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Kinofilm „Vorwärts immer!“ : Fast hätte man die komische Wende vergeigt

  • -Aktualisiert am

Buster Keaton, sozialistisch gesehen: Honecker in Not. Schauspieler Jörg Schüttauf lässt Erinnerungen an fast vergessene Traditionen der deutschen Komödie wach werden. Bild: DCM

Ein absurder Plott inmitten der Ereignisse um die friedliche Revolution in der DDR: „Vorwärts immer!“, mit Jörg Schüttauf als (falscher) Honecker, ist eine Wendekomödie der anderen Art.

          Die Elite der Deutschen Demokratischen Republik hat am 9. Oktober 1989 vor allem ein Thema. „Wir müssen ernsthaft über Erich reden.“ Der Vorsitzende des Staatsrats war an diesem Tag in Wandlitz auf der Jagd. Sein Verlust an Autorität wurde nicht nur an der einen oder anderen Krisensitzung deutlich, zu der er nicht zugezogen wurde, sondern auch an einer Theateraufführung, in der er der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.

          Mit diesem Stück begibt sich die Komödie „Vorwärts immer“ auf das Gebiet der historischen Fiktion, denn es geht hier vor allem darum, komisch über Erich zu reden. Und das lässt sich mit dem sicheren Abstand von bald 30 Jahren nun einmal leichter. Andererseits liegen zwar die Ereignisse von damals inzwischen weit zurück, nicht jedoch die eine oder andere Disposition, die sich aus der deutschen Teilung ergeben hat. Eine (weitere) Wendekomödie schadet also sicher nicht, aber bringt sie auch etwas zutage?

          Aus der Rolle wird ein Festakt

          „Vorwärts immer“ versucht sich an einer durchaus anspruchsvollen Aufgabe. Am 9. Oktober 1989 stand die friedliche Revolution in der DDR auf der Kippe. Nicht nur unter den Montagsdemonstranten gingen Gerüchte über eine „chinesische Lösung“ um, also über eine gewaltsame Niederschlagung der Volksbewegung. Wie bei allen revolutionären Ereignissen bilden auch die in Leipzig an diesem Tag so etwas wie eine Wasserscheide: Wer an diesem Tag wann was wollte oder vertrat, davon hängt es ab, wie man heute vor der Geschichte dasteht.

          Kinotrailer : "Vorwärts immer"

          Und in diese Fugen des Historischen schreibt „Vorwärts immer“ einen herrlich absurden Plot hinein, der von dem vielleicht nicht ganz an den Perückenhaaren herbeigezogenen Umstand ausgeht, dass ein Theater in der DDR an diesem 9. Oktober ein Stück spielen wollte, in dem Erich Honecker von einem anderen Sozialismus träumt. Das Stück „Vorwärts immer“, für das am Vormittag noch geprobt wird, spielt genau in den Räumen, in denen an diesem Tag tatsächlich „über Erich“ gesprochen wird. Nur wird am Theater eben mit Gegensinn über Erich gesprochen.

          Der Schauspieler Jörg Schüttauf, der vom ersten Satz an einen Festakt aus dieser Rolle macht, lässt Erinnerungen an fast vergessene Traditionen der deutschen Komödie wach werden. Denn der Nationalpreisträger Otto, der sehr gegen das eigene Temperament (und sogar gegen die eigene Eitelkeit) hier zum Helden einer gewagten Improvisation wird, ist vom Typ her fast so einer, wie es lange Jahre Heinz Rühmann war. Also ein Körperkomiker, der aus der Fragilität kommt. Man muss ihn nur einmal die gebohnerten Treppen im Staatsratsgebäude hinuntersausen sehen, in einer fein choreographierten Bewegung aus Stolpern, Fallen, Rutschen (ein Ost-Berliner Treppensturz von höchster Signifikanz, pardauz), um zu erahnen, was der deutschen Filmkomödie als Genre so alles fehlt.

          Wenn Doubles die Führung übernehmen

          Schüttaufs Otto bekam von dem Drehbuchtrio Günter Knarr, Markus Thebe und Philipp Weinges eine sentimentale Familiengeschichte um eine schwangere Tochter zugedacht, die im Begriff ist, „rüberzumachen“. Diese Zuspitzung erst macht es nötig, dass Otto sich dann nicht nur auf der Bühne, sondern tatsächlich für Erich ausgibt, und samt seinen Bühnenkollegen in Wandlitz für einiges Durcheinander sorgt. Wie immer heterogen man sich die Zusammenarbeit zwischen Knarr, Thebe und Weinges und der selbst aus Leipzig stammenden Regisseurin Franziska Meletzky denken mag, das Ergebnis ist wie aus einem Guss.

          Ein Indiz für die Intelligenz, die hier am Werk ist, findet sich in dem Umgang mit der Figur der Margot Honecker. Die langjährige Ehefrau des Staatsratsvorsitzenden hat auch in „Vorwärts immer“ den Nimbus der Hardlinerin, allerdings wäre das für eine versöhnliche Komödie dieser Art eine denkbar dumme Strategie, alles auf eine Frau abzuwälzen. In einer sehr schönen, zugleich romantischen und hochironischen Szene löst sich dieses Dilemma aber auf, wobei es dann schon wieder egal ist, inwiefern diese Konjektur den historischen Umständen (und den Verhaltensweisen der tatsächlichen Individuen nach der Wende) entsprechen mag.

          Der demokratische Clou von „Vorwärts immer“ liegt ja eben darin, dass die handelnden Personen „Doubles“ aus dem Volk bekommen, dass die Konterrevolution durch eine Klamotte (mit Maskenteilen „aus dem Westen“, die besonders bei Egon Krenz stark nach zweiter Wahl aussehen) abgeblasen wird – durch eine Improvisation, zu der die erstarrten Führungsgremien gleichsam gezwungen werden mussten, indem man ihnen die Pantoffeln entwendete.

          Ein Film für die vereinigte Bundesrepublik

          Passenderweise eignet sich der Name von Erich Honecker auch sehr gut für solche Spielchen, in denen das vorgebliche demokratische Funktionärsethos eben nur noch durch Enteignung von Identität gewahrt werden kann: Wenn Erich (Er-Ich) „nicht er selbst“ ist, wo sind dann die Pantoffeln? Wenn Erich nicht er selbst ist, wer entscheidet dann über Leipzich?

          Über solche Finessen zu lachen, heißt keineswegs, über die DDR zu lachen. In „Vorwärts immer“ könnte die vereinigte Bundesrepublik wieder einmal lernen, dass die Revolution von 1989 ein so heroisches Geschehen war, dass man sich ihrer besser mit möglichst wenig Pathos erinnert. Sondern mit dem Hintersinn dieses im besten Sinn erbaulichen Films, und mit der verwegenen Komik eines Jörg Schüttauf, der den Weltgeist ganz großartig zum Nuscheln bringt.

          Quelle: F.A.Z.

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