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Vor Berlinale und Oscars Der Untergang des Hollywood-Imperiums

09.02.2005 ·  Scorsese, DiCaprio und Eastwood haben keine Zeit für die Berlinale. Sie bleiben in Amerika, um ihre Oscar-Chancen zu erhöhen. Dem amerikanischen Kino allerdings geht's gar nicht gut. Und amerikanisch ist es auch nicht mehr.

Von Peter Körte
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Alles ist erleuchtet. Am 27. Februar wird wieder eine Milliarde Menschen in aller Welt vor dem Fernseher sitzen und nach Los Angeles blicken. Tausende werden sich vor dem Kodak Theatre am Hollywood Boulevard drängen und die Armada der Limousinen bestaunen. Mehr Stars als bei jedem anderen Ereignis werden in Haute Couture über den roten Teppich schreiten, durch ein Blitzlichtgewitter, vorbei an Hunderten von Kameras. Und im Auditorium werden sie vor einer riesigen Leinwand sitzen, über welche die Clips der großen Filme ziehen.

Leonardo DiCaprio als "The Aviator" wird auf das Publikum herabschauen aus einem amerikanischen Traum, der von Reichtum, Glamour, schönen Frauen, schnellen Flugzeugen - und von Hollywood handelt. Martin Scorsese wird vermutlich endlich einen Oscar erhalten. Clint Eastwood wird mit seinen 74 Jahren eine ungeheure Vitalität ausstrahlen, im Saal wie auf der Leinwand, wo er in "Million Dollar Baby" als Boxtrainer eine junge Boxerin betreut. Die beiden weinseligen Loser aus Alexander Paynes "Sideways" werden sich in strahlende Gewinner verwandeln, weil sie beweisen, daß es auch eine menschliche Komödie, die nicht mal ein Fünftel des "Aviators" gekostet hat, nach ganz oben schaffen kann. Man wird sich vor Jamie Foxx und Taylor Hackford verneigen und damit auch noch einmal vor einem großen Musiker, der im vergangenen Juni gestorben ist, weil der Film "Ray" Ray Charles ein würdiges Denkmal gesetzt hat. Und man wird noch einmal an Peter Pan denken, an die schwere Geburt des Jungen, der nicht erwachsen werden will, aus den Phantasien eines britischen Theaterautors, den Johnny Depp in "Finding Neverland" verkörpert.

Cocktails für eine Leiche

Es ist das Jahr, in dem die fünf Nominierten in der Kategorie "bester Film" alle weit mehr als bloß respektabel sind. Tränen des Glücks werden fließen, auf den mondänen Partys wird man sich auf die Schulter klopfen. Amerikas zweitgrößte Exportbranche wird sich selbst feiern, während die Maschine schon weiterläuft, für den kommenden Sommer und für den danach, und man wird sich an der Gewißheit berauschen, daß hier, am Rande der Wüste, noch immer die Träume produziert werden, welche die ganze Welt bewegen.

Aber fällt einem nicht etwas auf in diesem Bild, je länger man es anschaut? Sind da nicht auf einmal unnatürlich lange Schatten? Kippt die Aufnahme nicht in ihr Negativ, so daß all die strahlenden Repräsentanten wie Gespenster aussehen? Ist das nicht die ausgemusterte Anfangsszene von Billy Wilders "Sunset Boulevard", in der die Toten im Leichenschauhaus sich auf ihren Bahren aufrichten und einander erzählen, wie sie dorthin gekommen sind? Denn Hollywood, wie wir es kennen, ist tot. Das verraten die Zahlen, wenn man sie nur richtig liest, das schreiben kluge Autoren in ihren Büchern, die sich manchmal fast wie gerichtsmedizinische Protokolle lesen.

Zuschauerschwund kaschiert

Rund 200 Filme aus Hollywood kamen 2004 ins Kino, gerade mal fünf von ihnen sorgten für ein Sechstel der Jahreseinnahmen. Ohne Mel Gibsons blutige "Passion", ohne Michael Moores Pamphlet "Fahrenheit 9/11", die allem Hollywood-Kalkül widersprachen, wäre es ein sehr trauriges Jahr geworden. Hinter dem Rekorderlös von rund 9,4 Milliarden Dollar verbirgt sich ein Zuschauerschwund von 2,5 Prozent, den die um 3,8 Prozent erhöhten Ticketpreise notdürftig kaschieren.

Das Durchschnittsbudget klettert weiter, die Kosten für das Marketing eines Films haben sich in den letzten dreißig Jahren um das Neunzehnfache erhöht. Mehr denn je entscheidet sich das Schicksal der Filme am Startwochenende, weil sie mit gewaltigen Kopienzahlen in den Markt gedrückt werden - und bevor es sich herumgesprochen hat, daß sie nichts taugen, haben alle sie gesehen. Das nennt man "First Weekend Business".

Reibungsverlust mit der Realität

Man sollte aber nicht glauben, daß diese Zahlen nur Amerikaner etwas angehen. Weil der überseeische Markt seit Anfang der neunziger Jahre einen immer höheren Prozentsatz des Gesamterlöses einspielt, bringen die großen Studios ihre Filme im Ausland nach einem ähnlichen Muster heraus und wälzen damit nationale Märkte um. Ein 200 Millionen Dollar teurer Blockbuster wie "Troja" wäre ohne den Auslandsmarkt ein Flop. Oliver Stones "Alexander" erzielte sogar mehr als 75 Prozent seiner bisherigen Einnahmen in Übersee. Deshalb hat sich auch der Abstand zwischen dem Start in Amerika und Übersee immer weiter verkürzt, wenn man nicht gleich, wie bei den Sequels zu "The Matrix" und demnächst bei "Star Wars: Episode III", einen weltweiten Simultanstart auf fast 20000 Leinwänden inszeniert.

Und deshalb wird auch, wie kürzlich im Magazin "The Atlantic Monthly", gefragt, wer denn überhaupt noch Filme für Amerikaner mache: Deutsche machten Filme für den deutschen und Franzosen Filme für den französischen Markt - nur Amerikaner stellten Filme für den globalen Markt her. Was überall erfolgreich sein soll, entziehe dem amerikanischen Publikum seine Welt, in der es sich wiedererkennen könne. So wird der weltweite Erfolg zum Identitätsverlust. Das ist insofern richtig, als weder "Shrek 2" noch "Harry Potter", weder "Der Herr der Ringe" noch "Troja" Filme sind, die in dem Sinne amerikanisch wären, wie es der Western oder das große Musical, das Vietnam-Drama oder die Outsider-Balladen des New-Hollywood-Kino waren. Die Leere und Beliebigkeit, die man so oft in den Blockbustern wahrzunehmen meint, sind dabei nicht nur eine Funktion der digitalen Aufrüstung der Bilder; der Reibungsverlust mit der Realität beginnt schon dort, wo ein Film es einem unspezifischen Publikum zwischen Finnland und Feuerland recht machen soll, anstatt es gerade mit einem spezifischen Bild von Amerika erreichen zu wollen.

Film als Lichthof einer transnationalen Shopping Mall

Zugleich jedoch ist diese Globalisierung schon immer ein Teil der Hollywood-Ökonomie gewesen. Die Filmindustrie war von Anfang an expansiv. Die Filme sollten eine Sprache sprechen, die man im Einwanderungsland Amerika ebenso verstand wie auf der ganzen Welt, was auch daran lag, daß die meisten Studios von Immigranten geleitet und daß viele Filme von Immigranten gemacht wurden, die sich auf diese Weise amerikanisierten.

Doch je mehr ein Film heute wie andere Produkte vermarktet wird, desto weniger unterscheidet er sich von anderen Produkten. Das Geld soll schneller zurückfließen, die Verwertungskette soll enger geschlossen werden, und ein Projekt, das sich zur Diversifizierung nicht eignet, wird oft gar nicht erst zum Film. Denn ein Film ist nur noch der Lichthof einer transnationalen Shopping Mall, um den herum sich Geschäfte für Fast food, Spielzeug, Textilien, Video- und Computerspiele, für DVDs und andere Merchandising-Artikel gruppieren, welche längst höhere Gewinne erwirtschaften als der Film und oft überhaupt erst dafür sorgen, daß ein Projekt in die schwarzen Zahlen kommt.

Boulevard der Dämmerung

Dieser Busineßplan, der in jeder großen Hollywood-Produktion steckt, ist auch der Grund, warum die Berlinale selbst Filme wie "Ray" oder "The Aviator" nicht bekommt, die im Gegensatz zu den üblichen Blockbustern genuin amerikanisch wirken. Wenn die Provinzpresse, die Stars und Glamour verlangt, nicht kapiert, daß Festivals keine Schaufenster mehr sind, daß sie im Zweifelsfall eher schaden, dann kann man das nicht dem Festival anlasten. Warum, nur zum Beispiel, sollte Disney bei "The Aviator" mit dem Deutschlandstart bis nach der Berlinale warten, wenn man ihn zur besten Oscar-Zeit in Amerika ins Kino bringt und mit dem medialen Echo, das er auslöst, auch die ausländischen Schlüsselmärkte erreichen kann? Und warum sollten ein Scorsese, ein DiCaprio oder auch ein Eastwood nach Berlin kommen, wenn sie in Amerika damit beschäftigt sind, ihre Oscar-Chancen zu erhöhen?

Vielleicht schon heute tot

Daß die Blockbuster-Ökonomie das Kino zu einer Art Gespenst gemacht hat, davon erzählen auch die Leichenbeschauer. In David Thomsons gerade erschienenem Buch "The Whole Equation", einer Mischung aus Elegie und forensischem Bericht, heißt es lapidar: "Kann sein, daß die Sache, die wir Kino nennen, heute tot ist oder völlig veraltet." Und selbst Kritiker, die mit dem "Weißen Hai" oder "Star Wars" aufwuchsen, den Filmen, mit denen man die Blockbuster-Ära Mitte der siebziger Jahre beginnen läßt, suchen nach dem Zeitpunkt in der Filmgeschichte, an dem das ökonomische Kalkül nur noch leeren Bombast erzeugte. Keiner von ihnen käme dabei jedoch auf die sehr europäische Idee, die künstlerische Freiheit gegen die Zwänge der Ökonomie auszuspielen, weil sie alle wissen, daß Hollywood seit den Anfängen eine Industrie war, daß "storytelling" und "moneymaking" sich parallel entwickelten, daß das Studiosystem beidem eine Form gab, welche selbst Andre Bazin, den Paten des französischen Autorenkinos, vom "Genie des Systems" sprechen ließ.

Lebt es nun also, oder ist es tot? Ist das Kino nicht schon tausend Tode gestorben, um jedes Mal wiederaufzuerstehen? Oder wird es bald so tot sein wie das Theater, das deshalb nicht verschwunden ist? War da nicht kürzlich noch der neue Film von Wong Kar Wai? Und fängt nicht auch am Donnerstag die Berlinale an, die in zehn Tagen rund 350 Filme zeigt, die mehr Schlagzeilen und Fernsehbilder als andere kulturelle Ereignisse produziert? Ist ja alles richtig. Doch da sind noch ein paar Zahlen, an denen keiner vorbeikommt: In Amerika gingen Mitte der vierziger Jahre rund 100 Millionen Menschen pro Woche ins Kino. Die Einwohnerzahl lag damals bei 150 Millionen. Heute sind es rund 270 Millionen, und nur 25 Millionen von ihnen gehen jede Woche ins Kino. In Deutschland sind die Besucherzahlen in den neunziger Jahren zwar gestiegen, doch was ist der jüngste Rekordbesuch von 160 Millionen Menschen im Jahr 2001 gegen mehr als 800 Millionen Mitte der fünfziger Jahre?

Größe und kleiner, als man denkt

Es ist eigentlich ganz einfach. Das Kino lebt - und es ist tot. Für die Gespenster, die als Spiel von Licht und Schatten auf der Wand wohnen, ist das gar keine so ungewöhnliche Existenzweise. Das Kino hat aufgehört, das Medium zu sein, welches die Menschen zusammenbringt. Festivals wie die Berlinale beschwören diese Fähigkeit auf ihre Weise, indem sie unter ihren Besuchern, die ja zum Großteil von der Branche leben, eine große Innenhitze erzeugen, von der ein wenig nach außen abstrahlt - eine wärmende Illusion. Doch von all den Filmen, die in Berlin laufen, wird keiner Massenwirkung erreichen, und das wäre auch nicht anders, wenn "The Aviator" dort liefe. Viele werden ihn sowieso erst auf DVD sehen, dem Medium, das den Zuschauer vereinzelt wie einen Leser oder einen Internetsurfer.

Die große Zeit des Kinos ist vorbei. Das löst Nostalgiegefühle aus. Das Kino wird deshalb nicht verschwinden und die Festivals auch nicht. Der verstorbene französische Filmkritiker Serge Daney hat schon Anfang der neunziger Jahre geschrieben: "Das Kino ist eine große Sache gewesen, viel größer, als ich dachte, selbst wenn sie heute kleiner ist, als man denkt." Das trifft es ziemlich genau.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.02.2005, Nr. 5 / Seite 25
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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