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Video-Filmkritik „Paddington“ : Unentbärliche Moral

Bild: F.A.Z., Studiocanal

Wie man Europa den Pelz wäscht: Der „Paddington“ in Paul Kings Kinderbuchverfilmung gleicht zwar nicht ganz seinem literarischen Vorbild. Aber der sprechende kleine Bär ist trotzdem ein würdiger Held.

          Ein sprechender junger Bär aus Peru, der sein Zuhause verloren hat, beantragt in England formlos Asyl, findet Obhut bei einer leicht angeknacksten Familie und wird von einem fremdenfeindlichen Nachbarn bei einer psychotischen Tierpräparatorin denunziert. Die jagt den kleinen Kerl, fängt ihn und stopft ihn beinahe aus, am Ende aber entkommt er dem scheinbar sicheren Tod und der würdelosen Zurschaustellung im Museum knapp.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit den wunderbaren Kinderbüchern von Michael Bond, aus denen der Held dieser Geschichte stammt, hat der nach ihm benannte Kinofilm „Paddington“, der sie erzählt, etwa so viel zu tun wie Christopher Nolans „Interstellar“ mit dem Grimmschen Märchen von den Sterntalern. Das geht in Ordnung: Eine Leinwand ist der falsche Ort für die intime, minimalistische und zurückhaltende Erzählhaltung, die ein Buch braucht, damit man einem Kind zum Einschlafen daraus vorlesen kann, während man zusammen die Bilder anschaut. Kinderkino darf Jahrmarkt sein, und „Paddington“ wuchtet genügend Dröhnkreischklopper durch die Gegend, dass an dieser Front kein Wunsch offenbleibt.

          Der erhobene Zeigefinger an der animierten Tatze

          Auch die Regel, wonach Kino im Digitalzeitalter gern von seiner eigenen Vergangenheit handelt, wird bedient: Das „dunkelste Peru“, aus dem Paddington hier stammt, kennt man teils aus dem Pixar-Hit „Up!“ (2009), teils vom Waldmond Endor aus „Return of the Jedi“ (1993). Den Rest leisten Akrobatik, hin und wieder derber Humor (Ohrenschmalz! Wettsaufen mit einer alten Frau!) und eine dreifaltige politische Moral – Erstens: Wer’s im Leben gut hat, darf sich gegen Pechvögel nicht abschotten (ja, du bist gemeint, „Festung Europa“!). Zweitens: Wer unsere Hilfe braucht, gleicht uns, weil wir irgendwann alle Hilfe brauchen, das aber nicht wissen wollen, stets weit mehr, als wir aus dem Stand akzeptieren können. Drittens: Wenn Personen, die Gott zusammengeführt hat, einander ihre Liebe nach einigen Jahren der wechselseitigen Gewöhnung nur noch auf allzu routinierte und lasche Weise zeigen, braucht es manchmal einen Außenseiter, der das Verfahrene am Vertrauten durchschüttelt, bis es wieder funkt.

          Umzingelt von derlei weisen Lehren mitmenschlichen Anstands sieht am Ende selbst der Denunziant, Geizkragen, Spielverderber und Kryptofaschist von nebenan ein, dass man mit Tugend und Weltoffenheit weiterkommt als mit den hässlichen Ausscheidungsprodukten der schwarzen Galle. Kann man gleichzeitig Popcorn mampfen und sich ethisch belehren lassen? Klar, mit Computeranimation geht alles, zur Not passt auch an eine kleine Tatze ein erhobener Zeigefinger.

          Wenn sich in Kindern der Erwachsene regt

          Seine Lehrsätze führt der Film mit seinem Klamauk ohne Krampf fugenlos zusammen; das Bindemittel sind die schauspielerischen Leistungen des Ensembles, mit denen Filme, deren Hauptfigur eine Puppe, eine tanzende Zeichnung oder atmende Software ist, bekanntlich siegen oder untergehen: Hugh Bonnevilles Familienvater Mister Brown arbeitet vom ersten Moment an stringent auf die am Ende denn auch eintretende Erlösung aus seiner Spießerkruste hin; Sally Hawkins ist als seine Gattin fabelhaft verpeilt; Nicole Kidman liefert eine Erste-Sahne-Schurkin ab. Sie alle aber können froh sein, dass in der wichtigsten Nebenrolle eine absolute Ausnahmebegabung wirkt, der erhabene Charakterknitterkopf Peter Capaldi, derzeit wohl einer der besten britischen Schauspieler überhaupt, der nach Jahrzehnten fleißiger Selbstvervollkommnung eben jetzt, mit Mitte fünfzig, auf dem Gipfel seiner Kunst angelangt ist und vielleicht – wenn seine jüngsten Fernsehrollen und der Auftritt als Miesling in „Paddington“ ihm denn dazu verhelfen – auch auf dem Gipfel des verdienten Ruhms. Capaldi dient in „Paddington“ mit seiner differenzierten, aber deshalb nicht weniger witzigen Darstellung des sagenhaft unsympathischen Mister Curry einer Tugend, die in diesem Film auch seine Kolleginnen und Kollegen beweisen: Sie alle bringen und halten ein hocheffektives Hin und Her zwischen traurig und lustig in Gang, ein erwachsenes Squash-Spiel gegen kindgerecht papierdünne Trennwände zwischen Komödie und Tragödie.

          Das Bärchen, von Kidmans Betäubungswaffe abgeschossen, poltert eine Treppe herunter, und der Kinosaal erlebt einen Altersrollentausch: In den Erwachsenen erwacht das amoralische Kind, das sie mal waren – sie lachen übers Missgeschick des Helden – ; in den Kindern aber regen sich die Erwachsenen, die sie einmal sein werden – sie schluchzen auf, vor Mitleid. Genau so soll das sein.

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