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„Vincent will meer“ „Für diesen Film spring' ich über jedes Stöckchen“

05.05.2010 ·  Florian David Fitz hat mit „Vincent will meer“ das Drehbuch für den bisher erfolgreichsten deutschen Film des Jahres geschrieben. Außerdem spielt er darin die Hauptrolle. Mach dich mal locker, könnte man jetzt sagen ...

Von Stefan Locke, Berlin
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Die vergangenen Wochen waren anstrengend für Florian David Fitz, aber er wollte es ja so, und es hat sich gelohnt. Jedenfalls bisher. „Ich versuche, jetzt nicht allzu sehr zu jubeln“, sagt der Fünfunddreißigjährige. „Denn ich denke immer: Wenn ich zu euphorisch bin, trifft mich der Blitz, und dann will plötzlich keiner mehr den Film sehen.“ Noch aber gibt es keine Anhaltspunkte für akute Kinoleere, im Gegenteil. „Vincent will meer“, das Roadmovie, für das er das Drehbuch schrieb und in dem er auch die Hauptrolle übernahm, katapultierte sich nach der Premiere in der vergangenen Woche auf Platz zwei der deutschen Kinocharts und musste sich nur dem Blockbuster „Kampf der Titanen“ geschlagen geben.

Damit ist es der bisher erfolgreichste deutsche Film des Jahres, was beachtlich ist, weil er nur mit 150 Kopien, vergleichsweise geringer Werbung und wenigen Rezensionen anlief. Umso mehr legte sich die Filmcrew ins Zeug und absolvierte in zehn Tagen siebzehn Premieren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die intensive Promotion-Tour war neu für Fitz, die Umstände ebenso. Denn die Vulkanasche-Wolke machte dem geplanten Jet-Set einen Strich durch die Rechnung; Strecken wie Köln-Wien bewältigte das Team nachts im Auto, eingehüllt in Ikea-Decken. „Aber für diesen Film spring' ich über jedes Stöckchen“, sagt Fitz und schaut besorgt in den Himmel über Berlin. Der ist blau, 25 Grad bei schönster Sonne, und das treibt ihm Sorgenfalten auf die Stirn. „Dass bei dem Wetter überhaupt noch jemand ins Kino geht, ist schon ein Wunder.“

Gelegentlich Obszönes brüllen

Mach dich mal locker, könnte man jetzt sagen, und ist damit schon beim Film, in dem Fitz den jungen Vincent spielt, der am Tourette-Syndrom leidet: eine Krankheit, die ihn unvermittelt unkontrolliert zucken sowie gelegentlich Obszönes brüllen lässt. Nach dem Tod seiner Mutter wird er vom Vater, einem Lokalpolitiker (Heino Ferch), in eine Klinik abgeschoben. Dort trifft er auf die magersüchtige Marie (Karoline Herfurth) und den Zwangsneurotiker Alexander (Johannes Allmayer), mit denen er das Auto der betreuenden Ärztin knackt und ans Meer nach Italien fährt. Tourette-Syndrom, ausgerechnet bei der Hauptfigur und dann noch als Komödie!

„Genau das wollte ich“, sagt Fitz. Die Idee kam ihm nach einem Fernsehbericht über einen extremen Tourette-Fall. „Ich wollte erzählen, wie so jemand es schafft, trotz allem in Frieden mit sich selbst zu leben.“ Darüber zu lachen sei okay, aber Vincent sollte kein Sidekick sein, der für die Gags zuständig ist, sondern als Figur mit all ihren Nöten wahrgenommen werden, welche beim Zuschauen mitunter auch richtig weh tun. Denn Vincent kann, wie alle seine Leidensgefährten, fast alles - außer sich locker zu machen. Das ist es, was einen im Kinosessel gelegentlich verkrampfen und im nächsten Moment wieder befreit lachen lässt. Fitz hat Vincent und seine beiden Mitstreiter weder als Trottel noch als bemitleidenswerte Geschöpfe angelegt, und das verleiht dem Film den Charme, den ihm auch Betroffene nicht zugetraut hatten.

Er selbst hat auch Tics

„Die waren natürlich wahnsinnig misstrauisch“, erzählt Fitz. „Und ich hatte auch Schiss. Man kann bei so einem Thema sehr viel falsch machen, unhöflich und verletzend sein.“ Schließlich werde Tourette meist auf obszöne Laute reduziert, dabei gehöre mindestens noch ein physischer Tic, etwa Zuckungen, zum Krankheitsbild dazu. Überhaupt sei das Syndrom, an dem je nach Definition zwischen 40 000 und einer Million Menschen hierzulande leiden, so vielfältig, dass eine allgemeingültige Darstellung wohl zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Am Anfang habe er zu viele Tics, etwa Autoaggressionen, in die Figur gepackt, doch Rücksprachen mit Betroffenen bestärkten ihn, dass das nicht nötig sei. Er müsse nicht alles zeigen, sondern einfach die Situation ernst nehmen, habe ihm die Mutter eines Tourette-Patienten erklärt. Und nicht zuletzt war da noch die Frage, wie viel er dem Publikum überhaupt zumuten kann. Während er das Drehbuch immer wieder gegenlesen ließ, bereitete er sich auf seine Rolle ohne fremde Hilfe vor. „Dabei bin ich - und das war das Spannende - zufällig darauf gestoßen, dass ich selbst, wie wohl wir alle, Tics habe. Nur müssen wir ihnen nicht nachgeben.“

War es sein erstes Drehbuch? „Nein“, antwortet Fitz lachend. „Aber das erste, das ich verkauft habe.“ Und das ging zu seinem eigenen Erstaunen ziemlich schnell. Mit „Vincent“ bewarb er sich bei der Münchner Drehbuchwerkstatt, einer Schule für Autoren, entwickelte den Stoff ein Jahr lang weiter und präsentierte ihn, wie alle Absolventen, auf dem Münchner Filmfest. Mit schlotternden Knien pries er vor 400 Leuten seine Geschichte an; das war nichts Alltägliches, auch nicht für einen Schauspieler. „Das war sehr schmerzhaft. Du musst den Stoff so zusammenfassen, dass die Leute Bock drauf haben.“ Sie hatten. Die Münchner Firma Olga-Film griff zu, Constantin wurde Co-Produzent, und Fitz atmete durch. Erst die Aufnahme in die Drehbuchwerkstatt, dann das fertige Manuskript, der Verkauf, schließlich Filmförderung und Produktion. „Jeder Schritt war ein kleines Wunder.“ Er hängt Erwartungen eher tief, um nicht enttäuscht zu werden.

Stilsicherheit, Dialogwitz und Tiefgang

Kritiker attestierten ihm Stilsicherheit, Dialogwitz und Tiefgang, andere maulten, dass die Story nicht wirklich neu sei. Fitz findet das albern, aber nimmt es gelassen. „Es ist alles schon mal da gewesen. Mir kommt es darauf an, das, was ich erzähle, ehrlich zu erzählen. Mehr kann und will ich nicht machen.“ Fitz ist ohnehin keiner, der mächtig auf den Putz haut, im Gegenteil. Als er 1999 nach vier Jahren Schauspielausbildung in den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückkehrt, traut er sich zunächst nicht mal, sich Schauspieler zu nennen. „Ich konnte es ganz gut, mehr aber auch nicht.“ Die Ausbildung in Boston sei exzellent gewesen. Er hat gespielt, musiziert, komponiert, gemalt und Regie geführt, jetzt aber wollte er „richtig Schauspiel“ lernen und engagierte die Tutorin Helga Engel von der renommierten Otto-Falckenberg-Schule. „Du wirst jetzt viele Jobs bekommen, nur weil du so aussiehst, wie du aussiehst“, habe sie ihm gesagt. „Aber wenn du dreißig bist, ist der Zuckerguss ab, dann musst du ein Gesicht haben.“

Der erste Teil der Prophezeiung bewahrheitete sich schnell; Fitz bekam gut zu tun. Direkt nach seiner Rückkehr wurde er als Hauptdarsteller eines RTL-Films mit dem Arbeitstitel „Wahnsinnig, verliebt!“ engagiert, der später als „Das Psychogirl - sie wird dich kriegen!“ lief; er arbeitete in Fernsehserien und -filmen, die oft die Wörter „Liebe“ oder „Mädchen“ im Titel trugen, und für Kinoproduktionen, die beides vereinten. „Mädchen, Mädchen 2 - Loft oder Liebe“ war ein Leinwanderfolg. Fitz arbeitete hart, vor allem an sich selbst. Er lernte, nicht in Rollen zu verschwinden, sondern sie mit Persönlichkeit und Leidenschaft zu füllen. „Am Anfang möchte man ja immer das spielen, was einem gefällt, aber vielleicht liegt einem das gar nicht.“ Heute ist er überzeugt, das geforderte Gesicht, die eigene Sprache zu besitzen, und hat keine Scheu mehr, sich Schauspieler zu nennen.

Sollte er Maler oder Komponist werden?

Beinahe wäre jedoch alles anders gekommen, denn nach der Schule konnte sich Fitz lange nicht entscheiden, ob er nicht doch Maler oder Komponist werden sollte. Mit Wonne kopierte er damals Impressionisten und Expressionisten (“Besser als Kujau!“); ein Fitzscher Klimt hängt noch heute bei den Eltern in der Stube. In Boston komponierte er „Kaspar Hauser“ als Musical. „Eine Geschichte war da nicht mehr zu erkennen“, gibt er zu. „Aber die Musik war spannend.“ Ein eigener Stil aber wollte ihm noch nicht gelingen, es blieb beim unvollendeten Frühwerk. Für Musik begeistert sich Fitz jedoch nach wie vor, vor allem für Sergei Prokofjew, da gerät er regelrecht ins Schwärmen. „Seine Klavierkonzerte sind eine Pracht und ein Feuerwerk, da kriege ich Gänsehaut.“

Das Klavierspiel, mit dem er wieder angefangen hat, ist eine gute Abwechslung im Alltag, der beinahe das ganze Jahr über von Dreharbeiten bestimmt ist. Seit Dienstag dreht er in Berlin die dritte Staffel von „Doctor's Diary“, der preisgekrönten RTL-Serie. Und auch ein neuer Kinostoff schwirrt ihm bereits im Kopf herum. Mit dem Theater aber, wo er früher gerne auftrat, hat er abgeschlossen, wozu auch vor Jahren eine Erfahrung am Deutschen Theater beitrug. „In Amerika bist du beim Vorsprechen einer von fünftausend, und wenn du dran bist, hören die dir auch zu. Hier aber lassen sie dich erst mal spüren, dass du nichts bist, und wollen dann sehen, ob du dich verteidigen kannst.“ Noch heute ärgere er sich, dass er damals nicht einfach gegangen sei, statt „so würdelos“ weiterzumachen. „Aber man möchte eben auch gefallen, das ist ja klar.“

Heute sei das anders, die Theaterwelt ist ihm fremd geworden, und das liege auch am Alter; er werde ruhiger, und das sei schön. „Ich muss nicht mehr alles machen, mich muss nicht mehr alles interessieren, und ich muss mich nicht mehr andienen.“ Klingt wie vorgezogener Ruhestand, ist aber das Gegenteil. Fitz würde gern Regie führen, fühlt sich dafür aber noch zu jung. „Dafür brauchst du Lebenserfahrung und musst relativ standfest sein.“ Auch eine Auslandsrolle würde er nicht ablehnen, sucht aber nicht danach. „Nein, ich finde es einfach schön, wo ich jetzt beruflich bin, dass ich nicht mehr Mitte zwanzig bin und mir nicht schon wieder die nächste Tür an die Decke hängen muss.“ Eigentlich treibt ihn derzeit nur eine Sorge um: Ob mit „Vincent“ weiter alles gutgeht.

Für viele Fälle Fitz


Florian David Fitz kommt 1974 in München zur Welt und ist weitläufig mit der Kabarettistin Lisa Fitz verwandt. Seine Eltern betreiben ein Hotel, wo er als Nachtportier jobbt. Nach dem Abitur geht er zum Schauspiel- und Musikstudium nach Boston und kehrt 1999 mit einem Bachelor of Fine Arts zurück. Seitdem dreht er für Fernsehen und Kino und reüssiert für Disneys „Tiggers großes Abenteuer“ auch als Sänger. Er bezeichnet sich selbst als multiinteressiert. Ein Erfolg gelingt ihm 2005 mit der Komödie „Meine verrückte türkische Hochzeit“. Seit 2008 spielt er in der RTL-Serie „Doctor's Diary“ den Oberarzt Marc Meier; 2009 ist er im Kinofilm „Männerherzen“ mit Til Schweiger und Christian Ulmen zu sehen. Fitz lebt gemeinsam mit seinem Jack-Russell-Terrier Loki in München.

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