08.09.2011 · Aki Kaurismäkis Film „Le Havre“ ist eine poetische Geschichte über Migration und Globalisierung. Einen Schuhputzer und ein Flüchtlingskind verzurrt er zu einem märchenhaften Gespann.
Von Andreas KilbDie französische Industriestadt Le Havre besitzt ein von Oscar Niemeyer entworfenes Kulturzentrum, eine Kathedrale und einen Justizpalast aus dem sechzehnten Jahrhundert, ein Rathaus mit einem zweiundsiebzig Meter hohen Turm und die größte Schrägseilbrücke Europas, den Pont de Normandie an der Mündung der Seine. Nichts von alldem sieht man in Aki Kaurismäkis neuem Film „Le Havre“.
Stattdessen lernen wir Marcel Marx (André Wilms) kennen, einen Schuhputzer, und seine krebskranke Frau Arletty (Kati Outinen). Die beiden wohnen am Stadtrand in einem winzigen, blaugestrichenen Haus, dessen Inneres wie ein Museum des Alltags der fünfziger Jahre aussieht: der klobige Spülstein, die klotzigen Schränke, die Blümchendecken, die Stühle, das Bett. Wenn Marcel, der sein Gewerbe im Hauptbahnhof und vor den Schuhgeschäften der Stadt ausübt, abends nach Hause kommt, muss er sich Brot und Gemüse bei den Ladenbesitzern in der Nachbarschaft zusammenschnorren, aber seine Frau zieht dennoch für ihn die karierte Schürze an und stellt eine Flasche Wein auf den Tisch. Anschließend geht er in die Bar „La Moderne“, während Arletty seinen groben Wollanzug bügelt und seine Schuhe wienert, bis sie glänzen.
Es ist die Welt des Finnen Aki Kaurismäki: ein Paralleluniversum, das vollkommen künstlich ist und zugleich ganz real. Seit Kaurismäki vor dreißig Jahren anfing, Filme zu drehen, haben alle seine Figuren in dieser Welt gelebt. Und obwohl die meisten Kaurismäki-Geschichten in Helsinki spielen, reicht der Blick des Regisseurs weit über die finnische Hauptstadt hinaus: London („I hired a Contract Killer“) liegt ebenso in Kaurismäkiland wie Paris („Das Leben der Bohème“), Tallinn („Tatjana“) und sogar die amerikanische Provinz („Leningrad Cowboys go America“). Kaurismäkis Kino, könnte man sagen, ist in seiner Heimatlosigkeit so fest verwurzelt, dass es überall ein Zuhause findet.
Der Film kippt ins Märchenhafte
Nun also Le Havre. Es ist die Stadt, in der Marcel Carné 1938 „Hafen im Nebel“ drehte, mit Jean Gabin, den er ein Jahr später mit der Schauspielerin Arletty für „Der Tag bricht an“ vor die Kamera holte; also ein Erinnerungsort des Kinos. Und es ist der zweitgrößte Handelshafen Frankreichs, ein Wirtschaftszentrum, ein Brennpunkt der Globalisierung. Beides bringt „Le Havre“ zusammen. Eines Nachts hört ein Wachmann im Containerhafen Klopfgeräusche aus einer der Metallboxen, am nächsten Morgen sind die Polizei da, die Presse, ein Krankenwagen, ein Schlosser und Spezialkommandos mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen. Dann öffnet sich die Klappe des Containers.
Und wieder kippt der Film ins Märchenhafte. Denn hinter der Tür sind keine ausgehungerten, verdurstenden, halberstickten Flüchtlinge, sondern stolze Menschen mit sauberen Kleidern, wachen Augen und dunkler Haut. Ein Greis nickt einem Jungen aufmunternd zu. Der Junge nimmt die Beine in die Hand, flieht aus dem Containerterminal und versteckt sich unter der Kaimauer am Fischereihafen. Dort entdeckt ihn Marcel Marx.
Das Realitätsprinzip von Kaurismäkiland
Die Achillesferse von Kaurismäkis Methode ist ihr Verhältnis zur Realität. Wenn seine Geschichten der wirklichen Welt zu nahe kommen, verlieren sie ihren Eigengeruch, wenn sie sich zu weit von ihr entfernen, werden sie steril. Kaurismäkis letzter Film „Lichter der Vorstadt“, die Elendspassion eines Wachmanns in einem Neubauviertel von Helsinki, wirkte ästhetisch so gelackt wie erzählerisch brav. Dass sie von ihrem Stil, ihrem Tempo, ihren Themen nicht loskommen, ist das Schicksal aller großen Regisseure, aber bei Kaurismäki, der seine magischsten Kino-Partien immer auf engstem Raum gespielt hat, wird das alte Künstlerproblem mit jedem Film zur Existenzfrage. Er muss sich wiederholen, er muss seine verwunschenen Bildergärten schützen; aber nicht zu sehr, sonst welken und schwinden sie dahin.
Aus diesem Dilemma hat sich Kaurismäki mit „Le Havre“ auf wundersame Weise befreit. Die Geschichte steht und fällt mit der Begegnung des alten Schuhputzers und des jungen Flüchtlings aus Afrika. Aber so flüchtig und zerbrechlich diese Zweckfreundschaft auch ist, hält sie doch den ganzen Film im Gleichgewicht - nicht nur, weil André Wilms und der zehnjährige Blondin Miguel einander perfekt ergänzen, sondern auch, weil sich in ihnen zugleich das Realitätsprinzip von Kaurismäkiland verkörpert.
Zusammentreffen von Kinofiktionen
Denn Marcel Marx ist selbst ein Zitat, er stammt aus Kaurismäkis „Leben der Bohème“ von 1991 (so wie Evelyne Didi, die Darstellerin der Bäckerin Yvette), und dass ihn der Regisseur mit seiner Lieblingsschauspielerin Kati Outinen verheiratet, stellt sozusagen den Gipfel der Selbstbezüglichkeit dar. Aber auch Idrissa, der Junge aus dem Container, ist kein naturalistisch gezeichnetes Migrantenkind, sondern dessen veredelte, gleichsam durch die Brille des klassischen Melodramas gesehene Version. Fügsam, gutwillig und doch selbstbewusst, wie er auftritt, hat Idrissa etwas von einem Schutzengel; als er Arletty im Krankenhaus besucht, erscheint es fast unvermeidlich, dass sie geheilt werden wird, auch wenn die Art, wie Kaurismäki dieses Wunder inszeniert, dann doch wieder überrascht.
Es sind also zwei reine Kinofiktionen, die hier zusammentreffen. Und dennoch spricht dieses märchenhafte Gespann eindringlicher zu uns als die Fernsehbilder vom Flüchtlingselend in Nordfrankreich, die der Film gelegentlich einblendet - vielleicht gerade deshalb, weil es so märchenhaft, so unwahrscheinlich ist. Die ganze Wahrheit über den Preis der Globalisierung können wir im Kino ohnehin schon lange nicht mehr ertragen. Was wir verkraften können, zeigt Kaurismäki in „Le Havre“: eine Saga vom Sieg der Humanität über die Ökonomie.
Wie einem Melville-Film entsprungen
Auf der Suche nach Idrissas Familienangehörigen reist der Schuhputzer per Bus und Taxi in ein Abschiebeheim bei Dünkirchen; um die Schiffspassage des Jungen nach London zu bezahlen, organisiert er ein Benefizkonzert (mit einem Rocksänger namens Little Bob, den es wirklich gibt, obwohl er wie eine Erfindung von Kaurismäki wirkt); und um den Jungen vor den Häschern in Uniform zu schützen, mobilisiert er die Ladenbesitzer seines Viertels. Ein Inspektor namens Monet, der mit seinem schwarzen Hut und Mantel, seinen Handschuhen und dem Schnurrbart aussieht, als wäre er einem alten Melville-Film entsprungen, hilft ihm wider Erwarten dabei, und als die beiden am Ende gemeinsam einen Calvados trinken gehen, ist das der Anfang einer wunderbaren Männerfreundschaft wie einst in „Casablanca“.
Der kleine Idrissa aber entkommt aus Le Havre. Als er vom Boot, das ihn nach England bringt, zum Ufer zurückblickt, sieht man die Stadt zum ersten Mal so, wie sie gesehen werden will: die glitzernden Häuserfronten, die Brücken, die Bürotürme, Hotels und prächtigen Alleen. Irgendwo dort drüben, hinter den Fassaden, liegt Kaurismäkiland. Möge es noch lange weiterbestehen.
"Betroffenheitsschnulze"
Frank Selig (fmselig)
- 08.09.2011, 21:38 Uhr
mit diesen betroffenheitsschnulzen ist "keinem schwein" mehr gedient.
nikolaus hesse (firenzass)
- 08.09.2011, 01:36 Uhr