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Will Smith George W. Bush hat mich angelogen

09.08.2004 ·  „Wenn ich wollte, könnte ich amerikanischer Präsident werden“: Hollywood-Star Will Smith über ein Telefonat mit Kofi Annan, Michael Moore, Arnold Schwarzenegger, John Kerry und die Folgen von 9/11.

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Hollywood-Star Will Smith über ein Telefonat mit Kofi Annan, Arnold Schwarzenegger und die Folgen von 9/11.

In Ihrem neuen Film "I, Robot" kämpfen Sie als Detective Spooner für Freiheit und Menschlichkeit - im wahren Leben haben Sie vor kurzem Kofi Annan angerufen und ihm Ihre Hilfe angeboten. Wobei genau?

Ich bin viel herumgekommen in der Welt, und für mich steht fest: Die Idee der Vereinten Nationen ist die Zukunft. Ich halte das Konzept Demokratie für eine phantastische Idee, und solange es sich nicht überall durchgesetzt hat, daß der einzelne Bürger eine Stimme hat, daß er wählen kann, werden wir in der Welt noch viele Probleme sehen, viel Krieg und Hunger. Meiner Meinung nach besteht die einzige Chance im Zusammenschluß der Länder.

Ja, schon, aber was können Sie, was kann der Schauspieler Will Smith dafür tun?

Ich möchte ein größeres Verständnis für die Arbeit der Vereinten Nationen schaffen.

Und wie?

Zuerst einmal möchte ich selbst verstehen, wie die UN funktionieren, und dann will ich dazu beitragen, diese Idee weiter zu formen, auch wenn ich sie zu meinen Lebzeiten vielleicht nicht mehr perfekt ausgeführt sehen werde.

Was hat Kofi Annan gesagt?

Es wird ein langer Prozeß sein, herauszufinden, wie genau ich von Nutzen sein kann. Im Moment bin ich gerade dabei, mir da mehr Einblick zu verschaffen, deswegen kann ich leider noch nichts Konkretes sagen.

Ganz praktisch: Woher haben Sie Kofi Annans Nummer?

Ich kenne ziemlich viele Leute, die Mister Annan kennen, also, das war jetzt nicht so besonders schwierig für mich, ihn zu kontaktieren.

Sie haben mal gesagt, Sie gehörten keiner organisierten Partei an, Sie seien einfach Demokrat. Unterstützen Sie John Kerry?

Dafür weiß ich noch nicht genug über ihn - in ein paar Wochen, wenn ich zurück in Amerika bin, werde ich mich mit ihm treffen. Ich habe Freunde, die sehr an ihn glauben, das spricht natürlich schon mal für ihn. Aber wenn ich mich öffentlich für jemanden ausspreche, hat das einen ziemlichen Einfluß auf viele Menschen - deshalb muß ich ganz genau prüfen, was ich empfehle oder für wen ich bin. Hier in Europa finde ich es schwer, am Ball zu bleiben, was sich in Amerika politisch tut. Die Bostoner Wahlkampfveranstaltung habe ich im Fernsehen verfolgt, aber von hier aus betrachtet, fehlt der Zusammenhang.

Sie haben sich öffentlich gegen George W. Bush ausgesprochen: Ihn werden Sie nicht wählen, sagten Sie, weil er die Welt angelogen habe.

Ich habe nicht gesagt, daß er die Welt angelogen hat. Ich sagte: George W. Bush hat mich angelogen. Was dieser Mann vor zehn Monaten über den Irak gesagt hat, ist etwas ganz anderes, als was er vor zehn Tagen gesagt hat. Ich war nie im Irak, ich kenne niemanden, der im Irak war, ich habe noch keinen Iraker getroffen, also fällt es mir sehr schwer, zu entscheiden, ob die Menschen im Irak amerikanische Unterstützung brauchen oder nicht. Ich weiß nur, was meine gewählten Vertreter mir erzählen. Und wenn ich deren Aussagen nicht vertrauen kann, wird es mir dadurch unmöglich gemacht, der Amerikaner zu sein, der ich gerne sein will. Ich fühle mich von dieser Regierung belogen, und ich bin nicht gewillt, eine Beziehung zu jemandem aufrechtzuerhalten, der mich belügt.

Haben Sie Michael Moores neuen Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11" gesehen?

Ja. Ich fand den Film sehr witzig, ich fand ihn interessant, und wenn er dazu beiträgt, daß Menschen hellhörig werden, daß sie Nachforschungen anstellen und ihre eigenen Schlüsse ziehen, dann ist es eine gute Sache. Allerdings sollte man diesen Film nicht als Bibel verstehen. Wenn man seine Aussagen als die einzige Wahrheit betrachtet, dann könnte der Film zum Problem der allgemeinen Apathie noch beitragen.

Ist Michael Moore im amerikanischen Wahlkampf eine ernstzunehmende politische Größe?

Absolut. Alle, die den Film gesehen haben, selbst die glühendsten Bush-Anhänger, stimmen darin überein, daß "Fahrenheit 9/11" viele Fragen an die Regierung aufwirft. Der Film hat schon sehr verstörend gewirkt.

Ist die Bush-Regierung mal mit der Bitte um Unterstützung an Sie herangetreten?

Wenn man so bekannt ist wie ich, wird man ständig um alles mögliche gebeten. Hollywood ist allerdings traditionell eher eine Spielwiese für Demokraten. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, natürlich. Ich habe abgelehnt.

Kollegen wie Tim Robbins, Susan Sarandon oder Sean Penn sind bekannt dafür, sich politisch zu engagieren und auszusprechen. Sie scheinen da eher vorsichtig zu sein.

Das liegt aber nur daran, daß ich mit meinem Einfluß verantwortungsvoll umgehen will. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Ich werde George W. Bush nicht wählen. Weil ich gute Gründe dafür habe. Es wäre aber etwas anderes, dazu aufzurufen, John Kerry zu wählen - dafür weiß ich, wie gesagt, selbst noch nicht genug über diesen Mann.

Früher haben Sie in vielen Interviews erklärt, daß Sie irgendwann einmal Präsident werden wollten...

Ich habe nie gesagt, daß ich es will. Ich sagte: Ich könnte, wenn ich wollte.

Denken Sie das immer noch?

Absolut. Ich könnte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, wenn ich das wollte. Ganz sicher sogar.

Wie Sie das sagen, wollen Sie aber nicht.

Politik scheint mir nicht der richtige Platz für mich zu sein. Ich fühle mich nicht als Politiker.

Glauben Sie, es wird noch lange dauern, bis ein Schwarzer oder eine Frau an der Spitze Amerikas stehen?

Ich denke, so lange ist das nicht mehr hin, allein schon deshalb, weil Hillary Clinton, wenn sie sich entscheidet zu kandidieren, wahrscheinlich auch gewinnen wird. Und in Chicago gibt es einen jungen Schwarzen, Barack Obama, der wahrscheinlich über kurz oder lang auch kandidieren wird. Es gibt da draußen also eine weiße Frau und einen schwarzen Mann, die bei Wahlen in der nächsten Zukunft ziemlich realistische Chancen hätten. Nein, ich denke, es dauert nicht mehr so lange, wie viele denken.

In Kalifornien, wo Sie mit Ihrer Frau und Ihren Kindern leben, ist seit einem Jahr ein Kollege von Ihnen Gouverneur: Arnold Schwarzenegger. Hierzulande hört man über sein politisches Geschick Gemischtes - mal heißt es, er gebe Kalifornien sein Selbstvertrauen zurück, mal wird bemängelt, daß er zu viele Schulden macht - was sagen Sie?

Er ist Gouverneur des zweitgrößten Staates von Amerika, das ist ein harter Job. Ich finde, mit der Zeit kriegt er seine Füße immer fester auf die Erde - und im nachhinein wird man wahrscheinlich sehen, daß er seine Sache gut gemacht hat. In der Hitze des Moments ist natürlich kein Gouverneur ein guter Gouverneur.

Sie sind also nicht ganz zufrieden?

Sagen wir so, es ist kein leichter Job, und ich finde, er macht es gut.

Sehr diplomatisch.

Aber allein die Tatsache, daß er - ein Schauspieler, ein Österreicher - Gouverneur von Kalifornien werden konnte, finde ich großartig. Ich halte die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, die Idee der amerikanischen Regierung für eine der großartigsten Ideen überhaupt. Schwarzeneggers Wahl zum Gouverneur des zweitgrößten Bundesstaates gibt dieser Idee recht.

Wegen des gerade begonnenen Irak-Kriegs sind Sie im vergangenen Jahr nicht zur Oscar-Verleihung gegangen, bei der Sie eigentlich Laudator hätten sein sollen - wie haben Ihre Kollegen darauf reagiert?

Es gibt bei jeder Entscheidung ein Yin und ein Yang, so auch bei dieser. Manche fanden es einen Fehler, andere fanden es eine starke Entscheidung. Aber meine Frau und ich, wir pflegen solche Entscheidungen nicht von der Meinung anderer Leute abhängig zu machen. In diesem Fall war es so, daß wir uns einfach sehr unwohl dabei gefühlt hätten, schön angezogen zu den Oscars zu gehen und zu feiern, während unsere Soldaten gerade den Irak bombardierten. Wir wollten nicht, daß unsere Kinder das sehen.

Es ist bald drei Jahre her, daß Terroristen Amerika angriffen und das World Trade Center zerstörten: Hat sich durch den 11. September für Sie persönlich etwas verändert?

Nein, überhaupt nicht. Wenn man als Schwarzer in Amerika aufgewachsen ist, hat man einen ganz anderen Blick auf die Welt als weiße Amerikaner. Wir Schwarze leben mit einem ständigen Gefühl von Unwohlsein. Und ob du nun von einem rassistischen Cop angegriffen und verwundet wirst oder von einem Angriff von Terroristen, Entschuldigung, es macht keinen Unterschied. In den sechziger Jahren waren Schwarze ununterbrochen Ziel terroristischer Übergriffe. Es war zwar bürgerlicher Terrorismus, aber Terrorismus ist Terrorismus. Wir sind es gewohnt, angegriffen zu werden. Was eine ständige Alarmbereitschaft betrifft, eine Verteidigungshaltung, mit der man ohnehin lebt - da hat sich nichts geändert. Nein, für mich persönlich, für mein Alltagsleben hat sich durch die Tragödie vom 11. September nichts verändert. Ich lebe sowieso immer schon in hundertprozentiger Alarmbereitschaft, ich mußte nicht noch nervöser, ängstlicher oder vorsichtiger werden nach 9/11.

Interview Johanna Adorján

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.08.2004, Nr. 32 / Seite 29
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