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Video-Filmkritik : Wie man Weltenretter aus den Wolken reißt

Bild: Warner Bros. Germany

Ein Engel der Hölle gegen ein gerechtes Ungeheuer des Himmels: „Batman V Superman“ rüttelt die Moral des Comic-Kinos durch. Regisseur Zack Snyder will viel, schafft einiges – und leistet sich einen großen Patzer.

          In der 1971 erstmals erschienenen, vor drei Jahren dann leider an chronischem Leserschwund verendeten Fachzeitschrift „Comics Buyer’s Guide“, in der man alles über Inhalte, Kunstwerte und Sammlerpreise von Superheldenheftchen erfahren konnte, gab es eine Rubrik mit dem schönen Titel „Obligatory Fight Scene“, in der zwei Kritiker eines aktuellen comicrelevanten Produkts mit jeweils unterschiedlichen Wertungsabsichten aufeinander losgelassen wurden, um so auch im genreaffinen Rezensionswesen die Doktrin „Schlägereien bringen das Wesentliche an einer Situation zum Vorschein“ zu etablieren, die in den einschlägigen Geschichten von „besonders talentierten Abenteurern“ (Grant Morrison) seit Jahrzehnten eisern durchgehalten wird. Wo in den großen bunten Super-Epen Heldinnen und Helden einander kennenlernen, geschieht das meist in Gestalt eines krawallhaltigen Missverständnisses, das die Betroffenen gemeinsam dann so brutal wie möglich durcharbeiten, damit sie hinterher auf dem grundsoliden Fundament von Schnittwunden, Prellungen und Knochenbrüchen umso festere Freundschaften, Allianzen und Liebesbeziehungen errichten können - ungefähr so wie in der Welt des organisierten und unorganisierten politischen Treibens engagierter Radikaler.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Zack Snyders vorösterliche Kino-Retterschmetterrüttelrevue „Batman V Superman: Dawn of Justice“ wendet dieses wohlerprobte Prinzip auf die beiden tragenden Säulen des Weltenbaus der Comics aus dem Verlag DC an, um auf dem Wege dieser Konfrontation des nahezu unverwundbaren Himmelssohnes Superman mit dem rachsüchtigen Nachtwandler Batman mehrere von DC mit dem Filmstudio Warner Brothers geplante Blockbuster über die „Justice League of America“ vorzubereiten, die dann als Heldenteam den „Avengers“ sowie den „X-Men“ des Konkurrenzunternehmens Marvel Comics einen möglichst fetten Batzen vom einträglichen Geschäft mit der boomenden Spektakelgattung streitig machen soll.

          Er kennt sich aus – und muss das zeigen

          Die „Justice League“ wurde 1960, also im sogenannten „Silver Age“ der Superheldenhefte, als Wiedergeburt der älteren „Golden Age“-Vorform „Justice Society“ im Rahmen der Reihe „The Brave and the Bold“ etabliert, das heißt: auf der offiziellen „Sie prügeln und verbünden sich“Plattform von DC. Man versammelte damals neben Superman und Batman die Amazone Wonder Woman, den unterseeischen Meeresmacho Aquaman, einen grünen Kerl vom Mars namens J’onn J’onzz, den Ringfingerfighter Green Lantern und den „Speedster“ The Flash (den man derzeit überschallschnell auf der Jagd nach Quoten und Klickraten durchs konventionelle wie netzflankierte Fernsehen rasen lässt).

          Zack Snyder ist ein Regisseur, der sich in diesem ganzen Zeug so gut auskennt wie Google in Gottes Hirn. Damit das niemand übersehen kann, lässt er in „Batman V Superman“ alle paar Meter Anspielungen fallen wie eine kokette Verführerin im galanten Roman ihr Taschentuch, damit ein bestimmter Teil des Publikums, die Superheldenfreaks nämlich, wie hypnotisiert hinter ihm her wetzt und jede Flatterfußnote einsammelt. Wenn jemand einer Frau „Miss Prince!“ hinterherruft, werden diese DC-Loyalen im Kinosessel lebhaft, und wenn Lex Luthor, Supermans Todfeind, ein bombastisches Wort mit „D“ sagt, weiß die Kernzielgruppe, wie das dann folgende Finale des Films ausgehen muss.

          Warum Superman uns Menschen mag

          Man kann derlei freilich sowohl subtiler wie wirkungsvoller machen. Dafür, dass er weiß, wer und was Batman eigentlich ist, hat zum Beispiel Christopher Nolan in seinen drei sowohl kommerziell wie künstlerisch mehr als befriedigenden „Dark Knight“-Filmen den allerschärfsten Sinn bewiesen. Der Abschluss der Trilogie, „The Dark Knight Rises“ von 2013, findet zu einem satten Schlussakkord, als Batman seinen letzten großen Kampf ausgerechnet bei Tageslicht besteht und sich damit von dem Fluch emanzipiert, dass die Nacht selbst stets der wirkungsvollste Teil seiner Erscheinung war, gleichsam sein wahres, abstraktes Gesicht - der reiche Playboy Bruce Wayne war die Maske, nicht die schreckliche Fledermaus, die Kriminelle erschreckt, weil sie weiß, dass diese Gestalten ein „superstitious and cowardly lot“ sind.

          Nimmt man im Kontrast zu dieser Deutung der Batman-Figur durch Nolan die „Superman“-Filme mit Christopher Reeve als maßstabsetzende Kino-Interpretation der anderen großen DC-Zentralgestalt, so erkennt man sofort, dass der Fall da umgekehrt liegt: Den täppisch-liebenswerten Reporter Clark Kent, der seine Brille auf der Nase zurechtschieben muss, wenn sie mal wieder runtergerutscht ist, darf man eben nicht für einen Vorwand halten, hinter dessen Paravent sich der außerirdische Erdenretter Superman in die menschliche Gesellschaft hineinstiehlt. Nein, diese Type drückt aus, warum Superman uns Menschen mag, wie er uns sieht: als Leute, die es gut meinen, auch wenn sie straucheln. Supermans Herz schlägt für die ins Sensationelle übersteigerte Biederkeit wackeren Bürgersinns, für „truth, justice and the American way“.

          So juckelt doch kein Superschurke

          Snyders „Batman V Superman“ meidet vor diesem Hintergrund mit einigem Bravour die Falle, zwischen den beiden Antipoden Batman und Superman einen Kompromissraum zu suchen, in dem sie nur undeutlicher werden könnten, als sie gemeint sind. Stattdessen bringt er sie konsequent so zusammen, dass Superman mitleidlos in Batmans Dunkelheit gezerrt wird, steil abwärts in Morast und Amoral. Ben Affleck ist dabei ein hochachtbarer Batman und ein noch besserer Bruce Wayne, Henry Cavill ein überzeugender Superman, wenn auch ein etwas unkonzentrierter Clark Kent. Der Sturz des anständigsten aller Übermenschen aus den Wolken hat in „Batman V Superman“ filmisch jede Menge Drive; Snyder bedient sich mit Erfolg bei Frank-Miller-Zeichnungen und Nolan-Kameraeinstellungen. Einige Selbstzitate und diverse Versuche, den seriellen, hypertextuell allseitig verknüpften Charakter des DC-Kosmos plastisch hervortreten zu lassen, führen indes etwas zu weit vom Plot ab, was man allerdings auch schnell wieder vergisst, der sonstigen Höhe- und Tiefpunkte wegen - Jeremy Irons als Alfred gibt dabei den schönsten Ausschlag nach oben, Jesse Eisenberg als Luthor den blamabelsten nach unten.

          Denn während Irons gar nicht erst versucht, seinem Rollenvorgänger Michael Caine den Tee zu reichen, sondern diesen hübschen Part lieber als Kreuzung aus älterem Bruder und Technischem Hilfswerk neu formatiert, fehlt Eisenberg, so genial er anderswo manchmal war, offenbar die Professionalität, mit der Leute wie Gene Hackman und Kevin Spacey den Verächter alles Wunderbaren und Megaspielverderber Luthor auf der Leinwand glaubhaft gemacht haben. Stattdessen gefällt er sich in Gejuckel, Gesabber und einer Start-up-Turnschuh-Lumperei, die man vielleicht im zweiten Schauspielschuljahr für ein zeitgemäßes Musical namens „Steve Jobs ist Dr. Frankenstein“ gebrauchen kann, die sich aber für etwas so Teures wie eine zeitgenössische Comicverfilmung einfach nicht rechnet.

          Vielleicht hat Snyder das wirklich vergessen

          Die Gesamtverfassung des Films erleidet von dieser Performance unter Eisenbergs Niveau zum Glück bloß eine leichte Zerrung - eine gebrochene linke Hand aber ist zu beklagen: Wonder Woman, gespielt von der noch kaum bekannten Gal Gadot, wird als fast funktionslose Beilage, schlimmer: als Schmuckpetersilie missbraucht, unwürdig, unanständig, herablassend. Da sollten die Fans, denen der Film sonst so viel Honig in die Fusselbärte schmiert, ruhig ein bisschen meutern: O Paradise Island, o unsichtbares Flugzeug, wo seid ihr? Die erhabene Figur, wehe, ist hier völlig verschenkt, obwohl ihr Schwert, trunken vom Blut des Bösen, seine Arbeit tut und sogar ihr leuchtendes Lasso vorkommt. Potz Penthesilea, mit was für steinblödem Rockmusikgeschepper verschandelt man bei ihrem Durchbruch in die Haupthandlung denn da plötzlich den wagnerianischen Soundtrack, wie deplaziert wirkt hier Snyders Rückfall in die Groll-Girl-Nahkampf-Balett-Ästhetik, die er für seinen Film „Sucker Punch“(2011) entwickelt hat, die aber für Wonder Woman mindestens drei Breitwandgrößen zu klein ist?

          Der immanente Patzer verweist als Formatfehler indirekt auf wichtigere Probleme: Wo hier etwa abermals, wie in mittlerweile wirklich zu vielen Filmen, Terrortrümmer von Metropolenbauten brechen, fragt man sich, ob Snyder noch weiß, was er in der großartigen Titelsequenz von „Watchmen“ (2009) ins Bild setzen konnte: dass Geschichten wie diese auf andere als glatt pathetische Weise von Millionen Nichtheldinnen und Nichthelden mithandeln müssen, die Opfer und Publikum des historisch Entsetzlichen sind.

          Vielleicht hat Snyder das wirklich vergessen. Aber zumindest sein Batman und sein Superman sehen in ihrer Gerechtigkeitsdämmerung aus, als wüssten sie’s. Mit manchmal knapper, aber unter Aufbietung aller Kräfte gemeisterter Not darf man daher urteilen: kein schlechter Film.

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