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Video-Filmkritik „Schneemann“ : Kälte, Kater, Krimiklassik

  • -Aktualisiert am

Bild: Universal Pictures

Der Schauspieler Michael Fassbender muss im Thriller „Schneemann“ als kluger, aber kaputter Typ durch einen verzwickten Fall stapfen.

          Harry Hole ist ein Mann mit einem scharfen Auge. Wo alle anderen nur Blut sehen, auf dem Foto eines Mannes, der sich den Schädel weggeschossen hat, da sieht er die Kaffeebohne. Was macht diese Bohne so weit jenseits ihres Bestimmungsortes? Sie ist ein Zeichen, das vielleicht nur für ihn ausgelegt wurde. Vielleicht war da aber auch nur jemand zerstreut. Und, übrigens, wer hat eigentlich die Garage von innen verschlossen, in der ein halber Schädel (der fehlende Teil an einem toten Gynäkologen) nun die Decke und die Wände verdreckt? Die Arbeit eines Ermittlers erfordert scharfe Augen, mehr noch aber muss er sich hüten, den Zeichen so zu folgen, wie sie sich ihm darbieten. Denn sie wurden vielleicht nur für ihn ausgelegt. Es gibt nämlich Verbrecher, die etwas verbrechen, und dann gibt es Verbrecher, die etwas spielen, wenn sie etwas verbrechen. In Tomas Alfredsons Thriller „Schneemann“ ist Harry Hole der auserkorene Partner in einem schrecklichen Spiel, in dem sich der Kommissar aus Oslo erst als Mitspieler begreifen muss.

          Freie Bahn für Assoziationen

          Die Vorlage für „Schneemann“ ist ein Roman des norwegischen Bestsellerautors Jo Nesbo, dessen Konstruktion weitgehend erhalten blieb. Man sieht dem Film an, dass das Erfinden von Krimiplots ein bisschen der Arbeit eines Psychoanalytikers gleicht, der so lange die freien Assoziationen tanzen lässt, bis sie sich feinsäuberlich auffädeln lassen. Die Spur führt immer zurück, der Umweg ist die richtige Richtung. Zum Grundinventar von Krimis gehört ein beschädigter Held. Harry Hole könnte mit den Defekten im Grunde bei seinem Namen beginnen, auch wenn der in Norwegisch nicht so anstößig klingt wie auf Englisch.

          Wer möchte schon „Loch“ heißen? Heißt er aber nur auf dem Weltmarkt, daheim heißt er so was wie „Hügellandschaft“. In „Schneemann“ wird Harry von Michael Fassbender gespielt, einem der derzeit wohl attraktivsten männlichen Hauptdarsteller in der westlichen Welt. Fassbender gibt sich alle Mühe, in seinem durchtrainierten Körper und seinen klassischen Gesichtszügen einen Mann zu finden, der morgens verkatert in einem Häuschen auf einem Spielplatz aufwacht, auf dem sich gerade die ersten Mütter mit Kindern einfinden. Hole ist derangiert, macht aber dabei immer noch gute Figur, und wenn er später einem verschreckten Kind gegenübersitzt, dann stellt er seine Fragen so einfühlsam, als wüsste er über alle Verlassenheit auf dieser Welt Bescheid.

          Selbst als derangierter Kommissar anmutend: Michael Fassbender in „Schneemann“.

          Hole hätte gern wieder einmal einen Fall, auch wenn er gerade erst eine Woche unentschuldigt dem Dienst ferngeblieben war. Sein Chef vertröstet ihn mit einem Verweis auf die Statistik: In Oslo wird nun einmal nicht so häufig jemand umgebracht. Hole muss sich in Geduld üben, aber der Chef wird schon bald eines Schlechteren belehrt. Nicht nur verschwinden plötzlich Frauen spurlos, es tun sich auch Zusammenhänge auf zu früheren Vermisstenfällen. Und dann ist da noch dieses provokante Zeichen, das bei allen diesen Fällen nicht zu übersehen ist: Jemand hinterlässt immer einen Schneemann. Mit Zweigen als Händen, und die Augen sind aus Kaffeebohnen. (Wenigstens sind die Schneemänner in Norwegen schon dekarbonisiert, in Deutschland läuft da wohl weiter das Kohlezeitalter, und auch die Karottennase scheint man bei norwegischen Schneemännern nicht zu kennen.)

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