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Video-Filmkritik : Wo die Lüge beginnt

Bild: dpa

Hier ist alles möglich und nichts: François Ozons Film „Der andere Liebhaber“ erzählt vom Sieg der Imagination über die Wirklichkeit. Wenn man das merkt, ist es eigentlich schon zu spät.

          Es gibt heute nur noch wenige Filme, die mit ihren Bildern ein Tabu brechen. François Ozons „Der andere Liebhaber“ gehört dazu. In der ersten Einstellung sieht man den Kopf einer Frau, die sich ihre langen Haare abschneiden lässt. Dann folgt die Nahaufnahme eines Speculums, eines gynäkologischen Instruments, das sich aus dem Inneren einer Vagina zurückzieht. Schließlich, im gleichen Format, der Blick auf ein senkrecht stehendes Auge. Beschneidung, Penetration, Verwandlung, das alles handelt der Film in der ersten Minute ab. Sein Regisseur kommt aus Frankreich, aber er folgt der alten amerikanischen Maxime, dass man im Kino mit einem Knall anfangen und dann die Spannung langsam steigern muss.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die junge Frau, die der Film zur Frauenärztin begleitet, leidet unter chronischen Bauchschmerzen. Die Ärztin rät Chloé (Marine Vacth), zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Dort, in der Praxis von Paul (Jérémie Renier), spult Chloé in Kurzform ihr Leben ab: Einzelkind, ungewollt, Entfremdung von der Mutter, Jobs als Model, wechselnde Beziehungen, jetzt allein und arbeitslos. Paul hört zu, fragt nach, dann, als Chloé eine Arbeit gefunden und ihr Zustand sich gebessert hat, erklärt er ihr, er müsse die Behandlung abbrechen, bei ihm seien Gefühle im Spiel. Die beiden küssen sich. Einen Filmschnitt später ziehen sie zusammen.

          Wenn Kino die Kunst ist, mit Bildern zu tricksen, ohne den Rahmen des physikalisch Möglichen zu sprengen, dann ist François Ozon ihr Meister. Was immer sich auf der Leinwand mit einer Geschichte anstellen lässt, hat Ozon angestellt: eine Erzählung im Krebsgang („5 x 2“), einen Reigen von Jahreszeiten („Jung & schön“), Akten („Tropfen auf heiße Steine“) und Gesangsnummern („Acht Frauen“). Parallel dazu hat Ozon die verschiedenen Genres durchprobiert: hier eine deftige Komödie („Das Schmuckstück“), dort ein leises Kammerspiel („Unter dem Sand“), ein schwarzweißes Nachkriegsdrama („Frantz“), ein Kostümstück unter Viktorianern („Angel“), eine Voyeursparabel („In ihrem Haus“), eine Crossdressing-Tragödie („Eine neue Freundin“).

          Chloé sucht bei einem Psychotherapeuten nach Antworten. Dann gerät die Erzählung aus der Balance.

          Auf den ersten Blick gibt es keinen roten Faden in diesem scheinbar bunt zusammengewürfelten Werk. Und doch erkennt man einen Ozon-Film fast jedes Mal mühelos. Man spürt es an der Art, wie die Erzählung aus der Balance gerät, wie das Geschehen, an das zu glauben wir gewohnt sind, plötzlich in den Konjunktiv kippt. Bei Ozon fängt das Kino an, zu lügen. Es stellt Bilder wie Kulissen in den Raum und baut sie wieder ab. Die zarte Freundschaft zwischen dem Franzosen und dem Deutschen in „Frantz“ hat es nie gegeben. Der Mord, den „Swimming Pool“ zeigt, ist eine Erfindung der Heldin des Films. Aber in dem Augenblick, in dem wir ihn sahen, war er dennoch real. Die Verdoppelung des Fiktionalen bei Ozon ist kein Durchbruch zu einer neuen Wirklichkeit. Im Gegenteil: Sie führt noch tiefer ins Als-ob des Kinos hinein, an jenen Ort, den Nietzsche als Olymp des Scheins bezeichnet hat. Hier ist alles möglich und nichts. Die Realität grenzt direkt an den Traum. Das Unbewusste drängt an die Oberfläche. Die Dinge und Menschen beginnen zu flimmern.

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