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Video-Filmkritik : Zeit und Zufall: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“

Bild: Warner Bros.

Ein Held, dessen Leben chronologisch in die falsche Richtung verläuft: David Finchers „Benjamin Button“ mit Brad Pitt erzeugt mit seiner Digitalkunst überwältigend wirklich scheinende Ergebnisse - und wäre doch nichts ohne seine echten Schauspieler.

          Am Tag, an dem der Erste Weltkrieg endet, wird im Bahnhof von New Orleans eine Uhr enthüllt. Über viele Jahre hinweg hat ein Uhrmacher, der seinen Sohn im Krieg verloren hat, an ihr gearbeitet. Es ist eine prächtige, bronzegefasste Uhr mit römischen Ziffern, und sie geht rückwärts. Nur der Film, der als Zeitmaschine immer gut funktioniert hat, kann zeigen, was dann passiert. Im fernen Europa stehen die gefallenen Soldaten wieder auf, die Kugeln fliegen zurück in die Gewehrläufe, die Schlachtfelder grünen, die Soldaten kommen nach Haus.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass am selben Abend ein Kind geboren wird, das die Haut eines Greises hat, vom Star trübe Augen, schütteres Haar, Arthritis und alle möglichen anderen Altersbeschwerden, hat strenggenommen mit der Uhr nichts zu tun. Auch wenn das Kind, das Benjamin genannt wird, seine eigenen Probleme mit dem Lauf der Zeit hat. Es ist schon alt, als es auf die Welt kommt, dann wird es Jahr für Jahr jünger, um am Ende im faltenlosen Körper eines Babys mit dem dementen Geist eines uralten Mannes zu sterben.

          Baby ohne Erinnerung

          F. Scott Fitzgerald schrieb unter dem Titel „The Curious Case of Benjamin Button“ im Jahr 1921 (angeregt von einer Idee von Mark Twain, der bekanntlich sagte, es sei eine Schande, die Jugend an die Jugend zu verschwenden) und verkaufte sie für die damals unvergleichliche Summe von tausend Dollar an die „Saturday Evening Post“, aber mit der Geschichte hat der gleichnamige Film von David Fincher nur dieses Element gemein: den Helden, dessen Leben chronologisch in die falsche Richtung läuft. Fitzgerald knüpfte an diese Idee sechsundzwanzig Seiten teilweise außerordentlich boshafter Beobachtungen über das Alter und dessen miserables Ansehen in der Gesellschaft, meditierte dabei keineswegs über die Zeit und wie alles vergeht außer, vielleicht, die Liebe - und nur am Ende bemerkt man eine gewisse Wärme für die Figur, die er erfunden hatte, weil er Geld brauchte, und die er nun sterben lässt, achtzig Jahre alt, als Baby ohne Erinnerung.

          Das Leben, das Benjamin zwischen seiner merkwürdigen Geburt und seinem ebenso seltsamen Tode führt, ist im Film ein völlig anderes als in dieser Geschichte, die Menschen, die er trifft, haben mit Fitzgeralds Personal keine Ähnlichkeit, und was er erlebt, entspringt der Phantasie des Drehbuchautors Eric Roth. Der hat das Ganze außerdem von Baltimore nach New Orleans verlegt und mit einer Rahmenhandlung versehen, die 2005 kurz vor Ausbruch des Hurrikans „Katrina“ spielt und der Geschichte eine Anmutung von „Es war einmal ...“ gibt. „Mein Name ist Benjamin Button“, so hebt der Erzähler (im Original die Stimme von Brad Pitt) an, „und ich wurde unter ungewöhnlichen Umständen geboren.“

          Ein anderes Kaliber

          Roth ist mit seinem Drehbuch für „Forrest Gump“ berühmt geworden. Wie dieses, so ist auch sein Buch für Fincher nicht frei von Sentimentalitäten, und es läuft ähnlich gut geschmiert von einer Episode in die nächste. Aber Fincher ist ein anderes Kaliber von Regisseur als „Gumps“ Robert Zemeckis, und abgesehen davon, dass Finchers Filme einen kinetischen Fluss erzeugen, von dem Zemeckis kaum träumen kann, unterscheidet die beiden etwa, dass Fincher ohne Roth wahrscheinlich niemals 140 Millionen Dollar von einem Studio bekommen hätte, um einen Film zu drehen. Einen nicht geringen Teil dieses Budgets hat er dazu benutzt, aus Brad Pitt einen Greis zu machen, der in eine Wiege passt.

          Die Technik, die es ermöglicht, auf den Körper verschiedener Schauspieler kleiner und dann mittlerer Größe einen Kopf zu setzen, dessen Züge aus einer Art digitaler Essenz von Brad Pitt gewonnen wurden, und ihre Bewegungen ebenfalls mit seinen digital destillierten zu verschmelzen, erzeugt überwältigend wirklich scheinende Ergebnisse. Dennoch markiert der Augenblick, in dem Brad Pitt höchstselbst den Film betritt, den Beginn einer anderen Textur und einer Melancholie, die dem Film bis dahin fehlte.

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