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Videofilmkritik Robbie mit der Whiskynase

Ken Loach hat den Arbeiterfilm in Europa mitbegründet, aber ist längst nicht mehr der einzige Regisseur mit Klassenbewusstsein. Seine Komödie „Ein Schluck für die Engel“ huldigt dem Gerstenmalzbrand.

© Prokino, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: Ken Loachs „Ein Schluck für die Engel“

Vier Gestalten in geliehenen Kilts, drei Männer, eine Frau, unterwegs von Glasgow ins schottische Hochland. Vier Drop-outs, Knasties, Versager, verurteilt zu gemeinnütziger Arbeit, aufgegeben von der Gesellschaft, verschworen zu gemeinsamem Handeln. Was sie wollen? Whisky stehlen. Was sie brauchen? Mehr Glück, als das Leben im Normalfall bereithält. Und wer gewährt es ihnen? Der Mann mit dem gütigen Kinoblick, der Gott der kleinen Leute: Ken Loach.

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Gäbe es Loach nicht, klaffte im europäischen Film eine Lücke: Der klassenbewusste, sozialkritische, mit Humor gesättigte Arbeiterfilm wäre nicht da. So war es zehn, fünfzehn Jahre lang, von „Riff-Raff“ bis „My Name Is Joe“ und „The Navigators“. Aber stimmt das wirklich noch?

Das Klassenbewusstsein ist überall

Inzwischen gibt es das Deindustrialisierungskino eines Cédric Klapisch, Laurent Cantet und der Dardenne-Brüder, die spanische und italienische Melancholie von „Montags in der Sonne“ und „Tage und Wolken“, dazu den neuen postsozialistischen Realismus aus Polen und Rumänien. Klassenbewusstsein überall. Und Loach? Hält Kurs, macht weiter, bleibt seinen Anfängen treu.

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Genau darin liegt sein Problem. Wo seine Filme früher, wenn auch nicht formal, dann wenigstens thematisch überraschten, geht es heute oft nur noch darum, welches neue Puzzleteil er in das im Prinzip fertige Bild einfügt. Eine Start-up-Unternehmerin, die mit illegalen ausländischen Arbeitern Geschäfte macht (“It’s a Free World“); ein Eric-Cantona-Fan, der von seinem Idol unverhofft Lebenshilfe bekommt (“Looking for Eric“); ein Angestellter einer Sicherheitsfirma, der den Sarg seines im Irak getöteten Freundes nach Hause begleitet (“Route Irish“) - das sind die jüngsten Lieferungen aus der Loach-Factory, und wer mit dem Stil des Meisters einigermaßen vertraut ist, kann sich ohne große Mühe vorstellen, was ihn erwartet.

Auf die gute Nase kommt es an

Whisky also. Aber bevor „Ein Schluck für die Engel“, wie der deutsche Verleih den Originaltitel „The Angels’ Share“ zu- treffend übersetzt, seinen Höhepunkt in einer Lagerhalle erreicht, in der ein Fass des teuersten Gerstenmalzbrands der Welt auf den Auktionator wartet, stellt der Film in knappen Vignetten sein Personal vor, vor allem Robbie (Paul Brannigan), der mitbringt, worauf es in dieser Geschichte ankommt: ein ehrliches Gesicht und eine gute Nase.

Ersteres bewahrt ihn bei der Gerichtsverhandlung, die den Film eröffnet, vor einer Gefängnisstrafe und trägt ihm die Freundschaft seines Sozialarbeiters ein; Letztere bringt ihn auf die Spur des Whiskys, mit dem sich die gesellschaftliche Ordnung, die für einen wie Robbie nur einen Platz in der Ecke der Verlierer vorgesehen hat, korrigieren lässt.

Die Komödie erreicht mehr Zuschauer

Es ist kein Zufall, dass Loach, wenn er wie hier im Komödienton erzählt, jedes Mal mehr Zuschauer erreicht als mit seinen dramatischen Filmen. Und es ist auch kein Zufall, dass der soziale Realismus, den er für sich reklamiert, in seinen Tragödien überzeugender wirkt als in Komödien wie „Ein Schluck für die Engel“. Die Genauigkeit, mit der er in „The Wind that Shakes the Barley“ (für den er in Cannes die Goldene Palme bekam) die Schicksale zweier Brüder während der irischen Revolution oder in „Ae Fond Kiss“ die Wege eines britisch-pakistanischen Liebespaares nachzeichnete, fehlt der Geschichte Robbies, und die kennerischen Details über Whiskydestillation und -verkostung, mit denen der Film sich aufhält, sind dafür kein Ersatz. Es tut nicht gut, im Kino an der Hand genommen zu werden, schon gar nicht bei Loach.

Die Nase, an der Robbie die reichen Whiskynarren herumführt, dreht der Film in Wahrheit sich selber, weil er die Feinheiten, auf die es im engagierten Kino ankommt, mit groben Reizstoffen überdeckt. „Angels’ Share“ heißt das eine Prozent Destilliermasse, das jedes Jahr in den gelagerten Whiskyfässern verlorengeht. Der Anteil der Engel, das ist ein guter Ausdruck für die Präzision, die man in diesem Film vermisst.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.

 
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