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Video-Filmkritik : Weltflüchtlinge in der Bar der Moderne: „Le Havre“

Bild: Pandora

Aki Kaurismäkis Film „Le Havre“ ist eine poetische Geschichte über Migration und Globalisierung. Einen Schuhputzer und ein Flüchtlingskind verzurrt er zu einem märchenhaften Gespann.

          Die französische Industriestadt Le Havre besitzt ein von Oscar Niemeyer entworfenes Kulturzentrum, eine Kathedrale und einen Justizpalast aus dem sechzehnten Jahrhundert, ein Rathaus mit einem zweiundsiebzig Meter hohen Turm und die größte Schrägseilbrücke Europas, den Pont de Normandie an der Mündung der Seine. Nichts von alldem sieht man in Aki Kaurismäkis neuem Film „Le Havre“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Stattdessen lernen wir Marcel Marx (André Wilms) kennen, einen Schuhputzer, und seine krebskranke Frau Arletty (Kati Outinen). Die beiden wohnen am Stadtrand in einem winzigen, blaugestrichenen Haus, dessen Inneres wie ein Museum des Alltags der fünfziger Jahre aussieht: der klobige Spülstein, die klotzigen Schränke, die Blümchendecken, die Stühle, das Bett. Wenn Marcel, der sein Gewerbe im Hauptbahnhof und vor den Schuhgeschäften der Stadt ausübt, abends nach Hause kommt, muss er sich Brot und Gemüse bei den Ladenbesitzern in der Nachbarschaft zusammenschnorren, aber seine Frau zieht dennoch für ihn die karierte Schürze an und stellt eine Flasche Wein auf den Tisch. Anschließend geht er in die Bar „La Moderne“, während Arletty seinen groben Wollanzug bügelt und seine Schuhe wienert, bis sie glänzen.

          Es ist die Welt des Finnen Aki Kaurismäki: ein Paralleluniversum, das vollkommen künstlich ist und zugleich ganz real. Seit Kaurismäki vor dreißig Jahren anfing, Filme zu drehen, haben alle seine Figuren in dieser Welt gelebt. Und obwohl die meisten Kaurismäki-Geschichten in Helsinki spielen, reicht der Blick des Regisseurs weit über die finnische Hauptstadt hinaus: London („I hired a Contract Killer“) liegt ebenso in Kaurismäkiland wie Paris („Das Leben der Bohème“), Tallinn („Tatjana“) und sogar die amerikanische Provinz („Leningrad Cowboys go America“). Kaurismäkis Kino, könnte man sagen, ist in seiner Heimatlosigkeit so fest verwurzelt, dass es überall ein Zuhause findet.

          Der Film kippt ins Märchenhafte

          Nun also Le Havre. Es ist die Stadt, in der Marcel Carné 1938 „Hafen im Nebel“ drehte, mit Jean Gabin, den er ein Jahr später mit der Schauspielerin Arletty für „Der Tag bricht an“ vor die Kamera holte; also ein Erinnerungsort des Kinos. Und es ist der zweitgrößte Handelshafen Frankreichs, ein Wirtschaftszentrum, ein Brennpunkt der Globalisierung. Beides bringt „Le Havre“ zusammen. Eines Nachts hört ein Wachmann im Containerhafen Klopfgeräusche aus einer der Metallboxen, am nächsten Morgen sind die Polizei da, die Presse, ein Krankenwagen, ein Schlosser und Spezialkommandos mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen. Dann öffnet sich die Klappe des Containers.

          Und wieder kippt der Film ins Märchenhafte. Denn hinter der Tür sind keine ausgehungerten, verdurstenden, halberstickten Flüchtlinge, sondern stolze Menschen mit sauberen Kleidern, wachen Augen und dunkler Haut. Ein Greis nickt einem Jungen aufmunternd zu. Der Junge nimmt die Beine in die Hand, flieht aus dem Containerterminal und versteckt sich unter der Kaimauer am Fischereihafen. Dort entdeckt ihn Marcel Marx.

          Das Realitätsprinzip von Kaurismäkiland

          Die Achillesferse von Kaurismäkis Methode ist ihr Verhältnis zur Realität. Wenn seine Geschichten der wirklichen Welt zu nahe kommen, verlieren sie ihren Eigengeruch, wenn sie sich zu weit von ihr entfernen, werden sie steril. Kaurismäkis letzter Film „Lichter der Vorstadt“, die Elendspassion eines Wachmanns in einem Neubauviertel von Helsinki, wirkte ästhetisch so gelackt wie erzählerisch brav. Dass sie von ihrem Stil, ihrem Tempo, ihren Themen nicht loskommen, ist das Schicksal aller großen Regisseure, aber bei Kaurismäki, der seine magischsten Kino-Partien immer auf engstem Raum gespielt hat, wird das alte Künstlerproblem mit jedem Film zur Existenzfrage. Er muss sich wiederholen, er muss seine verwunschenen Bildergärten schützen; aber nicht zu sehr, sonst welken und schwinden sie dahin.

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