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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Werner Herzog zum Siebzigsten Die Wahrheit geht selbst durch Wälder

 ·  Mit ihm lebt der Geist der deutschen Romantik mitten in Hollywood weiter. Wo der Mensch an seine Grenzen gerät, fangen seine Filme an zu erzählen. Dem Regisseur Werner Herzog zum Siebzigsten.

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© Cinetext Das Lebensgefühl, das Werner Herzogs Filme mitteilen, ist ein zutiefst tragisches. Und dennoch gibt es immer wieder Wunder der Schönheit, wie hier in der „Höhle der vergessenen Träume“

Er ist mit der Kamera durch Wüsten und über Berge gezogen, unter die Erde und in die Antarktis, er hat die Tiefen des Meeres und des Dschungels gefilmt, er war im brennenden Kuweit und im Reich des Kaisers Bokassa. Und er hat, wie er sagt, „nie dazugehört“ zum deutschen Kino, zu den Gremien, Klubs und Akademien, er hat sich immer fremd gefühlt in Deutschland mit seinen Themen, seinen Vorlieben, seinem Blick. Und doch ist Werner Herzog heute der bekannteste deutsche Filmregisseur - wenigstens in Amerika, wo er jetzt lebt; und seine Lebensgeschichte, die Geschichte seines Werks, ist eine der wichtigsten, vielsagendsten des ganzen Neuen Deutschen Films.

Herzog, wie viele Regisseure seiner Generation in eine der zersplitterten Familien der westdeutschen Nachkriegszeit hineingeboren, kam in München zur Welt, wuchs aber in Sachrang auf, einem Dorf in den Chiemgauer Alpen, wo er seine früheste und seine beständigste Leidenschaft entdeckte - die Sehnsucht, einerseits, Skispringer zu werden, der er später seinen Film „Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ widmete; und andererseits die tiefe, zwiespältige Liebe zur Natur, zum Wald. „Die Wahrheit“, heißt es in Herzogs Reisebuch „Vom Gehen im Eis“, „geht selbst durch Wälder.“ Diese Wahrheit hat er immer wieder gesucht, mit der Inbrunst eines Romantikers und der Rücksichtslosigkeit eines Abenteurers, in bayerischen (“Herz aus Glas“) und transsylvanischen (“Nosferatu“) Wäldern, in den Dschungeln Ostasiens (“Rescue Dawn“) und des Amazonas. Gefunden aber hat er sie vor allem in den Gesichtern von Menschen, deren Geschichten er erzählte: in dem deutschen Vietnam-Veteranen Dieter Dengler, den er in „Little Dieter Needs to Fly“ porträtierte; in dem Laienschauspieler Bruno S., mit dem er die Kaspar-Hauser-Adaption „Jeder für sich und Gott gegen alle“ und das Roadmovie „Stroszek“ drehte; oder in dem „Grizzly Man“ Timothy Treadwell, dem von Bären besessenen und gefressenen Helden eines der unheimlichsten Dokumentarfilme Herzogs. Und, natürlich, im Spiel von Klaus Kinski.

Die Natur als Menschenfeind

Mit Kinski, der damals schon eine verblassende Legende war, flog Herzog 1971 nach Peru, um „Aguirre, der Zorn Gottes“ zu drehen. Die Tragödie eines wahnsinnigen Konquistadoren machte ihren Regisseur, der zuvor nur Eingeweihten vertraut war (darunter Lotte Eisner, die in Herzog die Wiedergeburt des deutschen expressionistischen Kinos sah), schlagartig berühmt und begründete eine Arbeitsbeziehung, die zu den seltsamsten, fiebrigsten und fruchtbarsten der Filmgeschichte gehört. Aber während Herzog bei „Aguirre“ seinem Hauptdarsteller noch drohen musste, ihn zu erschießen, um Kinskis vorzeitige Abreise vom Drehort zu verhindern, wussten bei „Nosferatu“ (1978) und „Woyzeck“ (1979), „Fitzcarraldo“ (1982) und „Cobra Verde“ (1987) beide sehr genau, was sie aneinander hatten. Kinski hauchte den wilden Männern, die sich Herzog erträumte, seinen eigenen Irrsinn ein, und es spricht für sich, dass der Regisseur von „Fitzcarraldo“ gestand, der Einzige außer Klaus Kinski, der den Helden seines Films noch hätte spielen können, wäre er selbst gewesen. Wenn man heute sieht, was die beiden selbst in den späten, erschöpften Exzessen von „Cobra Verde“ vor und mit der Kamera zusammen angestellt haben, möchte man kaum glauben, dass es das einmal gegeben hat, diese Raserei, diese Intensität, diese Momente grenzenloser Selbstentäußerung. Herzog hat sich immer geweigert, Fiktives und Dokumentarisches in seinem Werk zu unterscheiden. Das klingt kokett, aber in den Filmen mit Kinski ist die Trennung tatsächlich aufgehoben: In ihnen ist die Fiktion ein Stück Leben und das Leben Teil der Fiktion.

Das Lebensgefühl, das Werner Herzogs Filme mitteilen, ist ein zutiefst tragisches. Die Natur ist dem Menschen feind, die Welt ein ewiger Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung (die Kreisbewegung gehört zu Herzogs zentralen Bildchiffren), die Pläne und Träume der Abenteurer zerschellen am Felsengebirge der Geschichte. Und dennoch gibt es immer wieder Wunder der Schönheit wie die Malereien in der „Höhle der vergessenen Träume“, Wunder des Überlebens wie bei den Bewohnern der Polarregion (“Begegnungen am Ende der Welt“), Wunder des Glaubens wie die „Glocken aus der Tiefe“.

Den Einzelgängern auf der Spur

Ihnen allen gemeinsam ist der Wunsch, „die Grenzen des Menschseins zu überschreiten“, wie es in Herzogs Film über Timothy Treadwell heißt. Der Mensch sei etwas, das überwunden werden müsse, hat Nietzsche geschrieben, der große Tragiker der Philosophie. Den Einzelgängern, Eremiten, Egomanen, die dieser Maxime folgen, geht Herzog mit der Kamera nach, und in den Geschichten, die er dabei aufliest, erzählt er immer auch seine eigene. „Ich sollte eigentlich ganz allein auf der Welt sein“ heißt es in seinem Film über den Skispringer Steiner, „nackt auf einem hohen Fels, kein Sturm, kein Schnee, keine Straßen, keine Banken, kein Geld, keine Zeit und kein Atem. Ich würde dann jedenfalls keine Angst mehr haben.“

Seit 1995 lebt Herzog, der eine amerikanische Fotografin geheiratet hat, in Los Angeles. Er hat in den „Simpsons“ einer Figur seine Stimme geliehen, er hat vor laufender Fernsehkamera eine Schussverletzung erlitten und den Schauspieler Joaquin Phoenix aus einem umgestürzten Auto befreit, und demnächst wird er mit Naomi Watts und Robert Pattinson einen Film über die englische Archäologin und Reiseschriftstellerin Gertrude Bell drehen. Es ist (mit Ausnahme des Attentats) das Leben, von dem die deutschen Filmemacher der siebziger Jahre geträumt haben. Aber Wenders und Schlöndorff sind aus Amerika enttäuscht zurückgekehrt, und Fassbinder hat sich nie auf den Weg gemacht. Nur Herzog ist geblieben. Es ist gut zu wissen, dass der Geist der deutschen Romantik mitten in Hollywood weiterlebt. Am heutigen Mittwoch wird Werner Herzog siebzig Jahre alt.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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