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Video-Filmkritik „Tiger Girl“ : Man kann nie zu viele Berlins filmen

Bild: F.A.Z., Constantin Film

„Tiger Girl“, der neue Film von Jakob Lass, begleitet zwei junge Frauen in der deutschen Hauptstadt durch störrisch amoralische Dunkelheiten.

          Der deutsche Milieufilm ist an sich nichts furchtbar Cooles. Andererseits spucken Milieus verlässlich prägnante Typenbilder aus, das Kinotauglichste überhaupt. Soll man den deutschen Milieufilm also meiden oder wollen? Am besten, man entscheidet das praktisch: Einmal mit der Kamera in einen Berliner Lebensmitteldiscounter gelaufen, und schon zeigt sich eine junge Diebin mit Sturmfrisur, die ihr gestohlenes Zeug unter der Bomberjacke versteckt und dabei einer ebenso jungen Auszubildenden in der Sicherheitsbranche, die ausschaut, wie Björn Höcke sich ein deutsches Mädel vorstellt, herausfordernde Blicke zuwirft.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „Herausfordernd“ heißt hier mal nicht „emotional komplex geschielt“, wie im Sozialfilm sonst, wenn sich Blicke aus zwei Welten kreuzen, sondern meint ein schönes Gleichgewicht zwischen gewaltbereiter Provokation und erotischem Verführungspotential.

          Ein Nasebluten-Stream-of-Images

          „Tiger Girl“, der neue Spielfilm von Jakob Lass, der in „Love Steaks“ (2013) schon Menschenherzen mit vollem Mund hat sprechen lassen, erzählt die Geschichte zweier Frauen: Tiger (gesprochen „Taiga“, Berlin ist nämlich nach wie vor die östlichste, ja russischste amerikanische Großkleinstadt der Welt), gespielt von Ella Rumpf, klaut, flucht und raucht wie der Zusammenbruch des Jugendschutzes als Covermodel für Vogue, während Vanilla (den Namen verpasst ihr Tiger), gespielt von Maria-Victoria Dragus, mit anrührend unsicherer Verbissenheit gleichzeitig zu lernen versucht, wie man die Gesellschaft beschützt und ihr trotzt. Sie will zur Polizei oder zur Gebäudesicherung, irgendwas mit Uniformen und Waffen halt.

          „Tiger Girl“ ist ein Nasebluten-Stream-of-Images zwischen Dachbodenversteck und mit dem Metronom auf den Hintern gehauenen Kampfszenen, in einem Wort: Berlin. Das Wort ist allerdings deutungsbedürftig.

          Wenn man im Supermarkt von vornherein nicht bezahlen will, wird das Auswahlproblem nur noch größer: Tiger (Ella Rumpf) auf Warenjagd
          Wenn man im Supermarkt von vornherein nicht bezahlen will, wird das Auswahlproblem nur noch größer: Tiger (Ella Rumpf) auf Warenjagd : Bild: Constantin Film

          Bei Tom Tykwer in „Drei“ (2010) war Berlin eine Laborversuchsanordnung (Schwimmbad, Objektträger unterm Mikroskop, Bett). Bei Sebastian Schipper in „Victoria“ (2015) war Berlin ein aktiver Vulkangraben am Meeresboden des Ozeans menschlicher Sehnsüchte (Club, Parkhaus, Dächer). Bei Jakob Lass in „Tiger Girl“ ist Berlin einerseits zu weitläufig, um einander in Freundschaft oder Liebe festzuhalten, aber dann doch auch wieder zu eng, um den konfliktförmigen Zusammenprall selbst mit Menschen zu vermeiden, die einem eigentlich fremd sind.

          Die „Fogma“-Methode

          Die Handlung kommt ins Rollen, als Tiger die Auszubildende vor einem Polizeischüler, nun ja, rettet, der sie in leicht verpeiltem Zustand spätabends mit nach Hause nehmen will. Steil süß sind die Vorhaltungen, die aus dem Mund der Lebensklugen auf die Verschreckte einprasseln: Ahnungslos gehst du mit, dann kriegst du neun Monate später sein erstes Kind, dann das zweite, dritte, siebte, und wo ist das Leben hin?

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