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„Wonder Woman“ im Kino : Popcorn für Penthesilea

Bild: AP

Hier dürfen alle die Rollen spielen, in denen sie eh am besten sind, nur breiter und größer: Patty Jenkins erfrischt und belebt mit „Wonder Woman“ das Superheldenkino.

          Als sie das erste Mal einen nackten Mann sieht, ist die Amazone längst erwachsen. Sie überrascht ihn im Bad. Was ihr auffällt, ist seine Uhr. Der Überrumpelte erklärt, dass dieses Gerät ihm hilft, sich seinen Tag einzuteilen. Sie fragt: „Das kleine Ding sagt dir, was du zu tun hast?“ Ihr Blick geht dabei unter die Gürtellinie; die verschmitzte Zweideutigkeit gibt dem Rest der Beziehung den Ton vor: oft ironisch, heimlich süß, angefangen mit der Rettung des Mannes aus dem Meer vor der Küste der Amazoneninsel Themyskira. Die Frau heißt Diana, der Mann Steve Trevor, der Film „Wonder Woman“, die Regisseurin Patty Jenkins.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass Diana Männerselbstgewissheiten erschüttert, wo sie geht und steht, ist ihre viertstärkste Kriegsressource. Die anderen drei sind ein Lasso, das Gefesselte zwingt, die Wahrheit zu sagen, ferner ein Schwert zum Göttertöten und schließlich ein Paar Armbänder, das jeden Angriff zur Selbstverletzung des Angreifers wandelt, weil es die kinetische Energie der Attacke verdoppelt zurückgibt.

          Ein Mann sagt einmal, als er sie kämpfen sieht, dass ihn der Anblick gleichzeitig errege und ängstige. Der weibliche Blick der Regie auf den männlichen Blick, der in solchen Sätzen nervös blinzelt, macht die Szene mehrdeutig, witzig, stark, wie den Film insgesamt. Damit das klappt, muss die Heldin lachen, wenn sie über eine tödliche Schlucht gesprungen ist, und schon als Kind in jeden Abgrund hüpfen, der sich vor ihr auftut – wie abermals der ganze Film um sie herum, der seitwärts in sein Genre rutscht und manchmal wieder heraus, durchweg wild entschlossen, sich von diesem Genre seine eigene Meinung zu bilden. Manchmal ignoriert die Heldin einen Plot-Coupon einfach und rettet lieber Leute, die andere Krieger gar nicht beachten. Patty Jenkins hat mit solchen Erzählgesten zwar nicht, wie man manchmal hört und liest, den überhaupt allerersten Superheldenfilm in weiblicher Regie geschaffen, nicht mal den ersten gelungenen (das war die fabelhafte Lexi Alexander mit „Punisher: War Zone“ im Jahr 2008), aber doch einen, der das Genre verändern wird.

          Manchmal kann auch ein Götterkind ein fesches Männchen brauchen, das ihm gut zuredet: Steve Trevor (Chris Pine, links) spricht zu Diana (Gal Gadot).

          Superheldenfilme überzeichnen das, was im Kino auch in anderen Genres geboten wird, bis es quietscht, und plaudern aus, dass alles Kino aus Klischees besteht, die das Theater seit Jahrtausenden unter allerlei Kniffen zu verbergen gelernt hat, die im Kino nicht interessieren. Das Superheldenkino spielt seine Erzählfehler so laut, dass man sie plötzlich als Melodien hören kann, und seine Samples aus der Kinogeschichte inzwischen so kindlich frech, als hätte es sie in einer Wundertüte gefunden. Leidet etwa der klassische Sandalenfilm – sagen wir: von italienischen Herkules-Schmonzetten aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis zu Ridley Scotts „Gladiator“ (2000) – an Medienanachronismus, weil sein Filmtempo zu den erztheatralischen Stoffen nie recht passen will, so übertreibt „Wonder Woman“ diesen Effekt, indem hier akrobatische Kämpferinnen mit Pfeil und Bogen gegen ein deutsches Heer aus dem Ersten Weltkrieg in eine Schlacht geschickt werden, die Spielbergs Küstenmetzelszene aus „Saving Private Ryan“ (1998) mit Robert Siodmaks „The Last Roman“ (1968) verwechselt und beide mit Kinji Fukasakus „Battle Royale II: Requiem“ (2003).

          Der Spaß daran besteht darin, dass just dieses wüste Durcheinander eine Wahrheit über den Ersten Weltkrieg und über die Antike gleichermaßen mitteilt, nämlich dass beides geschichtliche Tatsachen waren, in denen die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung verschiedener Gesellschaften (Griechen, Barbaren, Deutsche, Russen) zu spektakulären Ergebnissen führte. Wenn das Superheldenkino-Besetzungsbüro seine Sache gut macht, führt jenes Übertreibungsprinzip auch dazu, dass Schauspielerinnen und Schauspieler in solchen Filmen genau die Rollen spielen, in denen sie eh am besten sind, nur breiter, größer. Chris Pines wunderschöne Augen waren noch nie strahlender als in „Wonder Woman“. Dass man für die winzige Nebenrolle der Penthesilea die Tänzerin und Fitness-Prophetin Brooke Ence verpflichtet hat, hätte Heinrich von Kleist einen schönen Hysterieanfall beschert. Und die erhabene Robin Wright spielt in „Wonder Woman“ das, was sie auch in „House of Cards“ darstellt, nur diesmal eben so explizit, dass es auch Kinder merken: eine Generalin.

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          „Wonder Woman“ hat vom Start weg Unmengen Geldes eingespielt. So wird der Menschheit durch Tausende von Texten gerade allerorten der Umstand ins Bewusstsein gerückt, dass die Entstehung und Geschichte der Comicfigur, von der dieser Film handelt, noch viel erstaunlicher ist als die Abenteuer, die sie seit 1941 erlebt. William Moulton Marston erfand sie, um Mädchen in Zeiten, da Wirtschaft und Krieg jungen Frauen mehr als nur häusliche Aufgaben stellten, ein dynamisches Vorbild zu schenken. Unter dem Pseudonym Charles Moulton, unterstützt vom Zeichner H.G. Peter, schickte er Diana auf eine lange Reise voller Erfolge und Niederlagen: Die erste Zusammenarbeit der Heldin mit der „Justice Society of America“, die nur aus Jungs besteht, erniedrigte sie noch zu deren Sekretärin; 1972 aber forderte die politische Frauenzeitschrift „Ms.“ auf dem Titel „Wonder Woman for President“, und drei Jahre später nahm das Fernsehen eine „Wonder Woman“-Serie mit Lynda Carter in der Titelrolle ins Programm, die wiederum die Künstlerin Dara Birnbaum zu einer Pionierarbeit feministischer Videokunst anregte: „Technology/Transformation: Wonder Woman“ (1978 und 1979), sechs Minuten, die nichts Geringeres als eine scharfe Gesamtkritik an massenkulturellen Geschlechterstereotypen per „Disidentifikation“ erreichen sollten – man kann das Werk derzeit in der Londoner Ausstellung „Into the Unknown“ sehen (F.A.Z. vom 8. Juni), es hat sich nicht schlecht gehalten und lädt zur aufgefrischten zeitgemäßen Analyse ein, wie sie in Buchform die Publizistin Jill Lepore 2014 dem „Wonder Woman“-Komplex insgesamt mit „The Secret History of Wonder Woman“ gewidmet hat (ein besseres Buch über Pop und Heroismus wird man lange suchen müssen).

          Der Comicverlag DC, der mit der Interpretation des Amazonenstoffs durch Patty Jenkins im Kino endlich wieder so gut aussieht wie zuletzt mit Christopher Nolans Batman-Epen, ist auf seine Prinzessin im Moment sehr stolz und vergisst dabei, dass er sie zwischen 1960 und 1987 eher stiefmütterlich behandelt hat. Autorinnen und Autoren, die sonst nichts zu tun hatten, wurden mit ihrem Schicksal betraut, bis sich vor dreißig Jahren schließlich der große George Pérez der Sache annahm. Die Pérez-Ära ist die schönste in Wonder Womans langer Geschichte, und Jenkins hat sich daraus erfreulicherweise visuell frei bedient, von den Kostümen bis zu den Bauten (die Paradiesinsel sieht im Film aus wie von Pérez persönlich, Klippe für Klippe, aufs Blatt gekratzt, jammerschade nur, dass man uns nicht auch noch seinen Olymp zeigt).

          Das Schwert sitzt locker bei ihr: Gal Gadot als Wonder Woman

          Der Film deutet, wie im Genre inzwischen üblich, jede Menge Fanwissen an, drängt es dem Kinovolk aber nicht auf – dass zum Beispiel seit kurzem Dianas lang vermutete Bisexualität offiziell DC-Kanon ist, wird nicht ausgesprochen, ist aber in einigen schnippischen Bemerkungen der Kriegerin zur Entbehrlichkeit von Männern zumindest ahnbar. Am elegantesten gelingt die Integration von Vorwissen ins Geschehen als Gutenachtgeschichte, mit der Dianas Mutter Hippolyta (Connie Nielsen), ihrer Tochter vermitteln will, dass nicht Kriegführung, sondern der dazu erforderliche Mut das Heroische ausmacht. Woher die Amazonen im DC-Filmuniversum kommen, wird in Gestalt animierter Ölgemälde erklärt: Die Mutter spricht, die Farben ringen miteinander, der bildliche Duktus ist der von bürgerlicher Malerei im Zeitalter des frühen Republikanismus, als man das Mittelalter mit gräzisierenden und romanisierenden Bildern erschlagen und darunter begraben wollte. Das Griechisch-Römische ist dem Humanismus seit jener Zeit lieb, und der „Wonder Woman“-Erfinder Marston war ein Erzhumanist, der fest an eine der langlebigsten und problematischsten griechischen Sagen glaubte, die sogenannte Demokratie.

          Deren Erzfeinde waren in Wonder Womans Geburtsstunde 1941 bekanntlich die Deutschen, und so sind sie’s auch im Film. Intelligenterweise nervt Jenkins nicht mit den typischen, längst totgefilmten Dutzendnazis, sondern verlegt die Handlung einen Weltkrieg weiter zurück. Wonder Woman darf dabei in genau dem Ausmaß amerikanisch sein, in dem sie sich griechisch anzieht und römisch heißt („Diana“), wie man in Washington ja architektonisch antik repräsentiert und dem Altertum mit den Namen politischer Institutionen (Senat!) huldigt. Gegen all das stellt der Film einen bestens bescheuerten Danny Huston als General Ludendorff und die giftige Elena Anaya als seine Chemiehexe. Dass „die Starken“ dann „die Schwachen“ vor solchen Monstern mit Gewalt schützen müssen, ist der Schuss Gegenwartsimperialismus, um den ein Film aus Hollywood heute nicht herumkommt, und dass die eindrucksvollen Schützengrabenszenen außerdem auf ein bisschen Waffenpornographie hinauslaufen, wird nur übelnehmen, wer nicht weiß, dass jeder Film, in dem Krieg stattfindet, schon qua Kulissenarrangement und Bildfindung leider immer auch sagt: Schlachtfelder sind schön. Damit müssen wir leben und das Beste draus machen.

          Das Beste an „Wonder Woman“ ist übrigens, das sagen überall alle und haben völlig recht, der Titelstar. Gal Gadot hebt die rechte oder linke Augenbraue wie einst Roger Moore als James Bond, nämlich um die Rolle zwar freundlich zu ironisieren, aber eben nicht zu veralbern. Sie freut sich über Eiscreme, sie gibt anderen Talenten im Zusammenspiel Raum, sie verschiebt den Unterkiefer, wenn sie sauer ist, sie staunt, sie wütet, trotzt und liebt – kurz, um es mit einer Superheldenfilmexpertiseformel zu sagen, die in der Fachsprache genau dasselbe bedeutet wie im Alltag: Diese Frau ist phantastisch.

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