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Kinofilm „Hagazussa“ : Fürchten? Vor was?

  • -Aktualisiert am

Bild: Forgotten Film

Blut, Feuer und Aberglaube: „Hagazussa“, Lukas Feigelfelds ungewöhnliches Regiedebüt, führt in ein finsteres Zeitalter und durchquert die Elemente des Unheimlichen.

          Auf einer Bergwiese in den Alpen hat eine Frau namens Swinda einen guten Ort gefunden – „a guats Platzerl“. Hier muss man sich nicht fürchten, meint sie, und ihre neue Freundin Albrun fragt arglos zurück: „Fürchten? Vor was?“ Da ahnt sie noch nicht, dass es gute Gründe gibt, sich vielleicht sogar vor Swinda zu fürchten, die so freundlich tut und die ihr sogar einen Apfel geschenkt hat. Die süße Frucht hat aber einen mächtigen symbolischen Beigeschmack, und mit dieser Macht vor allem bekommt Albrun es in dem Film „Hagazussa“ von Lukas Feigelfeld zu tun. In der Welt der kleinen Fernsehspiele und der mittleren Dramen, in der im deutschen Kino die meisten Regiekarrieren beginnen, ist „Hagazussa“ eine auffällige Ausnahme – ein Abschlussfilm an der Berliner Filmhochschule DFFB, der wissen will, was es mit der Bildmacht des Kinos auf sich hat. Bei den Bildern darf man an alle Schichten denken, an die sichtbaren und an die, die das Erleben daraus macht. Bilder sind hier vor allem trügerische Spiegel, so wie das Wasser in einem Sumpf, in das Albrun irgendwann steigt – und in das sie nicht einfach eintaucht, sondern in dem sie sich beinahe auflöst, in einer Elementarerfahrung am Rande der Träume.

          Ein altes Wort für Hexen

          Albrun ist in „Hagazussa“ zweimal anzutreffen – zuerst als Kind, später als alleinerziehende Mutter. In beiden Fällen lebt sie „abseitig“, in einer entlegenen Hütte. In beiden Fällen gibt es keinen Mann. Der schreckliche Tod der Mutter, den das Mädchen hilflos mitansehen muss, ist ein Vorbote späterer Schrecken. Albrun lebt in einer Epoche, die man am besten als „finsteres Zeitalter“ bezeichnen könnte, in einer christlich geprägten Welt, in der von Erlösung wenig zu spüren ist. Der grässliche Tumor, der ihrer Mutter aus der Seite wächst, ist auch ein Sinnbild für das Wuchern der Projektionen. „Hagazussa“ ist ein altes Wort für Hexen.

          Wo die Natur am dichtesten ist, geht der Blick nach innen: Ein unheimliches Kind weiß mehr, als es sagt.
          Wo die Natur am dichtesten ist, geht der Blick nach innen: Ein unheimliches Kind weiß mehr, als es sagt. : Bild: Forgotten Film

          So bekommt es Albrun, als sie später, nun erwachsen und selbst mit einer Tochter, mehr unter Menschen kommt, vor allem mit Vorurteilen zu tun: ihre Milch gilt als „verpestet“. Es ist, als ahnten die dummen Buben etwas von der Lust, die Albrun beim Ziegenmelken verspürt, von der Sinnlichkeit, mit der sie durch die Natur streift. Auf jeden Fall ahnt Swinda etwas davon, aber sie ordnet das nur in ihre beschränkte Logik ein. Im Sommer kann man die süßen Früchte essen, im Winter aber und in der Nacht muss man gewärtig sein, dass sich etwas zeigt, das einem aus allen Richtungen als fremd erscheinen kann: „Juden, Heiden“, wie die Tiere („Viecha“) drängen die Mächte um die Hütten.

          Lukas Feigelfeld hat sich für „Hagazussa“ von der Folklore im Salzkammergut inspirieren lassen, wo am Ende des Winters immer noch furchterregend aussehende Perchten herumziehen und wo einem der archaische Hintergrund der Erfahrung von Jahreszeiten und Tageslichtzyklen noch plausibel wirken kann. Es geht ihm dabei aber nicht um die geläufige Unterscheidung zwischen naiver Aufgeklärtheit und dem Schauer der Naturverfallenheit. „Hagazussa“ liest ganz einfach die Zeichen, die aus einer anderen „Ordnung der Dinge“ noch in der heutigen Welt vorhanden sind, und projiziert sie zurück in ein nunmehr deklariert artifizielles Mittelalter, zu dem der starke Soundrack der griechischen Experimentalformation „MMMD“ eine Menge beiträgt. Von Chamberdoom ist in diesem Zusammenhang gelegentlich die Rede, eine Mischung aus Kammermusik und Weltuntergangsdröhnen, das in „Hagazussa“ aber gut dosiert wird.

          Auch wenn Swinda (Tanja Petrovsky) nicht so aussieht: Sie kann das fürchten lehren.
          Auch wenn Swinda (Tanja Petrovsky) nicht so aussieht: Sie kann das fürchten lehren. : Bild: Forgotten Film

          Der Herrgottswinkel und das Beinhaus sind zwei dieser Zeichen, mit denen Feigelfeld arbeitet. In vielen Häusern im alpinen Raum findet man bis heute so einen christlich geprägten Andachtsort, an dem das Ewige im Zeitlichen und der Tod im Leben präsent gehalten wird. Albrun hat bei sich daheim auch einen solchen Herrgottswinkel, allerdings ohne viel Herrgott: sie hat den Schädel ihrer Mutter aufgehoben, in den Knochen ist ein Kranz eingraviert, man muss nur ein Weile vor diesem Privataltar verweilen, und schon ist die Phantasie wieder in alle Richtungen unterwegs. Dass in vielen Häusern die Schädelknochen von getöteten Tieren hängen (samt Hörnern, die ja als Trophäe gelten), ist ein weiteres Alltagsmoment, von dem sich „Hagazussa“ auf Zeitreise schicken lässt.

          Zwischen den Genres hält Feigelfeld dabei auch eine kluge Balance. Als bloßer Schocker wäre sein Film auch schnell wieder konventionell, als eine implizite, erzählerisch auf das Notwendigste reduzierte Reflexion auf die Bildmacht, von der das Horrorgenre zehrt, ist „Hagazussa“ aber ein erstaunlich souveräner Durchgang durch die Elemente des Unheimlichen. Schatten, Horn, Blut und Feuer lauten die Überschriften über die vier Kapitel, die sich nicht einfach vier Jahreszeiten zuordnen lassen, obwohl auch dieser Aspekt eine große Rolle spielt. Der stärkste Eindruck ist schließlich tatsächlich der einer fatalen Zyklizität, sodass man sich um die kleine Martha, die anfangs „pumperlgesund“ aussehende Tochter von Albrun, bald Sorgen machen muss. Mit seiner Kreislaufwirtschaft der Motive schafft Lukas Feigelfeld in „Hagazussa“ ein starkes Sinnbild für den Stand des Kinos im Zeitalter einer universalen, digitalen Metamorphotik: Es frisst sich ständig selbst auf.

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