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Video-Filmkritik „Zero Dark Thirty“ Die Spur des Falschen

Foltern, um Informationen zu beschaffen: Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ über die Jagd auf Usama Bin Ladin ist die Suche nach der ganzen Wahrheit.

© Universal, F.A.Z. Video-Filmkritik: „Zero Dark Thirty“

Triumph sieht anders aus. Nicht wie diese Blutlache, auf die verängstigte Frauen und Kinder starren. Auch die durch Nachtsichtgeräte grün gefärbten Bilder, durch die Elitesoldaten der Navy Seals mehr als eine halbe Filmstunde lang mit ihrer schweren Ausrüstung am Körper und jenen Geräten vorm Gesicht geschlichen waren, bis sie das Zimmer erreichten, in dem sie die Zielperson mit dem Codenamen Geronimo endlich stellten, hatten nichts Heldisches an sich. Wir sahen Profis am Werk, die letzten in einer Kette von Staatsangestellten, die einen Job zu Ende brachten. Usama Bin Ladin ist tot. Und die Lache, das ist sein Blut.

Verena Lueken Folgen:

Der Preis, den Amerika für diesen Augenblick am frühen Morgen des 2. Mai 2011 bezahlt hat - um ihn dreht sich „Zero Dark Thirty“, der Film von Kathryn Bigelow, der in Amerika eine laute Debatte ausgelöst hat (F.A.Z. vom 22. Dezember 2012 ) und der am Donnerstag nun in die deutschen Kinos kommt. Den moralischen Preis, heißt das, aber auch den persönlichen. Ähnlich wie die Hauptfigur der Fernsehserie „Homeland“ bezahlt Maya, die CIA-Agentin in „Zero Dark Thirty“, ihre Obsession mit dem Aufspüren Bin Ladins, ihre Verstrickung in Verhältnisse, in denen Geheimnisse eine Währung sind, deren Verrat gewaltsam erpresst wird, mit vollkommener Einsamkeit.

Die Geschichte des Films ist die Geschichte einer jahrelangen Jagd, an der Hunderte Mitarbeiter verschiedener Geheimdienste auf sehr unterschiedliche Weise beteiligt waren. Im Film fließen sie in der Figur Maya zusammen, für die es möglicherweise aber auch ein reales Vorbild gibt. Alles in diesem Film hat einen doppelten Boden. Maya wird gespielt von Jessica Chastain, die für diese Rolle einen Oscar gewinnen könnte, und wir sehen ihr vor allem dabei zu, wie sie: schaut. Auf Verdächtige beim Verhör, auch unter Folter.

Regierungsinformation fürs Drehbuch

Auf Monitore, in Akten, auf Karten, wir sehen, wie sie Räume mit ihrem Blick abtastet oder ihre Augen in Aufzeichnungen gleichsam hineinschraubt. Als wir ihr das erste Mal begegnen, wird sie Zeugin und Mittäterin einer Folterung - an einem der geheimen CIA-Standorte irgendwo auf der Welt wird offenbar seit Tagen ein Mann „intensiv verhört“, wie die CIA das nennt. Und schon hier fällt der entscheidende Satz: „Partial information is treated as a lie.“

Das ist gleichsam die Sehanleitung zu diesem Film. Vier Bücher gibt es inzwischen über die Umstände der Verfolgungsjagd von Bin Ladin, und Regierung und Geheimdienste waren einigen Autoren gegenüber außerordentlich aufgeschlossen. Mark Bowden bekam für sein Buch „Killing Osama“ ebenso weitreichende Auskünfte wie Mark Boal, der Drehbuchautor, der „Zero Dark Thirty“ für Kathryn Bigelow geschrieben hat (wie zuvor schon das Drehbuch für ihren oscarprämierten Film „The Hurt Locker“). Man muss diesen Bezug auf die Aussagen und Dokumente der Beteiligten und Entscheidungsträger im „Krieg gegen den Terror“problematisch finden. Aber gibt es unabhängige Alternativquellen in diesem Fall? Die Frage ist also: Was haben Boal und Bigelow daraus gemacht?

Suche mit bruchstückhaften Bildern

Nicht das jedenfalls, was der aktuelle Direktor der CIA, Michael Morrell, für richtig gehalten hätte. Er gehört mit einigen amerikanischen Senatoren und einer Menge Kommentatoren zu den Kritikern des Films - weil die Rolle, die Folterungen bei der Beschaffung der entscheidenden Informationen spielten, die zu jener Szene am 2. Mai 2011 führten, übertrieben dargestellt sei und weil daher die amerikanische Öffentlichkeit in ihrer Wahrnehmung dieses wichtigsten Erfolgs bei der Terroristenjagd fehlgeleitet werde. Das klingt so, als hätte Kathryn Bigelow einen Auftrag zu erfüllen gehabt und sei dieser Aufgabe nur ungenügend nachgekommen.

Kathryn Bigelow hatte aber keinen Auftrag. Sie hat noch nicht einmal eine Agenda. Jedenfalls keine, die außerhalb des Filmemachens läge. Anders als Steven Spielberg hat sie nicht den Ehrgeiz, historische Ereignisse mit ihrer Signatur zu versehen, bis ununterscheidbar wird, was einmal da draußen, wo die Erde dampft und Blut fließt, geschehen ist und was wir dann im Kino sehen. Nein. Kathryn Bigelow denkt mit den Mitteln des Films darüber nach, was es heißt, auf ausgesuchte Informationen, auf bruchstückhafte Bilder angewiesen zu sein, wenn es um die Wahrheitsfindung geht - sei die Wahrheit die Identität Usama Bin Ladins oder sei sie der Hergang, der zu seiner Tötung führte. „A reported film“ nannte die Regisseurin „Zero Dark Thirty“ einmal, das weist auf ein Zwitterding hin, wie es hier gar nicht anders sein kann - eine begründete Annahme und Folgerung aus dem, was Boal in Erfahrung gebracht hat, hinter dem aber die Möglichkeit spürbar bleibt, es könnte noch etwas geben, das niemand wissen darf.

Kein Film über Folter

“Based on firsthand accounts of actual events“ - dieser Text ist dem Film vorgeschaltet. Das heißt aber nicht, wir hätten von nun an mit reinen Fakten zu rechnen, selbst wenn tatsächlich „firsthand accounts of actual events“ folgen, nämlich zu schwarzer Leinwand die Stimmen von Opfern des 11. September 2001, Tonbandaufnahmen von Notrufen voller Angst, ein Stimmengewirr, das auf keinen Effekt hin geschnitten ist und das irgendwann einfach abbricht. Das ist der Prolog. Ohne Bild.

Die erste Szene, die wir sehen, ist eine Folterung. Und sehr viel später ist das Stück Information, das schließlich den entscheidenden Hinweis auf Bin Ladins Unterschlupf hergibt, ein falscher Name: Abu Ahmed al-Kuwaiti (Tushaar Mehra), der Kurier zum pakistanischen Versteck. „Zero Dark Thirty“ ist kein Film über die Folter. Ohne jedes erzählerische Ornament fragt er, was das ist, die ganze Wahrheit, wenn nur Bruchstücke von Informationen zur Verfügung stehen. Der Film ist sozusagen ein Film über sich selbst. Intelligent. Brillant.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.

 
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