs komponiert waren, knapp und bildmächtig und immer mit einem eigenen Sound.
Und auch als Regisseur hatte er stets ein untrügliches Gespür für die richtige Musik, was man schon daran sieht, wie untrennbar Ry Cooders Gitarre mit „Paris, Texas“ oder der Gesang von Madredeus mit „Lisbon Story“ verknüpft ist. Man versteht auch, wenn Wenders sagt, Ry habe den Film mit seiner Bottleneck-Gitarre im Grunde noch mal gedreht, denn genauso fühlt es sich an.
Aufrichtige Bewunderung
Überhaupt hat Wenders es stets verstanden, seine künstlerischen Absichten in anderen Künstlern zu spiegeln. Abgesehen von den Musikern sind das etwa der Fotograf August Sander und der Modemacher Yoshi Yamamoto in „Aufzeichnungen von Kleidern und Städten“, der Regisseur Nicholas Ray in „Nick's Film“, die Schriftstellerin Patricia Highsmith und der Schauspieler Dennis Hopper in „Der amerikanische Freund“, der Maler Edward Hopper in „Am Ende der Gewalt“ oder der Kameramann Henri Alekan in „Himmel über Berlin“. Der Vorwurf, er bediene sich dieser Wahlverwandten nur, er wolle sich mit ihren großen Namen schmücken, verfängt nicht, weil Wenders völlig aufrichtig ist in seiner Bewunderung: Er macht Ernst mit der Vorstellung vom Kino als Bruder der anderen Künste.
Die Extras der DVDs enthalten jeweils ein Interview, in dem Roger Willemsen mit gesunder Skepsis den Regisseur befragt. Da erzählt Wenders etwa zu „Paris, Texas“, er habe den Film nach seiner Theatererfahrung mit Handkes „Über die Dörfer“ einzig aus den Rollen heraus erzählen wollen und keine Einstellung nur wegen ihrer Schönheit gewählt. Im Kommentar widerlegt er sich allerdings selbst, wenn er erzählt, wie er mit seinem Team stundenlang auf einen Zug gewartet hat, um eine Einstellung zu drehen, oder daß er den VW Käfer gewählt hat, weil es ein fotogenes Auto sei - Wenders benutzt sogar das Wort „sexy“.
Das Amerika unserer Sehnsuchtsbilder
Das ist auch kaum verwerflich, weil ihm auf diese Weise gelungen ist, ein Amerika-Bild einzufangen, das mit unseren Sehnsuchtsbildern übereinstimmt; ein Lebensgefühl zu formulieren, das sich auch im Raum zwischen den Leuten manifestiert. Geradezu rührend ist Wenders, wenn er heute gesteht, daß ihm bei manchen Einstellungen „die imaginäre Schere im Finger zuckt“, weil das Publikum heute einfach schneller begreife und ungeduldig werde. Da kann man richtig froh sein, daß er keinen Director's Cut erstellt hat.
Im „Himmel über Berlin“ allerdings gerät Wenders bei den nicht verwendeten Szenen so ins Phantasieren, daß er vorschlägt, man solle das Material auf den eigenen Computer laden und selbst schneiden. Er würde sich freuen, eine Schnittfassung von jener Tortenschlacht zu sehen, mit der der Film ursprünglich enden sollte. Darin hätte man vor allem sehen können, wie Cassiel dem Beispiel seines Engelskollegen Damiel folgt und wieder Mensch wird.
Monolithische Radikalität
Viele haben sich damals mokiert über den heiligen Ernst des „Himmels über Berlin“ - Wenders zieht übrigens den englischen Titel „Wings of Desire“ vor. Wenn man den Film heute wieder sieht (mit korrigierten, deutlich satteren Farbpassagen), ist man von seiner geradezu monolithischen Radikalität gebannt. Es ist faszinierend, wie hier ein Regisseur die historische Chance erspürt hat, die Stadt ein letztes Mal ihre Geschichte erzählen zu lassen, die man seit dem Mauerfall so nicht mehr hören kann.
Seine Kraft bezieht der Film womöglich auch daraus, daß sich hier ein Mann eines Landes wiederversichert, das ihm in all den Jahren in Amerika abhanden gekommen war. So wie er im Interview mit Willemsen erzählt, er habe nach seiner Rückkehr als Therapie jeden Abend ein Rilke-Gedicht gelesen, um des Deutschen wieder mächtig zu werden. Dabei habe er den Mut gefaßt, im Film mit Gedichten „zur Sprache zu bringen, was man nicht erzählen kann“.
Amerikanische Freunde
So wie im Audiokommentar zum „Himmel“ Peter Falk Wenders zur Seite steht, meldet sich beim „Amerikanischen Freund“ Dennis Hopper zu Wort. Aber man sieht dabei vor allem, wie sehr in den Filmen der Ausdruckswille des Regisseurs am Werk ist, weil die beiden Schauspieler so wenig beizutragen haben, als hätten sie jenseits ihrer Rollen gar keinen Platz darin.
Wobei Hoppers unscharfe Erinnerungen sich unter Umständen dem Zustand verdanken, in dem er damals von den Dreharbeiten zu „Apocalypse Now“ zurückgekehrt ist. Ursprünglich hatte Wenders eigentlich John Cassavetes für die Rolle des Ripley gewollt, so wie er eigentlich lieber „Der Schrei der Eule“ oder „Das Zittern des Fälschers“ verfilmen wollte, deren Rechte aber gerade nicht frei waren.
Statt dessen gab ihm Patricia Highsmith ihren gerade beendeten Roman „Ripley's Game“, der Wenders gar nicht so lag, weil er, wie er sagt, eigentlich „kein Talent für Schurken“ habe und „ein Schauspieler diese Lücke füllen mußte“. Er fand aber dann eine vergnügliche Lösung, indem er alle Bösewichter von Regisseuren spielen ließ, „denn das sind die einzigen Schurken, die ich kenne“. Wenn man ihn so reden hört, dann freut man sich schon auf die Fortführung der Wenders-Edition.