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Video-Filmkritik : Bitte denken Sie sich die Liebe dazu

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Bild: dpa

Die Malerin Catherine Weldon reist um 1890 in den Wilden Westen, um Sitting Bull zu malen. Aber bitte nicht im Anzug! Der edle Wilde trägt Lendenschurz. Im Kino allemal.

          Herr Thathanka Iyotake, international besser bekannt als Chief Sitting Bull, hat seinen besten Anzug angezogen. Es soll ein Bild von ihm angefertigt werden, ein Porträt in bürgerlicher Manier. Die Malerin Catherine Weldon will aber einen richtigen Indianer, und das bedeutet Ende der 1880er Jahre eben bereits: einen falschen. Denn ein Lakota-Sioux in Lendenschurz und mit Federschmuck war damals schon so etwas wie Folklore. Im richtigen Leben war Sitting Bull zu diesem Zeitpunkt ein Kartoffelbauer, der Held der Schlacht vom Little Big Horn (als die Sioux ein letztes Mal gegen die neue amerikanische Zivilisation und ihre Soldaten einen blutigen Sieg erringen konnten) war in einem Reservat gefangen, abhängig von Nahrungsmittelrationen, die zunehmend knapper wurden, weil korrupte Behörden die Ureinwohner auf diese Weise unter Druck setzen wollten. Die Sioux sollten einem Allotment Act zustimmen, der Landraub wurde auf diese Weise offiziell, für Pfeil und Bogen, Tomahawk und Federschmuck würde es danach nur noch musealen Bedarf geben.

          Dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt eine Künstlerin aus New York ein Porträt des letzten großen Anführers der Lakota malen will, ist in vielerlei Hinsicht sinnbildlich, und so leuchtet es auch sofort ein, dass Susanna White auf Grundlage eines Drehbuchs von Steven Knight einen Film über diese historisch verbürgte Episode gedreht hat: Mit „Die Frau, die vorausgeht“ (Woman Walks Ahead) könnte man die lange Filmgeschichte von Sitting Bull offiziell enden lassen.

          Mit Whites Films schließt sich nämlich tatsächlich einmal ein Kreis, der im späten neunzehnten Jahrhundert mit einem Anachronismus beginnt. Denn Catherine Weldon, die auf eigene Faust in den Wilden Westen reist, um dort einen eingeborenen Amerikaner zu malen, ist selbst Vertreterin einer untergehenden Gattung. Sie arbeitet mit Leinwand und Pinsel in einer Zeit, als die Fotografie bereits etabliert ist. Von Sitting Bull gibt es einige berühmt gewordene Aufnahmen, und als er 1890 starb, da war das Kino schon ganz nahe – einer der ersten kurzen Filme der Edison Company zeigte wenige Jahre später einen „Sioux Ghost Dance“.

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          Catherine Weldon steht also auch für einen historischen Moment, nämlich für den Aufstieg einer Klasse und ihrer Selbstdarstellungspraxis. Ein Bild von Sitting Bull im Anzug und in Öl, das wäre ein historisches Alternativszenario zum Genozid gewesen, eine Eingemeindung der Indianer in die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Frontier – auch wenn diese Geschichte heute längst bei Walmart und Burger King angekommen ist und die Gründerzeitmonumente des neunzehnten Jahrhunderts in Amerika langsam verwittern.

          Aber für diese kulturhistorischen Ironien hat „Die Frau, die vorausgeht“ nur einen sehr ungefähren Sinn. Das zentrale Interesse von Susanna White ist ein geschlechterpolitisches. Catherine Weldon identifiziert sich mit den Indianern, und mit dieser Identifikation widersetzt sie sich der herrschenden Ordnung im Wilden Westen, die natürlich eine männliche Ordnung ist. Schon im Zug bekommt Weldon es mit der Arroganz eines Offiziers zu tun, der sie im Restaurantwagen flegelhaft darüber aufklärt, was sie im Land hinter dem Missouri erwartet. Der zuständige Offizier im Reservat Standing Rock unterlässt es, einen Brief von Catherine Weldon an Sitting Bull zuzustellen – auch das ein Motiv von bürgerlichem Verkehr, dem die harten Realitäten des Westens die Grundlage entziehen. Der Brief erreicht den Häuptling schließlich über einen Umweg, und bis zu der Begegnung der weißen Frau mit dem roten Häuptling sind noch eine Reihe weiterer Hürden zu überwinden, darunter auch die eine oder andere komische.

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