05.07.2007 · Für „French Connection“ gewann William Friedkin als einer der jüngsten Filmemacher den Regie-Oscar. Was folgte, waren harte Bruchlandungen und kleine Zwischenhochs. Eine Begegnung mit Friedkin, der zu den Erfindern des modernen Blockbusterkinos zählt.
Von Rüdiger SuchslandEr war noch sehr jung, als er seinen allergrößten Erfolg erlebte, und dass er sich schon damals, als er erst sechsunddreißigjährig mit „French Connection“ fünf Oscars gewann, gleich noch vier Jahre jünger gemacht hat, erzählt schon einiges über William Friedkin. Eine Weile wurde er dann in den Annalen als jüngster Regisseur geführt, der je den Regie-Oscar erhielt, bevor man darauf kam, dass er eigentlich 1935 geboren wurde, und man ihn wieder als Rekordhalter strich.
Da war Friedkin schon in einer Krise, die halb künstlerisch, halb kommerziell war - wie so viele Regisseure New Hollywoods. Er ging dann weder unter wie Cimino, noch gelang es ihm, trotz vieler Anläufe, sich ganz neu zu erfinden, wie das Scorsese oder, ganz anders, Spielberg schafften. Am ehesten kann man ihn mit Coppola vergleichen, mit dem er den Ruhm und die kommerziellen Erfolge der Anfänge ebenso teilte wie später die hybride Selbstüberschätzung und immer wieder harte Bruchlandungen und kleine Zwischenhochs. Paradoxerweise gehört gerade Friedkin, wie kaum ein Zweiter unter den jungen Rebellen der frühen Siebziger dem europäischen, besonders dem französischen Kino verbunden, mit „The Exorcist“ auch zu den Erfindern jenes modernen Blockbusterkinos, das dem Aufbruch den Garaus machte und heute zum Synonym der Hollywood-Macht geworden ist.
Langweiliger Gene Hackman
Wer Friedkin jetzt dieser Tage auf dem Münchner Filmfest begegnete, wo man ihn mit einer Hommage würdigte, erlebte einen aufgeräumten, heiteren, angesichts kursierender Anekdoten überraschend sympathischen Mann. Einer, der mit sich im Reinen scheint. Wie merkwürdig, dass jemand so gelassen wirkt, dessen allerbeste Szenen zwei genial-hysterische, überbordende Autoverfolgungsjagden sind - in „French Connection“ und „To Live and Die in L.A.“, der heute wie eine Summe der Achtziger erscheint. Wüsste man es nicht besser, könnte man ihn mit seinen minimalen Falten und dezent, aber perfekt gefärbtem Haar übrigens glatt für fünfzehn Jahre jünger halten.
Sehr schlagfertig, schnell, sprudelt er im Gespräch von Anekdoten. Etwa dass er weder Gene Hackman noch Fernando Rey für die Hauptrollen in „French Connection“ haben wollte; zu Rey kam er durch eine Verwechslung des Agenten, und Hackman sei überhaupt der langweiligste Mensch, den er je getroffen habe. Oder der über Hitchcock, für dessen Fernseh-Show „Alfred Hitchcock presents“ er eine Folge drehte und der nichts zu sagen hatte, außer dass sich der junge Mann doch bitte schön eine Krawatte anziehen solle. Auch über Misserfolge macht Friedkin im Rückblick souveräne Scherze: Minutenlang beschreibt er die Reaktion eines Studiobosses auf „Cruising“. Erst rückte der unruhig im Kinosessel hin und her, zog sich die Jacke aus, wischte sich immer wieder stöhnend mit einem Taschentuch den Schweiß vom Hals, um schließlich mit einem lauten „Oh no, oh my god - that is the worst film, I've ever seen“ das Kino zu verlassen.
Reisen in die verlorene Zeit
„Cruising“, der dann umgeschnitten wurde und bei uns nie im regulären Kino lief, zeigte man in München in einer restaurierten Fassung. „Fast ein Musical“ nennt ihn Friedkin heute. Al Pacino spielt einen Cop, der auf der Suche nach einem Serienmörder undercover in die Schwulenszene eindringt und von ihr verführt wird - ein Film Noir der Spätsiebziger, der immer noch gut funktioniert. Am meisten fasziniert er aber als New-York-Film, der konsequent jede auch nur ansatzweise touristische Perspektive ausblendet, eine hässliche, verdreckte Metropole zeigt. Und als sattes, sinnliches Porträt der schwulen S/M-Szene vor den Zeiten von Aids - Reisen in die verlorene Zeit.
Ein bisschen schade war, dass die Münchner Auswahl nur die bekanntesten Werke enthielt, als ob es bei schon 234 Filmen im Programm auf ein paar mehr angekommen wäre. Damit wurde Friedkin etwas unter Wert verschenkt. Sein „Lohn der Angst“-Remake „The Sorcerer“, einen seiner besten Filme, zeigte man nicht, weil nur die stark gekürzte europäische Fassung zu haben war. Gern wieder gesehen hätte man auch „Jade“, in dem Linda Fiorentino eine Femme fatale spielte, die à la Barbara Stanwyck die Männer - David Caruso, Chazz Palminteri - zu ihrem eigenen Vorteil um den Finger wickelt - wer erinnert sich noch? Und erst recht das sagenumwobene Interview mit dem uralten Fritz Lang, das in Deutschland nur einmal stark gekürzt zu sehen war. „Lang hat während des Gesprächs immerzu Bratwürste gegessen“, behauptet Friedkin, „darum musste ich so viel herausschneiden.“ Erstaunt habe ihn auch, dass Lang seine frühen, in Deutschland entstandenen Stummfilme überhaupt nicht geschätzt habe.
Er kennt seinen Rang
Dass könnte Friedkin nicht passieren. Er kennt seinen Rang, wer genauer hinhört und hinguckt, bemerkt, dass er hinter der relaxten Pose nicht frei ist von Eitelkeit, spürt auch manche Verwundung. Heute inszeniert er, der von sich sagt: „Ich arbeite nicht nur für Geld“, bekanntlich vor allem Opern, was wahrscheinlich nicht allein an seiner Liebe zur klassischen Musik liegt, sondern auch daran, dass er froh sein darf, wenn man ihn überhaupt ab und zu noch mal einen Film machen lässt.
Trotzdem präsentiert sich Friedkin fast wie ein Zen-Meister des Kinos: „Die Geschichten finden mich. Ich suche nichts.“ Was am besten funktioniert habe, sei immer aus Zufall entstanden - eine Theorie des Imperfekten, Passiven; eine Anti-Mythologie des Filmemachens. Einen visuellen Stil habe er auch nicht. „Ich versuche, mich der Arbeit anzupassen. Wahre Geschichten geradlinig zu erzählen, der Action zu folgen, ohne mich einzumischen.“
Filme über Männerwelten
Aber man muss ihm auch nicht alles glauben. Etwa dass die berühmte Autoverfolgungsjagd in „French Connection“ ohne Absperrungen und recht spontan gedreht wurde - da gibt es gute Gründe zu zweifeln. Tatsächlich merkt man Friedkins Filmen an, dass er als Dokumentarfilmer begann, unter anderem mit einer preisgekrönten Dokumentation über Football. Doch neben dem authentischen Touch sind Friedkins Filme, gerade wo sie am besten sind, immer auch nervöses Hochdruckkino, fortwährend in Bewegung, in der Ruhe noch zitternd von der vorangegangenen Anstrengung. Oft sind es auch Filme über Männerwelten und ihre dunklen Seiten, über ein Amerika der Angst, am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor allem „French Connection“ und „The Exorcist“ waren Reisen ins kollektive Unbewusste Amerikas, das zur Hochzeit von Vietnamkrieg und Watergate nach solchen Dekonstruktionen des Polizeiapparats und der all American family lechzte.
Dies gilt definitiv auch für „Bug“, Friedkins befremdend-faszinierendes neues Werk. Auch der passt haargenau zur Befindlichkeit des inneren Amerika: Es beginnt mit einem Hubschraubergeräusch und dem Blick auf einen Ventilator ... Erinnerungen an den Anfang von „Apocalypse Now“. Aus dem Off Telefonklingeln. Ashley Judd - keine kann so kaputt und vulgär aussehen und dabei doch so attraktiv bleiben - spielt Agnes, eine Trinkerin, die in einem Motel wohnt. Ihr Mann sitzt im Knast, weil er sie fast totschlug. Ihr Kind verschwand vor neun Jahren spurlos im Supermarkt.
Alle Voraussetzungen für eine satte Paranoia sind also vorhanden, und als sie auf Peter trifft und mit ihm ein Verhältnis beginnt, ist es so weit. Denn dieser Veteran ist überzeugt, Opfer eines Experiments des Geheimdienstes zu sein und eine „Wanze“ in sich zu tragen. Innenansichten des Wahns, die schnell eskalieren. Irgendwann zieht Peter sich selbst mit einer Klempnerzange die Zähne, schneidet sich vermeintliche Wanzen aus dem Leib. Und am Ende, als Agnes sicher ist: „I am the super mother bug“ - was man Ashley Judd wirklich sehr gern sagen hört -, tun beide, was paranoide Menschen manchmal tun, und zünden ihr Haus über dem Kopf an. Gerade weil er schwer erträglich ist, ist Friedkins Film auch ein treffender Kommentar zur Conspiracy Theory, zur Signatur der amerikanischen Gegenwart - und das ermutigende Zeichen, wozu man auch mit siebzig Jahren noch fähig ist. Zumindest wenn man William Friedkin heißt.