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Vorwürfe gegen Kevin Spacey : Ein Mann wird gelöscht

Kevin Spacey in der Rolle von J. Paul Getty: Szene aus dem Trailer für „All the Money in the World“ von Ridley Scott auf IMDb Bild: http://www.imdb.com/title/tt5294550/videoplayer/vi3715217689- Screenshots F.A.S.

Weil der Schauspieler Kevin Spacey Jungs sexuell belästigt haben soll, wird er nun auch von der Leinwand verbannt. Ist das wirklich die angemessene Strafe? Oder nur Heuchelei?

          Seit alle Welt (oder zumindest jener Teil von ihr, der Zeitungen liest, sich für Filme und Fernsehserien interessiert, die Diskussionen in den sozialen Medien zur Kenntnis nimmt und nicht lange zögert, wenn es darum geht, moralische Urteile zu fällen), seit alle Welt den Schauspieler Kevin Spacey für einen Bösewicht hält, darf dieser Schauspieler keine Bösewichte mehr spielen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Kaum waren jene Vorwürfe öffentlich geworden, wonach Spacey einst, vor mehr als dreißig Jahren, einen 14-jährigen Jungen heftig bedrängt und bedroht habe, gaben die Produktionsfirma Media Rights Capital und der Streamingdienst Netflix bekannt, dass Spacey gefeuert sei; dass er also, falls „House of Cards“ überhaupt weitergehe, nicht mehr mitspielen werde in jener Serie, in der er, fünf Staffeln lang, den komplett amoralischen Politiker Frank Underwood spielte, einen Mann, der schon zum Beginn der zweiten Staffel zwei Morde auf dem sogenannten Gewissen hat.

          Und vor ein paar Tagen haben der Regisseur Ridley Scott und das Sony-Filmstudio verkündet, dass Scotts „Alles Geld der Welt“, ein Film, der eigentlich fertig ist, noch einmal überarbeitet werden müsse. Alle Szenen mit Kevin Spacey werden herausgeschnitten, mit Christopher Plummer an Spaceys Stelle nachgedreht und neu hineinmontiert in den Film, der, damit er noch eine Oscar-Chance haben kann, Ende Dezember in die amerikanischen Kinos kommen muss. Es ist die Geschichte von J. Paul Getty III., der entführt wird und nur gegen ein hohes Lösegeld freikommen soll. Und es ist die Geschichte des Großvaters, J. Paul Getty, über den es im Trailer heißt, er sei nicht einfach der reichste Mann der Welt, er sei vielmehr der reichste Mann in der Geschichte der Welt. Und der sich doch weigert, auch nur einen Dollar zu bezahlen, weshalb seinem Enkel ein Ohr abgeschnitten wird. Es war die Rolle von Kevin Spacey, den man im Trailer noch sehen kann.

          Eine Entschuldigung im Konditionalis

          Aus einer europäischen, irgendwie kulturbürgerlichen Perspektive sieht das – ein Filmkünstler zerschneidet sein eigenes Werk – wie ein barbarischer, grausamer, kunstfeindlicher Akt aus. Aus der Perspektive all derer, die am Zustandekommen dieses Films beteiligt waren, ist die Entscheidung richtig und konsequent – die einzige Möglichkeit, diesen Film zu retten. 40 Millionen Dollar, so wird allseits berichtet, habe „Alles Geld der Welt“ gekostet; das ist, verglichen mit den Blockbustern aus Hollywood, kein riesiges Budget; abschreiben will aber trotzdem keiner die Summe. Und man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was aus dem Film geworden wäre, wenn sie Spacey nicht herausgeschnitten hätten. Besorgte Mütter, die vor den Kinokassen demonstrieren. Boykottaufrufe. Premierenfeiern, rote Teppiche ohne den Mann, der der größte Star auf der Besetzungsliste war. Nervige Fragen in den Pressekonferenzen. Der Vorwurf der Kumpanei mit einem notorischen Jungsbelästiger.

          Szene aus dem Trailer für „All the Money in the World“ von Ridley Scott auf IMDb - Bearbeitung F.A.S.
          Szene aus dem Trailer für „All the Money in the World“ von Ridley Scott auf IMDb - Bearbeitung F.A.S. : Bild: http://www.imdb.com/title/tt5294550/videoplayer/vi3715217689

          Es stimmt natürlich, dass auch Kevin Spacey als unschuldig zu gelten hat, solange er nicht rechtskräftig verurteilt ist. Aber das zählt halt wenig, wenn es um die Geschmacks- und Sympathie-Urteile jenes Publikums geht, das Spaceys erste Reaktion auf die Vorwürfe fast so unangenehm fand wie das, was Spacey vorgeworfen wird: Er könne sich nicht erinnern. Falls es so gewesen sei, tue es ihm leid. Eine Entschuldigung im Konditionalis.

          Ridley Scott sagt, dass er sich diese Entscheidung schwergemacht habe. Eine Nacht lang habe er nachgedacht, und letztlich sei es ihm um Schauspieler und Crew gegangen, um die Leute, die hart für diesen Film gearbeitet hätten und die man jetzt nicht in Haft nehmen dürfe dafür, dass ein einzelner Schauspieler seinen Ruf, sein Image, seine Reputation so grandios zerstört habe, dass der Film, mit ihm darin, ruiniert gewesen wäre.

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