05.01.2004 · Findet die Medienrevolution doch noch statt? Mehr und mehr bestimmen Internet-Tagebücher die politische Debatte in Amerika. Scharen privater politischer Kommentatoren veröffentlichen ihre Meinungen.
Von Eva-Maria SchnurrSie hatten sich soviel einfallen lassen, die Wahlkampfhelfer um den amerikanischen Präsidenten George W. Bush: Erst die Landung des mächtigsten Manns der Welt auf einem Flugzeugträger vor dem Irak. Dann die Truthahnspeisung mit Soldaten an Thanksgiving. Und neulich erst die Untersuchung des Erzfeindes Saddam Hussein - lauter bunte, eindrucksvolle Bilder, die sich auf die Netzhaut brennen und eine eigene Ikonographie für den Feldzug um eine erneute Präsidentschaft des George W. Bush schaffen sollten.
Nur: möglicherweise werden Fernsehbilder im anstehenden US-Wahlkampf gar nicht die Hauptrolle spielen. Denn viel aufregender ist, was sich derzeit auf amerikanischen Internet-Seiten tut: Scharen privater politischer Kommentatoren veröffentlichen dort ihre Meinungen, Bewertungen und Beobachtungen. Sie schreiben freischaffend und oftmals nebenberuflich, ohne Anbindung an etablierte Medien und meist ohne journalistische Erfahrung. Ihre sogenannten "Blogs" sind eine Mischung aus Internet-Tagebuch und Online-Magazin - und die meisten kommen so unspektakulär daher wie handkopierte Gemeindebriefe: eng geschriebener Text, wenig Farbe, keine Infokästen und schon gar keine Fotos von toten Thanksgiving-Truthähnen.
Blogs mit Mission
Doch die politischen Blogs haben eine Mission. Sie wollen die aus ihrer Sicht oft einseitige oder selektive Medienberichterstattung ergänzen. Oder sogar beeinflussen, wie es Bloggern, den Autoren der Kommentare, Ende 2002 erstmals spektakulär gelang: Sie erreichten den Rücktritt von Trent Lott, des republikanischen Mehrheitsführers im Senat. Lott hatte auf einer privaten Party eine positive Bemerkung über Rassentrennung gemacht, ohne daß das zunächst in den Medien kommentiert wurde. Blogger jedoch machten im Internet soviel Wirbel um den Vorfall, daß auch die großen Zeitungen und Fernsehanstalten darauf eingingen und der Politiker schließlich zurücktrat.
Blogs gibt es zu fast jedem denkbaren Thema von Handarbeitstips bis zu selbstverfaßter Lyrik. Doch Ziel der politischen Blogger ist es, ihre Meinung zu verbreiten. Deshalb kommentieren sie Artikel aus Zeitungen und Magazinen, stellen Informationen aus kleineren, nur lokal erscheinenden Medien zusammen, veröffentlichen bislang in der Öffentlichkeit nicht beachtete Studien oder notieren ihre Gedanken zum Tagesgeschehen. Und jetzt, im Vorwahlkampf, machen die meisten politischen Amateur-Kommentatoren eindeutig Front für den Präsidentschaftskandidaten ihres Vertrauens.
Gewollte Einseitigkeit
Von den etablierten Medien unterscheidet die meisten Internet-Autoren dabei vor allem ihre ausdrückliche und gewollte Einseitigkeit. Denn selbst wenn in Zeitungskommentaren oder auch in der Wertung von Artikeln politische Ausrichtungen erkennbar sind, so gilt doch der Grundsatz der objektiven Berichterstattung. Und - bislang ein hehres Prinzip des amerikanischen Journalismus - die strikte Trennung von Nachricht und Kommentar.
Solche Prinzipien kümmern die Blogger wenig. Zur Freude von Politikern - denn durch das politisch passende Blog können sie ihre Botschaften ungefiltert unter das Internet-Volk bringen. "Sie haben ein Modem - ich habe eine Meinung", lautet der Leitspruch eines der einflußreichsten konservativen Blogger "Instapundit" alias Glenn Reynolds, im Hauptberuf Jura-Dozent an der Universität von Tennessee. Immerhin läßt sich das seiner Internet-Seite entnehmen. Keine Selbstverständlichkeit: der wichtigste liberale Blogger "Atrios", dessen Seite wie die von "Instapundit" bis zu 30.000 Mal am Tag angeklickt wird, ist bis heute anonym. Offen bleibt auch häufig, welche Quellen zitiert werden oder von wem Spenden zum Betreiben der Seite kommen.
Willkommene Ideenbörse
Dennoch greifen die Blog-Autoren immer stärker auch in die journalistische Agenda ein. Für die politischen Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften sowie für professionelle Kommentatoren sind die Blogs eine willkommene Ideenbörse: sie bringen neue Themen und Meinungen und stellen Fragen, auf die Politik-Profis vielleicht gar nicht kommen würden. Und sie erzählen auch mal hübsche Geschichten, zum Beispiel über das Paar, das extra früher geheiratet hat und nun zusammenzieht, um bei den Vorwahlen für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten im gleichen Bundesstaat abstimmen zu können.
Seiten wie die von "Atrios" und "Instapundit" bestimmten inzwischen stärker als Nachrichtenagenturen, über was die etablierten Medien berichten, heißt es in einem Kommentar auf der Seite "bopnews.com", einem Blog, das wiederum selbst die wachsende Zahl von Blogs zur Präsidentschaftswahl beobachtet. Das mediale Establishment jedenfalls feiert die virtuelle Konkurrenz: "Blogs sind perfekt demokratisch", zitiert etwa die "New York Times" den Politikwissenschaftler Darrell West - schließlich kann mit einem Computer und einem günstigen Programm jeder sein eigenes Blog starten. Und Bill Mitchell vom renommierten Poynter Institute, einem journalistischen Think-Tank, preist in "USA Today" die gemeinschaftstiftende Kraft der Online-Publizistik: "Die Menschen konsumieren politische Nachrichten nicht mehr einfach, sondern sie werden ihre eigenen Verleger."
Bushs einfallsloses Weblog
Inzwischen haben auch fast alle Präsidentschaftskandidaten Blogs auf ihren Websites - die aber bisweilen nicht viel mehr bieten als die aktuellen Pressemitteilungen. Erst vor kurzem ging auch Präsident Bushs Wahlkampfstab mit einem eigenen Blog online, einem vergleichsweise einfallslosen und keineswegs interaktiven allerdings. Washington habe die Bedeutung des Internets für den kommenden Wahlkampf schlicht unterschätzt, urteilte die "New York Times".
Maßstäbe jedoch setzt der demokratische Kandidat Howard Dean. Seit März vergangenen Jahres hat sein Wahlkampfteam im Online-Tagebuch 2910 Einträge verfaßt - und mehr als 300.000 Leser schrieben ihre Kommentare dazu. Deans Blog dient auf diese Weise als Testballon für politische Ideen: Rückmeldungen von den potentiellen Wählern kommen auf der Stelle. Unzensiert. Was ja wirklich sehr demokratisch, manchmal allerdings auch ziemlich banal ist. Wie die guten Vorsätze des Lesers "Maxomai" für das neue Jahr: Einen besseren Job suchen, abnehmen, nett zur Freundin sein und alles dafür tun, damit Howard Dean der nächste amerikanische Präsident wird.