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Wellenreiter Die Vorbilder im Container

19.10.2004 ·  Peter Weirs Satire „Truman Show“ wird Wirklichkeit: „Big Brother“ ist ein stetig wachsendes Paralleluniversum geworden. Doch die größenwahnsinnigen Produzenten werden der Geister, die sie riefen, nicht mehr Herr.

Von Michael Hanfeld
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Die Container-Show "Big Brother" hat in den letzten Tagen Befürchtungen ausgelöst, weil dort an mindestens einem Tag, wenn nicht an mehreren, judenfeindliche "Witze" erzählt worden sind. Die Befürchtungen haben sich verstärkt durch die Ankündigung, daß "Big Brother" nicht nur ein ganzes Jahr lang laufen, sondern gar nicht mehr aufhören soll.

Es wird bei Köln eine regelrechte Container-Stadt gebaut, Peter Weirs Satire "Truman Show" wird Wirklichkeit, dank Endemol. Längst ist ein Paralleluniversum entstanden, das immer größer wird, weil es sich immer mehr Teile der Wirklichkeit außerhalb des Containers einverleibt. Die Macher dieser Show haben auf alles eine Antwort, sie haben haben keine Skrupel, und sie experimentieren - weniger mit den Kandidaten, die sich für den Container melden, als - mit uns.

Wir waren Teil des Spiels

Es hat etwas gedauert, bis wir das begriffen haben. Haben wir uns doch beim Beginn der Show noch über die Regeln aufgeregt, über die Manipulationsmöglichkeiten, über die Knebelverträge, welche die Container-Insassen abschlossen, über die Tabubrüche - es war alles vergebens, nein: Es war der uns zugedachte Teil des Spiels. Denn ohne Kritik und Gegenkritik kommt diese Show nicht aus. Je mehr Aufregung, desto besser, je mehr Empörung, desto abgeklärter der Professionalismus, mit dem man als normal deklariert, was vorher als umstritten galt. Dem latenten Größenwahn der Macher hat die Dauerdebatte in einer Weise Vorschub geleistet, die nun doch - wenigstens das noch - bemerkenswert ist.

Sie nehmen inzwischen fast mitleidig zur Kenntnis, daß ihr Genre, das sogenannte "Reality"-Fernsehen, mindestens einmal pro Saison totgesagt wird, denn sie wissen es besser. Es gibt schließlich inzwischen zu jeder Sendung im Fernsehen das passende Pendant im Reality-Format. Man kann die Dinge kaum mehr unterscheiden. Doch werden die Herren der Geister selbst, die sie rufen, nicht mehr Herr. In Deutschland sind es die Juden-"Witze", in Großbritannien war es eine Schlägerei bis zum Äußersten, die gezeigt haben, was "Big Brother" im Negativen auslösen kann, was es - auf der anderen Seite - in Afrika als kontinentales Programm an Aufklärung (unter anderem in Sachen Aids) positiv geleistet hat.

Unsere Vorbilder bei „Big Brother“

Wenn der Endemol-Produzent Rainer Laux davon spricht, daß die "Big Brother"-Bewohner "Vorbildfunktion" haben, müßte ihm eigentlich schwindlig werden ob der moralischen Bürde, die er sich und seiner Firma damit auflastet. Und er müßte die Lehre daraus ziehen, daß mit der heftigen Kritik an dem Bezahlsender "Premiere", der vierundzwanzig Stunden lang ausstrahlt, was Endemol produziert, ein Kelch vorüberging, den eigentlich Endemol als Produzent der Show hätte leeren müssen.

Denn wer sucht die "Vorbilder" im Container aus? Wer observiert sie, instruiert sie, dirigiert sie? Wenn nicht diejenigen, die, wie der Schauspieler Ed Harris in der Rolle des "Truman-Show"-Regisseurs, Gefallen daran gefunden haben, ein bißchen Gott zu spielen? So verlogen die Aufregung um "Big Brother" war, so abstrus die Vorstellung, der Chef der bayerischen Landesmedienanstalt könnte die Sendung sogleich abschalten und den Oberzensor geben - so sehr wünscht man sich doch, daß den einen oder anderen bei Endemol zumindest der Hauch eines Selbstzweifels streift. Auch wenn das im Drehbuch nicht vorgesehen ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2004, Nr. 244 / Seite 40
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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