21.07.2010 · Ein Agentenfilm müsste entweder so albern sein wie „Austin Powers“, oder so stringent wie in die „Bourne“-Trilogie. „Knight and Day“ mit Tom Cruise und Cameron Diaz versucht sich am Sowohl-als-auch.
Von Peter KörteEs gab ja auch in Amerika mal eine Zeit, an welche sich die Älteren noch erinnern werden, da kam man dort mit den vier Jahreszeiten ganz gut aus, wie wir Europäer auch. Doch auf einmal, in den fernen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, geriet der Sommer aus den Fugen.
Das lag nicht am Wetter, das war sonnig und schön auch an der amerikanischen Ostküste, die Strände waren voll - doch im nächsten Augenblick waren sie wie leergefegt, nachdem ein weißer Hai seine Flosse aus dem Meer gereckt hatte. Und diese panische Massenflucht brachte die Herrscher von Hollywood auf eine geniale Idee: Man könnte ja all die Flüchtenden auch einfach ins Kino umleiten, wenn man ihnen nur das richtige Spektakel böte.
Und so begann, im Jahr 1975, mit Steven Spielbergs Film „Der weiße Hai“, nicht nur die Geschichte des Sommer-Blockbusters, sondern auch Amerikas fünfte Jahreszeit: der Kinosommer. Auf den Hai folgten Sternenkrieger und weitere Außerirdische, später auch Dinosaurier, Fledermausmänner und andere Monstrositäten, und über die Jahre wurde das Sommerkino zu einem der beliebtesten Stammesrituale der amerikanischen Populärkultur: Ende Mai beginnend, um am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, einen Höhepunkt zu erreichen und erst Ende August langsam wieder zu Ende zu gehen.
In Europa hat sich diese Kalenderreform nie ganz durchgesetzt, weil die Menschen lieber in den Urlaub fahren oder ins Freibad gehen. Selbst die PR-Anstrengungen der großen amerikanischen Verleihe haben das Besucherverhalten in den letzten drei Jahrzehnten nicht komplett dem amerikanischen Modell angleichen können, obwohl es zum martialischen Begriff des Blockbusters ja gehört, dass er flächendeckend eingesetzt wird, und obwohl der Erfolg der Sommerfilme immer stärker von den Einspielergebnissen im Rest der Welt abhängig geworden ist. Weshalb man, ob nun WM ist oder nicht, hartnäckig und nicht ohne Erfolg versucht hat, den Zeitraum zwischen den Kinopremieren in Amerika und Europa immer weiter zu verkürzen.
Risiko und Rendite
Mittlerweile gehört allerdings auch das Sommerkino schon fast zu den verwelkenden Mythen, es hat, als Stammesritual, an Kohäsionskraft verloren, weil die primäre Zielgruppe, die 13- bis 29-Jährigen, sich medial längst auch anderweitig amüsieren kann. Diese Bewegung hat sich auch dadurch nicht aufhalten lassen, dass die Filme immer teurer, die Kampagnen immer lauter und die Merchandising-Artikel immer umfangreicher geworden sind.
Und so gibt, nach Jahren, einer dieser typischen Sommer-Horrorfilme seine verborgene Wahrheit preis: „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“, hieß es 1997, ein Jahr darauf gefolgt von „Ich weiß noch immer, was du letzten Sommer getan hast“, acht Jahre später gesteigert zu: „Ich werde immer wissen, was du letzten Sommer getan hast“.
Die Zuschauer wissen das natürlich auch längst, die Hollywood-Studios machen es ihnen ja auch immer leichter durch die sogenannten Sequels oder durch das Konzept des Franchising, das auch von Fast-Food-Ketten favorisiert wird und das im Kino, um nur einige Beispiele zu nennen, „Spider- Man“, „Mission: Impossible“ oder „Fluch der Karibik“ zu unwiderstehlichen Erfolgsmodellen gemacht hat. Für die Studios ist das der sicherste Weg zur Risikominimierung und Renditesteigerung.
Dass Dramen oder erst recht die Kunst dabei eine Sommerpause einlegen und das Kino der Attraktionen, das turbulente Jahrmarktsvergnügen, triumphiert, ist dabei gar nicht das Problem; ermüdend sind die wachsende Überraschungslosigkeit der Filme und das schrumpfende Spektrum der Stoffe, in welche die Studios die meist dreistelligen Millionenbudgets für einen Sommer-Blockbuster zu investieren bereit sind. Diese Strategie firmiert, erfunden vom 1996 verstorbenen „Top Gun“-Produzenten Don Simpson, unter dem Terminus „High Concept“, einem Begriff, der sich selbst dementiert, weil es dabei gar nicht um hochfliegende Ambition, sondern um drastische Reduktion geht: So einfach, so formelhaft hat die Geschichte eines Films zu sein, dass sie sich in 25 Wörtern oder weniger nacherzählen lässt.
Ausfall oder Appeal-Verlust
„High Concept“ lässt nicht viel mehr zu als testosteronhaltige Action-Filme, inzwischen am liebsten als Adaptionen von gut abgehangenen Fernsehserien oder Comic-Erfolgen; dazu ein paar Komödien, die nicht allzu sophisticated sein sollten, auch ein wenig Horror wie früher die „Scary Movie“-Serie und, seit ein paar Jahren, das digitale Animationsspektakel für die ganze Familie - schließlich eine kleine Dosis von dem, was sich vornehm „Counterprogramming“ nennt: Romantik und Tränen statt Testosteron und Randale.
Nicht erst in diesem Sommer allerdings wirkt Hollywoods Strategie ein wenig matt und arg durchschaubar. „Iron Man 2“ hat zwar in Amerika und Übersee mehr als 600 Millionen Dollar eingespielt (bei einem Budget von immerhin 200 Millionen Dollar). „Für immer Shrek“ ist ein sehr solides Geschäft, die „Toy Story 3“ wird (ab dem 29. Juli) ihren Siegeszug fortsetzen, den sie in Amerika begonnen hat. Aber schon die neueste Folge der „Twilight Saga“, „Eclipse - Biss zum Abendrot“, hat die Erwartungen ziemlich enttäuscht. Teil zwei hatte am ersten Wochenende noch 140 Millionen in Amerika eingespielt; dagegen nehmen sich die 69 Millionen von „Eclipse“ eher ärmlich aus.
Weil auch die griffigste Formel irgendwann an Durchschlagskraft verliert, hat das Onlineportal hollywood.com schon zu Beginn der Sommersaison jene Fragen gestellt, die einem beim Blick aufs Tableau der Filme auch überkommen. „Ist 3 D schon am Ende?“ „Ebbt die Flut der Comic-Adaptionen ab?“ Und: „Does Tom Cruise still matter?“
Wenn nun „Knight and Day“, ein Action-Spionage-Film mit leichten komödiantischen Anflügen, am Donnerstag in deutschen Kinos anläuft, ist diese letzte Frage zumindest vorläufig schon beantwortet. In Amerika sind die Einspielergebnisse für eine Produktion dieser Größenordnung katastrophal - 20 Millionen Dollar am ersten Wochenende bei einem Budget von 117 Millionen. Und das, obwohl Tom Cruise lange als unfehlbarer Erfolgsgarant galt und diesmal auch noch Cameron Diaz an seiner Seite hat. Da verliert ein Blue Chip rapide an Wert - und dieser Sturz hat zugleich Einfluss darauf, wie es mit dem geplanten vierten Teil von „Mission: Impossible“ weitergehen wird.
Man kann nun darüber spekulieren, ob das mit Tom Cruise' enigmatischen Talkshow-Auftritten zusammenhängt oder mit seiner Scientology-Propaganda; oder ob der Mann, der seit fast einem Vierteljahrhundert zu den ganz großen Stars zählt, jetzt, mit 48 Jahren, einfach allmählich seinen Appeal verliert. Und am Ende hat es natürlich auch damit zu tun, dass „Knight and Day“, dessen Drehbuch unzählige Male umgeschrieben wurde, kein Film ist, der einen an heißen Sommertagen ins Kino zieht. Was Regisseur James Mangold, der immerhin „Cop Land“ und „Walk the Line“ gedreht hat, eingefallen ist, gleicht einem Cocktail mit zu vielen Zutaten, aber ohne eine neue Idee - was sich schon an dem gequälten Titelkalauer ablesen lässt.
Tränen und Testosteron
Die Chemie zwischen den beiden Stars hat nicht mal Grundkursniveau, und dieser Geheimagent, den Cruise spielt, wirkt so undurchsichtig, dass er sich selbst wohl nicht recht versteht. Darin liegt durchaus ein komisches Potential, aber Cruise' Mangel an Humor und Timing treten um so deutlicher hervor, als Cameron Diaz eben hinreißend komisch sein kann, wie sie in „Verrückt nach Mary“ bewiesen hat und wie sie es ansatzweise auch in „Knight and Day“ aufblitzen lässt.
An Bord eines Flugzeugs treffen sich die beiden erstmals, nachdem er sie ausgespäht hat; Cruise legt gleich ein paar Killer um, während sie sich ahnungslos in der Bordtoilette frisch macht, und nach der Notlandung verabreicht er ihr ein Schlafmittel. So ähnlich geht es dann auch weiter. Natürlich haben die Actioneinlagen eine gewisse Klasse: eine Geisterfahrereinlage im Berufsverkehr; eine Fahrt mit dem Motorrad, mitten durch einen der berühmten Stierläufe in Spanien, wobei ein paar der Tiere einen Mittelklassewagen im Vorbeitrampeln verschrotten; oder ein kühner nächtlicher Sprung in die Salzach. Aber ein Rest von Sinn ergibt sich aus dem Nacheinander der Orte und dem Durcheinander der Geheimdienstintrigen nicht, weil ein Agentenfilm entweder so albern sein müsste wie „Austin Powers“ oder der Plot ein Minimum an Stringenz haben sollte wie in der „Bourne“-Trilogie. „Knight and Day“ versucht sich am Sowohl-als-auch - und endet folgerichtig im Weder-noch.
Aber noch ist Amerikas fünfte Jahreszeit ja nicht vorbei. Da kommt immerhin Sylvester Stallone in „The Expendables“ (am 26. August); auch von Angelina Jolie in Phillip Noyce' Thriller „Salt“ (ebenfalls am 26. August) und von Christopher Nolans „Inception“ (am 29. Juli) mit Leonardo DiCaprio darf man sich erheblich mehr erhoffen als von dem Tom-Cruise-Vehikel mit Getriebeschaden. Und natürlich freuen wir uns auf die Dosis herzzerreißenden Kitsches, für die man Hollywood schon immer geliebt hat. „Eat Pray Love“ (am 23. September), nach einem oprah-approbierten Buch, schickt Julia Roberts nach Rom, Indien und Bali, auf der Suche nach sich selbst. Aber auch wenn man diese Art von Hollywood-Fernreise gerne bucht - nach den dürren letzten Jahren ist dann doch ein Stoßseufzer fällig: Wann wird es endlich mal wieder Sommer im amerikanischen Kino?
Die wichtigsten Kinofilme in Video-Kritiken der F.A.Z.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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