23.02.2005 · Wenn es für die Politiker richtig losgeht, ist es für das Fernsehen schon vorbei. Bush und Schröder haben sich nach Anreise, Protokoll und Fototermin in Mainz zurückgezogen. Ein Moderator: „Zur Stunde passiert nicht so viel.“
Von Fridtjof KüchemannMittwoch, viertel nach elf. George W. Bush ist mit dem Flieger gelandet und nach Mainz eskortiert worden. Gerhard Schröder hat mit ihm im Innenhof des Kurfürstlichen Schlosses von Mainz in die Kameras gelächelt, die beiden sind vor ihren Frauen über rote Teppiche gegangen und haben die First Ladies für weitere Fotos in die Mitte genommen. Sie haben einer Militärkapelle zugehört und, wie der NTV-Moderator zusammenfaßt, „es gab viele, viele Handshake-Termine.“
N24 resümiert: „Der Präsident ist angekommen.“ Mehr ist eigentlich auch nicht passiert: ein bißchen Logistik, ein bißchen Protokoll, ein bißchen Medienfütterung. Das hindert manche Fernsehsender allerdings nicht daran, schon seit Stunden live aus Mainz den Deutschlandbesuch des amerikanischen Präsidenten zu übertragen, allen voran die ARD.
Zeitvertreib
Jetzt haben sich die beiden Regierungschefs zu Gesprächen zurückgezogen, haben sich noch einmal für die Kameras aus ihren Sesseln heraus die Hände gereicht. Dann kann es losgehen. Schließlich ist der Bush-Besuch mehr als ein Medienereignis, mehr als eine PR-Offensive des amerikanischen Präsidenten: Es ist ein Arbeitsbesuch. Schnitt.
Um Viertel nach zwölf wollen Bush und Schröder vor die Presse treten. Bis dahin muß man eben warten. Sich gedulden. Die Zeit vertreiben. Die Fernsehsender befragen ihre Korrespondenten, Experten im Studio, den Mann von der Straße oder die Frau aus der Kneipe, bringen ausführliche Porträts der amerikanischen First Lady, plaudern mit ihrer Society-Reporterin oder erörtern den Einfluß der amerikanischen Daten auf die Weltwirtschaft.
Nicht so viel
Der NTV-Moderator Andreas Franik trifft den Nagel auf den Kopf: „Zur Stunde passiert nicht so viel.“ Kein tragischer, aber ein typischer Irrtum. Was zur Stunde passiert, passiert nur ohne das Fernsehen. Nach langen Bildern des Wartens, Bildern frierender Politiker, Haltung wahrender Soldaten, fallender Schneeflocken, des noch unbeschrittenen roten Teppichs, nach über Stunden gesendeten aussagelosen Bildern, an deren Stelle es früher einmal im Fernsehen das Standbild „Gleich geht es los“ gab, ist es losgegangen. Was jetzt passiert, ist Politik.
Morgen werden die Zeitungsleser die Bilder der händeschüttelnden Politiker als visuelle Verweise darauf sehen, was nach dem Fototermin geschehen sein wird. Daneben die Berichte und Analysen. In der Live-Berichterstattung des Fernsehens ersetzen sie die Inhalte.