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Video-Filmkritik : Schach spielen, bis die Brille bricht

  • -Aktualisiert am

Madina Nalwanga als Phiona Mutesi Bild: Edward Echwalu

Aus dem ugandischen Slum ans Brett der großen Strategie: Mira Nairs Film „Queen of Katwe“ erzählt eine beinahe wahre Wunderkindgeschichte.

          Schach ist kein Spiel wie jedes andere. Schon gar nicht ist es eines dieser Spiele, mit denen man sich ruinieren kann, in schäbigen Kneipen oder Hinterzimmern. Schach ist ein Spiel, mit dem man sich in Sicherheit bringen kann. Das muss man der Mutter von Phiona Mutesi aber erst einmal erklären.

          Das Mädchen ist noch keine vierzehn Jahre alt und weiß kaum etwas von der großen Tradition des Brettspiels, für das es ein ungewöhnliches Talent hat. Die Mutter versucht, in einem Slum von Kampala, der Hauptstadt von Uganda, eine Familie ohne Vater durchzubringen, und auch ohne eines dieser eindeutigen Angebote anzunehmen, auf das sich die älteste Tochter Night eingelassen hat. Night lebt bei einem Mann, der ihre Ausgaben bestreitet, solange er ihrer nicht überdrüssig ist. Das Leben ist voll mit Problemen, und da soll Phiona sich mit weißen und schwarzen Figuren befassen? Sie ist mit Schach aber bald so vertraut, dass sie selbst auf der karierten Bettdecke, die ihren kleinen Bruder im Spital schützt, und mit Kronkorken an ihren Taktiken feilen kann.

          Der amerikanische Sportjournalist Tim Crothers hat die Geschichte von Phiona Mutesi aufgeschrieben, und er hat ihr den Titel gegeben, den nun auch die Verfilmung durch Mira Nair trägt: „The Queen of Katwe“. Katwe ist der Name des Slums, in dem Phiona aufwächst. Zu einer Königin wird sie, weil sie es mit den Königen von Gegnern aufnimmt, die unter deutlich besseren Voraussetzungen leben.

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          Zum Beispiel Pritchard, ein perfekter Nerd, der beste Schachspieler in einem College, zu dem Kinder aus Katwe niemals Zutritt haben würden. Wäre da nicht Robert Katende, ein ehemaliger Fußballspieler, der es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, mit „unterprivilegierten“ Kindern zu arbeiten. Diesen Euphemismus verwendet der zuständige Direktor im College, ein Vertreter der Elite in Uganda, der nur zögernd von seinen Vorurteilen Abstand nimmt. Robert schart eine kleine Gruppe von „Pionieren“ um sich, denen er trickreich die Teilnahme an ersten Turnieren ermöglicht, wo sie allesamt gute oder auf jedenfalls kuriose Figur machen. Phiona aber verblüfft alle. Sie gewinnt gegen Pritchard mit einer so aggressiven Strategie, dass der Junge vor Verlegenheit fast seine Brille zerbricht. Die ugandische Schachwelt hat einen neuen Star, und bald reicht der Ruf dieses Talents über die Grenzen des Landes hinaus.

          Die aus Indien stammende Filmemacherin Mira Nair kam Ende der 1980er Jahre nach Kampala, um für „Mississippi Masala“ zu recherchieren, in dem Denzel Washington einen exilierten Bürger Ugandas in Amerika spielte. Die Verbindungen in das afrikanische Land rissen danach nie ab, inzwischen lebt Mira Nair vorwiegend in New York und in Kampala.

          „The Queen of Katwe“ hat nur am Rande mit den neorealistischen Traditionen zu tun, von denen Mira Nair in ihrem bekanntesten Film „Salaam Bombay“ ausging. Es handelt sich hier eher um eine klassische, erbauliche Geschichte, in der die vielen Widerstände, die es zu überwinden gilt, nur pittoreske Randerscheinungen sind. Zum Teil wirken sie regelrecht aufgemalt, wie in einer Szene, in der Phionas Bruder von einem Motorrad angefahren wird. Und dass sie bei ihrer ersten Begegnung mit den Pionieren als „übelriechend wie ein Schwein“ verhöhnt wird, ist wohl auch eher eine erzählerische Behauptung, die ein wenig Getto-Touch in einem vor allem farbenprächtigen Film bringen soll.

          David Oyelowo als Robert Katende und Madina Nalwanga als Phiona Mutesi

          Es sind zwei Stars des neueren afroamerikanischen Kinos, die „The Queen of Katwe“ mit ihren Auftritten veredeln: David Oyelowo, der in „Selma“ Martin Luther King gespielt hatte, muss in der Rolle des Robert Katende allerdings ein solches Muster an Rechtschaffenheit und Selbstlosigkeit geben, dass man von einer schauspielerischen Herausforderung nicht wirklich sprechen kann.

          Und auch Lupita Nyong’o, bekannt aus „12 Years a Slave“, muss die Mutter von Phiona vor allem als Exempel an Integrität so interpretieren, dass daraus gleichsam die natürlichen Beschränkungen werden, die Phiona (Madina Nalwanga) mit ihrem außergewöhnlichen Talent dann doch überwinden helfen kann. Sie muss dazu allerdings auch Rückschläge verarbeiten, und sie muss lesen lernen – was sie als Verkäuferin auf dem Markt nicht benötigen würde.

          Die Vorlagen für die Figuren: Robert Katende und Phiona Mutesi beim Filmfestival von Toronto

          „The Queen of Katwe“ ist als Buch aus der Feder eines erfahrenen Sportjournalisten eher zu empfehlen als in der filmischen Form, die Mira Nair doch zu deutlich und vorschnell auf eine selbst noch im Detail vorhersehbare Dramaturgie gebracht hat und die es mit ihrem Kindchenschema auch ein bisschen zu bunt treibt. Am Ende sucht die Regisseurin den Schulterschluss mit den Figuren aus dem richtigen Leben, und sofort erwacht das Interesse auf eine ganz andere Weise. Aber das wäre dann eben auch in Sachen Kino ein ganz anderes Spiel: ein dokumentarisches, lebensnäheres Erzählen. Mira Nair aber spielt mit „The Queen of Katwe“ doch deutlich auf Nummer sicher.

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